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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:51

 

Zeruya Shalev: Liebesleben

12.02.2004

 


Packende Obsession

Zeruya Shalev findet immer wieder neue wunderschöne treffende Bilder für die Wirrnisse der Liebe


 

Ich war reichlich voreingestimmt: Ein enger Freund zeigte sich von dem Buch ähnlich entzückt wie Obermotz Reich-Ranicki, der den Roman - ausnahmsweise im Gleichklang mit seinem damaligen Kollektiv – geradezu heilig gesprochen hatte. Eine Freundin war zwar nicht unbeeindruckt, aber prinzipiell verärgert, schon wieder auf die Grundkonstellation „Junges Mädchen im Sog von Altem Mann“ zu stoßen: „Ist das Thema gerade chic? Kein Wunder, dass sich betagte Herren wie MRR und Karasek daran laben, dass - zumindest in der Fiktion - ihre Altersgenossen allein durch ihre Anziehungskraft das Leben von jungen attraktiven Frauen völlig aus den Fugen geraten lassen“, grantelte sie. Von dritter Seite wurde ich vor den langen Sätzen gewarnt, mit denen ich mich gemeinhin schwer tue. Aber der Reihe nach.

Der Rahmen ist schnell erzählt: Ich-Erzählerin Ja’ara trifft auf Arie, einen - in doppelter Hinsicht - alten Freund ihres Vaters und verfällt vom ersten Augenblick an seiner erotischen Anziehung. Die einsetzende obsessive Beziehung zu Arie krempelt ihr gesamtes Leben um, genauer gesagt: ihr bisheriges vermeintlich geregeltes Leben findet quasi nicht mehr statt. Ja’ara wird zur Getriebenen, angezogen von Aries unwiderstehlichem Sog und kurz darauf wieder abgestoßen von dessen blankem Zynismus, Egoismus, Arroganz und Gefühlskälte. Der Name ist Programm - Ja’ara’s Liebesleben frisst mehr und mehr ihr komplettes Leben auf oder andersherum: ihr Leben wird zu einem einzigen Liebesleben, dessen komplettes Spektrum bis in alle Winkel so offenherzig wie erbarmungslos durchleuchtet wird: die immer wieder aufflammende erotische Anziehungskraft, die verzehrende Obsession, Sehnsüchte, seelische Annäherungen, seelische Verletzungen, Selbstaufgabe, Selbstfindung, Macht und Ohnmacht, Glück und Zerstörung...

Das alles liest sich sehr glaubhaft, sehr authentisch, ungeheuer lebendig und tief empfunden. Und Zeruya Shalev findet immer wieder neue wunderschöne treffende Bilder für die Wirrnisse der Liebe. Ja, die Sätze sind lang, aber da sie einfach ohne Punkt aneinandergereiht und nicht ineinander verschachtelt sind, lähmen sie den Erzähl- und Lesefluss nicht, sondern – ganz im Gegenteil - befördern die Lebendigkeit, die Direktheit. Aber es ist wie im richtigen Leben: Man verzeiht sich und seinen Freunden gerne für eine Weile – und mag sich und sie auch gerade für – die Inkonsequenz, die einen immer wieder gegen innere Einsicht handeln, immer wieder in die gleiche Falle tappen lässt. Aber irgendwann, wenn die immer gleiche Schleife zu oft durchlaufen, der Leidensdruck zu offenkundig wird, dann hat man mal die Schnauze voll, und Mitgefühl und Verständnis schlagen um in Zorn. So ist es mir gegen Ende des Buches mit Ja’ara ergangen – für meine Schmerzgrenze war es mindestens ein Hü und Hott zuviel.

„Liebesleben“ war Auftakt einer Trilogie, die mit „Mann und Frau“ bereits fortgesetzt wurde. Der dritte Teil wird noch eine Weile auf sich warten lassen oder vielleicht auch nie erscheinen. Denn die in Israel lebende Autorin zeigt sich zutiefst betroffen von der aktuellen Lage in ihrem Land und fühlt sich in ihrem künstlerischem Schaffen absolut gelähmt. „Es gibt keine Regeln mehr. Es ist das reine Chaos. Du weißt, dass jeder Schritt dein Leben verändern kann. Man versucht, es zu kontrollieren, man weiß, dass man belebte Plätze meiden, nicht mit dem Bus fahren, nicht ins Stadtzentrum gehen soll. Aber die paar Regeln, die es gibt, ändern sich täglich.“ äußerte sie unlängst in einem Interview mit der FAZ.

Textauszug:

„... und ich fühlte Haß aufsteigen, Haß gegen alle, die da draußen saßen, diese Söhne des Lichts, die, auch wenn sie hier und dort ein Problem oder irgendwelchen Ärger hatten, sich doch nicht das ganze Leben zerstörten, und ich sagte mir, dein Problem ist, dass du nicht zwischen deinem Leben und deinem Liebesleben trennen kannst, dabei teilt sie doch eine Mauer. Du glaubst, es ist egal, aber das Liebesleben ist nur ein Teil des Lebens, und nicht der wichtigste, es ist nur eine kleine Tasche im Anzug des Lebens, und alle da draußen wissen das. Deshalb sitzen sie dort und trinken Kaffee und essen Kuchen, und du liegst hier in der Dunkelheit...“


Anselm Brakhage



Zeruya Shalev: Liebesleben. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berliner Taschenbuch Verlag, 368 S., ¤ 9,90. ISBN: 3442760003.

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