Matthias Renert ist 24, sieht nicht schlecht aus, pflegt ein harmonisches Verhältnis zu seinen Eltern und hat ambitioniert ein Zoologie-Studium begonnen. Doch plötzlich, nach dem zweiten Semester, bricht er ohne Grund seine Studien ab und versucht sich antriebs- und erfolglos mit einer Reihe von Jobs und Ausbildungsberufen. Nichts macht ihm mehr richtig Spaß, nichts will ihm gelingen – zuletzt hängt er nur noch apathisch und trübsinnig zu Hause herum, immer öfter von unerklärlichen Weinkrämpfen geschüttelt. Ratlos greifen die Eltern zu Mitteln und Methoden, die ihnen für diesen außergewöhnlichen Zustand angebracht erscheinen: der agile Vater lädt generös zu einer Italien-Reise ein, die für Matthias jedoch zum Desaster wird; die verzweifelte Mutter schleppt in ihrer Not den Sohn gar zu einem exorzismusgläubigen Teufelsaustreiber. Doch Matthias’ Befinden will sich nicht bessern – schlimmer noch: er weiß nicht einmal genau, was ihm fehlt. Mit einem Trick wird er vom Vater in eine psychiatrische Klinik gelockt und prompt in die geschlossene Abteilung überführt. Wiederholt gibt Matthias zu verstehen, dass er gar nicht verrückt ist, dass er erst recht keine Medikamente braucht. Doch behaupten das hier nicht alle?
Psychogramm eines AndersdenkendenIn der Klinik lernt Matthias die Patientin Anna kennen, deren Souveränität und vornehme Gelassenheit er sofort bewundert. Dass er sich insgeheim in sie verliebt, kann nicht ausbleiben. Eines Tages wagen beide einen ungeplanten Schritt: als Besucherpaar getarnt, spazieren sie einfach durch die Pforte der Klinik hinaus und flanieren durch den Park. Diese überraschende Leichtfüßigkeit gehört gemeinsam mit der einen spontanen Sog entwickelnden Eingangsszene zu den absolut besten Momenten des Buches.
Bis zum Schluss des Romans erfährt der Leser keine Details über die Symptome der Krankheit. Doch das gehört zum Konzept: Depression wird hier als Suche nach einer Struktur im Leben dargestellt, als gleichbleibende Frage nach dem Warum und Wieso – nicht als pathologischer Fall. Matthias kennt sein Problem nicht, also kann er auch keine Lösung finden. „Ein Problem ist nie wirklich ein Problem. Ein Problem ist nur die Ausnahme. Die Ausnahme zur Regel. Aber es wird nie Ausnahme genannt.“
Andreas Keck weiß, wovon er schreibt. Auch wenn sein Debüt den Untertitel „Ein Patientenroman“ trägt, kennt der Autor die Psychiatrie hauptsächlich aus einer anderen Warte: Nach Absolvierung der Studiengänge Soziale Arbeit und Philosophie ist er seit 2002 im ambulanten Psychiatriebereich tätig. Mehrere Romanentwürfe hat er in den vergangenen Jahren verfasst, bis er
Schneeblind schließlich in einem überaus engagierten jungen Berliner Verlag unterbrachte. Wobei sich periplaneta gar als Mediengruppe mit breiter Produktpalette versteht: neben der klassischen Print-Version ist
Schneeblind auch als E-Book im PDF-Format erhältlich, sogar ein Song zum Buch wurde in Auftrag gegeben und inklusive Videoclip mit der Sängerin Kerstin Schrader produziert. Eine
Verlagshomepage mit Zusatzinformationen und eine regelmäßige Veranstaltungsreihe mit dem bezeichnenden Titel
“Vision und Wahn“ im Berliner Duncker Club ergänzen den Medien- und Marketingmix. Für PR ist also mehr als gesorgt, zumal sich periplaneta das ehrgeizige Ziel auf die Fahnen geschrieben hat, die Welt zu retten. Aber Achtung: nicht zuletzt entsteht Schneeblindheit durch allzu große Lichteinstrahlung!
Ingeborg Jaiser
Andreas Keck: Schneeblind. Ein Patientenroman. Periplaneta 2008. 204 Seiten. 12,90 Euro.
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