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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:52

 

Charlotte Kerner: Kopflos

05.06.2008

Am Ende steht das Leben

Charlotte Kerners Kopflos ist Diskurs über den Sitz der Seele und des Bewusstseins. Die Autorin zeigt Situationen, in denen die Wissenschaften vieles leisten, aber nur der Mensch selbst seine Fragen zum Sinn des Lebens beantworten kann.
Von Ulrich Blode

 

Zwei Menschen liegen im Sterben. Einer ist der berühmte Maler Gero von Hutten, sein Geist ist lebendig, doch der Körper wurde bei einem Autounfall schwer verletzt. Gero wird nie wieder Malen können. Der andere ist der junge Student Josef Metzig. Hirntot. Aber er hat einen unversehrten Körper. Für keinen von ihnen besteht die Möglichkeit auf ein erfülltes Leben.
Da lernen sich Geros Frau Yvonne und Josefs Mutter kennen und beschließen gemeinsam etwas anscheinend Unmögliches. Gero soll Josefs Körper erhalten - oder aus der Sicht der Mutter: Josef erhält einen neuen Kopf!
Bei der ehrgeizigen Ärztin Lena-Maria Kraft stößt der Plan nicht auf sofortige Zustimmung. Und dennoch wagt das Team um Lena das ehrgeizige Experiment und erschafft einen neuen Menschen. Tatsächlich fügen sich die biologisch unterschiedlichen Körperhälften zusammen und beginnen alsbald um die Vorherrschaft zu streiten. So formen sich in Geros Kopf die wunderbarsten Bilder, mit seinen neuen Händen aber kann er sie nicht malen.

Gestorben wird anderswo

Charlotte Kerners Roman ist ein Diskurs über den Sitz der Seele und des Bewusstseins im Menschen. Bereits zu Anfang erzählt sie in einem kurzen Essay über die Definition des Hirntods. Ist mit diesem auch bereits der Mensch gestorben? Was geschieht mit der Seele, denn sein Herz schlägt ja noch.
Je mehr Kerner über die naturwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Vorstellungen des Todes schreibt, umso spannender wird das Thema. Das ist kein Zufall, weil die Autorin als Journalistin versteht, trockene Themen anschaulich zu behandeln. Sie rückt gleichzeitig ein Teil des Lebens in das Blickfeld, der in Deutschland kaum noch als solcher begriffen wird.
Über und vom Tod wird selten gesprochen, gestorben wird anderswo, aber selten unter den Menschen. Die Generationen einer Familie wohnen an verschiedenen Orten und erfahren das Alter, die Geburt und das Sterben nicht als gemeinsamen Lebensweg.

Hirnzentriert?

Das Experiment in Kopflos ist weder phantastisch noch unmöglich. In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts experimentierte Robert White an Rhesusaffen mit Ganzkörpertransplantationen. Und heute finden ganze Gliedmaßen neue Besitzer. Wissenschaftlich erklärbar sind auch die Probleme der Figur Gero/Josef sich zu einem Ich zusammenzufinden. Was für einen Außenstehenden selbstverständlich erscheint, ist für den Betroffenen keineswegs.
Der Hirnzentrismus erweist sich zumindest im Roman nicht als die letzte Wahrheit. Das erkennen nicht nur Gero/Josef, deren Körperhälften zwar mit Medikamenten aufeinander abgestimmt sind, seine Psyche sich erst einstellen muss. Zudem hegt die Ehefrau neue Gefühle gegenüber dem jüngeren Körper des Studenten und hasst zugleich, wie Gero/Josef sich benehmen, seltsame und primitiv anmutende Kopffüßlerbilder malen. Josefs ehemalige Freundin lässt sich gar schwängern.
Das dramatische Beziehungsgefüge ist zugleich eine Schwäche der Erzählung, denn die Stärken Kerners liegen in ihren Fähigkeiten als Wissenschaftsjournalistin. Die Figur der Ärztin Lena ist kein Frankenstein, die in ihrer eigenen Geschichte erst nach erfolgter Operation erstmals mit dem Bild des modernen Prometheus konfrontiert wird. Und so ergeben sich auch recht gewöhnliche Fragen über die Identität des neuen Menschen: Auf wen soll der Personalausweis lauten, wenn die Fingerabdrücke dem Studenten, der Kopf jedoch dem Maler gehört?
Charlotte Kerner zeigt mit Kopflos, dass alles wissenschaftlich Machbare auch irgendwann verwirklicht wirkt. Sie stellt zur Diskussion, wie man als Bürger mit den Herausforderungen umgehen will, alles akzeptiert oder als ethisch und moralisch handelnde Wesen selbst Grenzen zieht.
Am Ende der Erzählung steht das Leben. Der neue Mensch erkennt sein Ich und gibt sich einen eigenen Namen. Was aus den Seelen Josefs und Geros wurde, darüber kann man als Leser nur spekulieren.

Ulrich Blode


Charlotte Kerner: Kopflos. Roman um ein wissenschaftliches Experiment. Piper 2008. Taschenbuch, 266 Seiten, Preis: 12 ¤, ISBN 9783492271462

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