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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:50

 

Feridun Zaimoglu: Liebesbrand

21.04.2008

Liebe lieber ungewöhnlich

Es ist soweit: Feridun Zaimoglu hat seinen hervorragenden Vorgängerroman Leyla tatsächlich noch einmal übertroffen und sich selbst mit Liebesbrand ein kleines Denkmal gesetzt. In der deutschen Gegenwartsliteratur wird dieser Roman nur schwerlich seinesgleichen finden.

 

Ich bekenne es reumütig: Ich bin einer jener Leser, die je weiter sie in einem Roman vorgedrungen sind, immer schneller, immer kursorischer lesen. Eine Unsitte, doch zumeist eine lässliche Sünde: Denn die meisten Romanciers benützen Sprache, um Geschichten zu erzählen. Bei Feridun Zaimoglu ist dies anders. Er ist Herr seiner eigenen Sprache, einer Sprache, der man sich nur schwer entziehen kann. Jedes verpasste Wort wäre hier eine Todsünde. Und noch dazu kann auch Zaimoglu große Geschichten erzählen! Liebesbrand ist ohne Übertreibung eine jener seltenen literarischen Kostbarkeiten, die der hungrigen Lesemeute nur alle paar Jubeljahre vorgesetzt werden: Ein neuer Klassiker, noch jung und frisch, aber bereits unübersehbar durchdrungen von – Vorsicht: Pathos! – der Aura zeitloser Majestät.

Es hatte sich ja bereits etwas Großes angedeutet. Unabhängig von allen Copyright-Streitereien war Zaimoglus letzter Roman Leyla ein beeindruckendes Zeugnis poetischer und erzählerischer Reife. Mit der Geschichte der jungen Ost-Anatolin Leyla hatte Zaimoglu die Integrationsmisere in die deutsche Literatur gebracht und literarische Ursachenforschung betrieben.Liebesbrand ist da etwas anders geartet. Zaimoglus eigener deutsch-türkischer Hintergrund spielt hier nur eine untergeordnete Rolle. Zwar ist auch der Protagonist seines neuen Romans ein Deutscher mit türkischer Abstammung, für den Handlungsverlauf und die psychologische Entwicklung der Figur ist dies allerdings nahezu nebensächlich. David ist ein ehemaliger Börsianer aus Kiel; einer, der sein Geld gemacht und rechtzeitig die Reißleine gezogen hat. Er ist dem Haifischbecken des enthemmten Kapitalismus entkommen und lebt von seinen früheren Gewinnen – ein durch und durch westlicher Ex-Banker mit türkischen Wurzeln also.

Von Liebe und Tod

Verblüffenderweise startet Liebesbrand trotz allem in der Türkei, und zwar mit dem drohenden Tod: „Es wurde dunkel, es wurde hell, dann aber starb ich.“ Bei einem Busunglück kommt David gerade noch mit dem Leben davon. Das Erste, was seine Augen nach dieser existentiellen Bedrohung erblicken, ist – wie könnte es anders sein – eine wunderschöne, geheimnisvolle Frau; eine Deutsche, die sich kurz um ihn kümmert und dann die Szenerie mit einem deutschen Wagen mit Nienburger Kennzeichen verlässt. Nichts deutet darauf hin, dass David sie jemals wieder sehen wird.

Doch in seinem Kopf verbindet sich die Erfahrung, das Leben noch einmal geschenkt zu bekommen, mit dem tiefen Wunsch nach aufrichtiger, bedingungsloser Liebe. So wird die Helferin zur Obsession, die Liebe zu einem gierigen Verlangen nach dem Höchsten. David findet seine Angebetete – Tyra, also die weibliche Form des Gottes Thor – tatsächlich in der Kleinstadt Nienburg an der Weser. Noch mehrere Male wird er sie suchen müssen. Er folgt ihr nach Prag und Wien, setzt sich auf ihre Spur, versucht in ihr Leben einzudringen.

Das klingt in dieser gerafften Nacherzählung alles nach einem durchaus typischen Liebesroman; nach einer Mischung aus Roadmovie und romantischer Jagd nach der blauen Blume, die in diesem Fall von einer unnahbaren Schönen verkörpert wird. Doch dies allein würde aus Liebesbrand noch nicht das literarische Ereignis der letzten Monate machen. Zum großen Roman wird Liebesbrand durch die dunklen Zwischentöne, durch die Macht der Gewalt und des Todes, die stets hinter der Liebe hervorschimmern. David muss allerhand einstecken. Er wird auf seiner Reise mehrfach verprügelt und auch seine Sexualakte beschreibt Zaimoglu eher als blutige Ringkämpfe denn als intime Zärtlichkeiten.

Liebe ist ohne das Gefühl der eigenen Sterblichkeit nicht zu haben. Ihr Ewigkeitsversprechen konkurriert mit der physischen Tatsache unserer irdischen Vergänglichkeit. Es ist jene Aporie, die den Roman vorantreibt, die Davids sinnloses Werben zur einzig möglichen sinnstiftenden Tätigkeit macht. Eros und Thanatos durchdringen sich, auch die reine Liebe ist untrennbar mit der Gewalt verbunden. Dies findet sich als Nukleus schon im Titel angelegt: Liebesbrand – die Liebe lässt Verheerungen zurück.

Ein Romantiker?

Man irrt keineswegs, wenn man Zaimoglus neuestem Werk einen Hang zur deutschen Romantik zuschreibt. Auch jene wusste ja stets von der Vergänglichkeit des Seins; auch jene zelebrierte den Kult der Nacht, der Melancholie. Zaimoglu ist hier in der guten Gesellschaft von so illustren Autoren wie Novalis, Bonaventura oder Clemens Brentano. Mit einigen von ihnen teilt auch die weibliche Hauptfigur Tyra ihr Schicksal: Aus Resignation vor der Komplexität der Welt flüchtet sie sich in den Katholizismus. Dies mutet nicht gerade wie ein Zufall an.

Trotzdem wird Liebesbrand zu keiner Zeit zu anachronistischem Epigonentum. Dafür ist Zaimoglus Sprache viel zu eigenständig: zeitgemäß und trotzdem immer wieder versetzt mit einem Schuss archaischer Überzeitlichkeit; ab und an direkt und packend, manchmal aber auch subtil, leise und sanft. Zaimoglus Sprachwelten zählen ohne Zweifel zum Allerfeinsten, das die deutsche Literatur derzeit zu bieten hat. Liebesbrand ist das Monument dieser Sprache, aber auch eine zutiefst melancholische, europäische Liebesgeschichte, die über die beiden vermeintlichen Protagonisten hinaus noch wunderbar skizzierte Figuren zu bieten hat. Das ist leidenschaftliche Literatur, die man gelesen haben sollte. Nein, gelesen haben muss.

Sebastian Karnatz


Feridun Zaimoglu: Liebesbrand. Kiepenheuer & Witsch 2008. 352 Seiten. 19.95 Euro.

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