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Marcel Beyer: Kaltenburg

05.05.2008


Geschichte aus der Vogelperspektive

Im Spiegel der Tierwelt bildet Marcel Beyer deutsche Lebensläufe des zwanzigsten Jahrhunderts nach, mit all den Lücken und offenen Fragen, die das Erinnern zwangsläufig mit sich bringt.

 

Ein Waldkauz, der mit panischen Bewegungen die Flammen zu löschen versucht, die an seinen Schwingen fressen; Ringeltauben, die sich aufgrund der ungeheuren Temperaturen im Flug entzünden; wie mumifiziert wirkende Flamingos, denen auf einen Schlag sämtliche Körperflüssigkeit entzogen wurde: solche apokalyptischen Bilder von den bei der Bombardierung Dresdens im Februar 1945 zugrunde gehenden Vögel haben sich unauslöschlich in das Gedächtnis von Hermann Funk eingebrannt.

Das Leben Hermann Funks, Ornithologe und Erzähler in Marcel Beyers neuem Roman Kaltenburg, ist unabänderlich geprägt durch die zentralen Ereignisse der deutschen Geschichte vom Dritten Reich bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Doch nicht nur die Zeitgeschichte übt ihre Wirkung aus, drei Menschen kreuzen immer wieder seinen Lebensweg und bestimmen seine Ansichten und Entscheidungen mindestens ebenso stark. Dominierend ist der Einfluss von Ludwig Kaltenburg, eines charismatischen, aber undurchschaubar wirkenden Zoologen. Funk lernt ihn schon Anfang der vierziger Jahre in Posen kennen, als er ein Gespräch Kaltenburgs mit seinem Vater belauscht, wovon dem Jungen vor allem das Wort „Todesatmosphäre“ in Erinnerung bleibt. Nach dem Zweiten Weltkrieg begegnen sich die beiden erneut; Funk wird Kaltenburgs Assistent an dessen berühmtem Dresdner Forschungsinstitut und hat Teil an den wissenschaftlichen Untersuchungen wie am Privatleben des eigenwilligen Gelehrten. Kaltenburg setzt sich schließlich 1961 in den Westen ab, ohne Funk in seine Pläne eingeweiht zu haben, der in Dresden zurückbleibt, sich aber geistig und emotional nie gänzlich von Kaltenburg lösen kann.

Ebenfalls schon in Funks Kindheit kommen die Kontakte zu dem Künstler Martin Spengler und dem Tierfilmer Knut Sieverding zustande, die weniger als Leitstern wie Kaltenburg, sondern als Gegenpol oder Ergänzung zu diesem auftreten. Geschickt gestaltet Beyer das Trio Kaltenburg/Spengler/Sieverding dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz, Joseph Beuys und Heinz Sielmann nach, deren Lebenswege sich auch in der Realität auf manchmal überraschende Weise miteinander verbanden. Dadurch zieht Beyer eine weitere Ebene in diesen Roman ein, auf der im Changieren zwischen Faktenorientierung und dichterischer Fiktion auch unbekannte Facetten des Lebens dieser Persönlichkeiten beleuchtet werden, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie sich, wenn auch auf unterschiedliche Weise, für das Verhältnis von Mensch und Tier interessierten. Vermittelt über die Tierwelt entstehen in Kaltenburg unverbrauchte Bilder historischer Ereignisse, deren einprägsamstes die oben erwähnte Schilderung der brennend vom Dresdner Himmel fallenden Vögel sein dürfte.

Erinnern ist Händewaschen

Diese indirekte Darstellungsweise ist nicht der einzige gelungene erzählerische Schachzug von Marcel Beyer. So schildert er in Kaltenburg nicht einfach chronologisch den Ablauf der Ereignisse, sondern folgt in Sprüngen zwischen zwei Zeitebenen den Erinnerungen des alten Hermann Funk, die ihm eine mäeutisch begabte Dolmetscherin allerdings erst abverlangen muss. Bedingt durch die Sprunghaftigkeit der Rückschau reißen immer wieder Lücken auf im Lebenslauf der Protagonisten, bleiben Ereignisse im Dunkeln oder werden nur angedeutet. So entsteht, trotz Beyers klarer, gelegentlich mit zoologischem Fachvokabular durchsetzter Sprache, ein Bild mit den für die meisten Rückblicke charakteristischen verschwommenen Konturen.

Die Skepsis gegenüber dem menschlichen Erinnerungsvermögen findet ihren markantesten Ausdruck in der Frau des Erzählers. Sie, eine begeisterte Proust-Leserin, flicht an Abenden, an denen Bekannte über alte Zeiten reden, wiederholt Episoden aus der Recherche du temps perdu ein, in denen sich eine der Figuren Prousts die Hände säubert. Anschaulicher lässt sich kaum ausdrücken, was von den menschlichen Fähigkeiten zur Retrospektive zu halten ist. Und was die Verlässlichkeit der Verweise auf Proust betrifft: nach all diesen Episoden des Händewaschens wird man in der Recherche vergeblich suchen. Die verlorene Zeit lässt sich nun einmal nicht zurückholen.

Carsten Schwedes


Marcel Beyer: Kaltenburg. Roman. Suhrkamp 2008. Gebunden. 400 Seiten. 19,80 Euro.

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