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Uzodinma Iweala: Du sollst Bestie sein!

12.05.2008


Die Stimme der zerstörten Kindheit

Uzodinma Iwealas zu Recht gefeierter Debütroman schafft mit fiktionalen Mitteln einen beklemmend realen Zugang zu den geschundenen Seelen von Kindersoldaten.

 

Ein guter Kritiker, so heißt es, sollte dem zu rezensierenden Werk möglichst unbefangen und vorurteilslos gegenüberstehen, er sollte sich möglichst wenig durch bereits existierende Besprechungen beeinflussen lassen, sollte vielmehr sein Urteil unabhängig und persönlich fällen, auf der Grundlage nachvollziehbarer ästhetischer Kriterien. Bei Uzodinma Iwealas Debütroman Du sollst Bestie sein! scheint dieses hehre Vorhaben allerdings schier unmöglich. Seit seinem Erscheinen in den USA im Jahr 2005 von der anglo-amerikanischen Kritik in höchsten Tönen gelobt, gewann das Erstlingswerk in den Vereinigten Staaten mehrere wichtige Newcomer-Preise und bescherte dem damals 23-jährigen Autor Prophezeiungen einer bedeutenden literarischen Zukunft durch Salman Rushdie und Amitav Ghosh.
Schwer, angesichts eines derart vorausschallenden Rufes unvoreingenommen zu bleiben. Andererseits wird ja viel und oft gelobt.

Hochbrisantes Sujet

Uzodinma Iweala, US-Amerikaner mit nigerianischen Wurzeln, versetzt den Leser in die Psyche des etwa zehnjährigen Agu, der von seiner Familie getrennt wird, als in seiner Heimat der Krieg ausbricht. Auf der Flucht vor den Kugeln, die den Vater „tanzen“ lassen, läuft Agu einer Rebellenmiliz in die Arme, wo der einst viel versprechende Musterschüler als drogengepuschter Kindersoldat ums Überleben kämpfen muss. Ein hochbrisantes, hochaktuelles Sujet also, erzählt in der ersten Person, aus der ungefilterten Perspektive des Jungen, dem seine kindliche Unschuld mit jeder physischen wie psychischen Grausamkeit mehr und mehr entrissen wird. Am Ende, nach unzählbaren erlittenen und begangenen Gewalttaten, bleibt nur noch eine unendlich weit entfernte Erinnerung an das, was war und unwiederbringlich zerstört wurde.

Vergleichsweise wohlbehütet wuchs der Autor Uzodinma Iweala als Sohn eines Arztes und einer hochrangigen nigerianischen Politikerin in Washington D. C. auf. Beasts of no Nation, so der englische Titel, war seine Abschlussarbeit an der Harvard University, wo er Kurse zu kreativem Schreiben bei der Schriftstellerin Jamaica Kincaid besuchte. Das alles macht ihn im Hinblick auf das Thema zunächst einmal verdächtig: Ein junger Bursche aus gehobenen Kreisen lässt sich literarisch ausbilden (Geht das überhaupt, schreiben lernen?), maßt sich ein derart heikles Thema an, von dem er offensichtlich nicht persönlich betroffen ist, und hat dann auch noch Erfolg damit?

Fiktionale Authentizität

Obgleich Du sollst Bestie sein! anders als die meisten Bücher zum Thema Kindersoldaten kein autobiographisches Werk ist, nähert sich diese Fiktion dem erschütternden Sujet auf eine außergewöhnlich bereichernde Weise, da sie gerade aufgrund ihrer ästhetischen Freiheiten eine verdichtete Stimmung erzeugen kann, die das Gelesene emotional zugänglich macht. Die Basis für dieses Nachvollziehen bildet dabei vor allem psychologisches Fachwissen, das sich der junge Student Iweala während seiner Recherche durch kinderpsychologische Fachliteratur sowie Gespräche mit Zeitzeugen des nigerianischen Bürgerkriegs angeeignet hat.
Agus Gefangenschaft in den Zwängen von psychischer und physischer Gewalt, seine Erinnerungen an die geraubte Kindheit und seine Versuche, die eigenen Gräueltaten in die bisherige Existenz einzuordnen, sind nicht nur mitreißend zu lesen, sondern stets glaubwürdig und mit Respekt vor den Betroffenen formuliert. Besondere Authentizität bekommt das Buch durch seine Sprache, welche die beklemmende Handlung auf innovative und äußerst wirkungsvolle Weise stützt. Iweala schenkt Agu einen dem Pidgin-Englisch ähnlichen Dialekt, dessen Vorbild eine nigerianische Gebrauchsform des Englischen ist. In seiner schlichten Kindersprache, deren Hauptmerkmal die beschwörend-fesselnde Repetition simpler Verlaufsformen ist, erzählt Agu so entwaffnend direkt und plastisch, dass auch Anfängern des Englischen das leicht verständliche Original ans Herz gelegt sei. Zumal die Geschichte aus der Sicht eines deutsch sprechenden Kindersoldaten etwas an Authentizität einbüßt, was freilich der glücklichen Tatsache zu verdanken ist, dass es in Zentraleuropa keine Kindersoldaten mehr gibt.

Insbesondere im englischen Original also, doch auch in der deutschen Übersetzung von Marcus Ingendaay, verleiht der viel versprechende junge Autor Uzodinma Iweala den nach Schätzungen der UN weltweit rund 300 000 Kindersoldaten eine kraftvolle, glaubwürdige und unbedingt lesenswerte Stimme.


Kurzinterview
Anlässlich seiner Lesung im Deutsch-Amerikanischen Institut in Heidelberg am 09.04.2008, ergab sich die Gelegenheit Uzodinma Iweala ein paar Fragen zu stellen:

Jörg Döbereiner: Herr Iweala, wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem Buch „Du sollst Bestie sein“?

Uzodinma Iweala: Die Idee, über Kindersoldaten zu schreiben, bekam ich nach der persönlichen Begegnung mit einer ehemaligen Kindersoldatin, die für einen Vortrag zu uns nach Harvard gekommen war. Ich hatte die Gelegenheit, nach der Veranstaltung mit ihr zu sprechen, und was sie sagte, hat mich wirklich sehr bewegt. Ich merkte, wie wenig ich über dieses Thema wusste und dass ich mehr wissen wollte. Diese Erfahrung zusammen mit Artikeln über Kindersoldaten, die ich bereits früher gelesen hatte, gab den Anstoß.

JD: Wie verlief ihre anschließende Recherche?

UI: Auf verschiedene Art und Weise. Nachdem ich mit ihr gesprochen hatte, sprach ich mit Flüchtlingen in Nigeria und mit Menschen, die den nigerianischen Bürgerkrieg miterlebt hatten. Aber dann habe ich vor allem sehr viel gelesen, verschiedene Bücher, aber auch z.B. Interviews oder Texte von Kindersoldaten. Ich recherchierte auch über Kinderpsychologie und darüber, wie Kinder Gewalt sehen und erleben und wie sie dies beschreiben.

JD: „Du sollst Bestie sein“ ist ein fiktionaler Roman. Sie sagten einmal, sie könnten sich auch vorstellen, nicht-fiktionale Texte zu verfassen, beispielsweise als investigativer Journalist. Welche hauptsächliche Funktion, welche Macht hat Literatur für Sie persönlich?

UI: Ich denke, die Literatur gibt Dir einen völlig neuen Raum. Wenn ich mich über Dinge informiere, wenn ich Zugang zu ihnen haben will, dann geschieht das nicht notwendigerweise durch den Journalismus. Gerade wenn man einen emotionalen Zugang zu einer Sache sucht, muss man sich an kreative nicht-fiktionale oder fiktionale Texte wenden. Wenn man beispielsweise Dostojewski liest, dann verschafft einem das einen vielleicht reichhaltigeren Zugang dazu, wie Russland zu einer bestimmten Zeit war, als es ein Historiker, der an bestimmte Konventionen gebunden ist, je vermitteln könnte. Es ist nicht dieselbe Art des Lernens, aber ich denke, man kann auch aus fiktionalen Texten sehr, sehr viel Verständnis mitnehmen.

Jörg Döbereiner


Uzodinma Iweala: Du sollst Bestie sein! (Beasts of no Nation, 2005). Aus dem Englischen von Marcus Ingendaay. Ammann Verlag 2008. 154 Seiten. 18,90 Euro.

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