Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 18:52

 

Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels

07.07.2008

Kamelien oder die kluge Concierge

Was verbindet eine Zwölfjährige und eine über fünfzigjährige Concierge, außer dass sie die gleiche Pariser Luft atmen? So viel, dass Muriel Barbery darüber einen zauberhaften Roman geschrieben hat, der 2007 in Frankreich literarischer Besteller war.
Von Senta Wagner

 

Weiß doch jeder, was eine Concierge ist. In Paris, hauptsächlich in den Stadtvillen, wimmelt es davon. Wir würden von Hausmeisterservice sprechen und damit die Person meinen, die in einem Wohngebäude grob gesagt für Ordnung sorgt. Renée ist so jemand. Sie ist 54 Jahre alt und mehr als ihr halbes Leben lang tätig als Concierge in einer Luxusresidenz. Dort wohnt Paloma mit ihrer Familie. Sie ist zwölf Jahre alt, reich, unglaublich intelligent und hat einen Japan-Fimmel.
Und die beiden dürfen wie verrückt erzählen in dem zweiten Roman der Französin Muriel Barbery, von sich, dem Leben im Haus und ihrer Suche nach der Schönheit in der Welt. Das braucht Platz: der 300 Seiten dicke Roman ist in fünf Großkapitel (inkl. Einleitung) und viele, viele Unterkapitelchen unterteilt. Die Renée-Kapitel werden durchkreuzt von Palomas Aufzeichnungen. Sie schreibt ein Tagebuch voll mit ihren blitzgescheiten Gedanken und ein „Tagebuch der Bewegung der Welt“, wo es um Körperliches und Dingliches geht. Ihre Gedanken presst sie vorab brillant in Form eines Haiku oder Tanka. Renée startet in der Einleitung „Marx“ mit ein paar lockeren Gedanken zu Marx. Später erörtert sie die Phänomenologie von Husserl, die sie als „Hochstapelei“ entlarvt. Husserl verstehen wiederum setzt ein Basiswissen Kant voraus. Klischee Nr. 1, eine Concierge ist niemals gebildet, diese hier gleich eine Verräterin am „Archetyp ihres Berufstands“.

Stimmt nur halb. Der Leser kennt die Gedankenprosa von Renée, erfährt, wie und warum ein Arme-Leute-Kind sich zu einer proletarischen Autodidaktin mauserte. Gegenüber den Hausbewohnern führt die Frau ein klandestines Leben und erfüllt sorgsam jedes weitere Klischee: lässt von morgens bis abends den Fernseher laufen, hat eine dicke Katze, ist kratzbürstig und einfältig, obendrein potthässlich.

Paloma sucht in ihren Tagebüchern nach Gründen, für die es sich lohnt weiterzuleben, denn an ihrem nahenden dreizehnten Geburtstag will sie sich umbringen. Scharfsinnig hat sie die Absurdität der Existenz erkannt, für die die Erwachsenen sich vergeblich abstrampeln. Darauf will sie es auf keinen Fall ankommen lassen.

Störung des Kammerspiels

Mit dem Einzug des Japaners Kakuro Ozu in eine leer gewordene Wohnung gerät das Leben von Renée unmerklich ins Beben. Er entdeckt die verborgenen Leidenschaften der Concierge, ihre Liebe zur Literatur, zu Kunst und Film, überhaupt zur Sprache – Renée wird wach geküsst. Literarische Verweise finden sich übrigens zuhauf. Ihre erste Abendeinladung bei Kakuro gleicht einer hinreißenden und brüllend komischen Reise durch zwischenmenschliche Reiche in japanischem Dekor. Zauber ist immer wichtig für gute Literatur, Schlichtheit und Eleganz im Ausdruck zwei ihrer Voraussetzungen. Barbery ist darin jetzt schon eine Meisterin. Es kommt zu weiteren Treffen. Auch Paloma und Renée verbringen immer häufiger Zeit miteinander, was ihre Berichte – eine feine Idee des Buches – fast zur gedanklichen Deckung bringt.

Lust auf Märchen

Es werden große Fragen gestellt, danach beispielsweise, ob das Leben einen Sinn hat – und charmant und klug und vor allem voller Witz beantwortet. Der satirische Blick von Renée und Paloma auf ihr Milieu und dabei die große Einvernehmlichkeit von Unter- und Oberschicht tragen ihren Teil zu einer gelungenen Lektüre bei. Schließlich erkennt Renée selbst sich als „Prophetin der zeitgenössischen Eliten“ – diese kleine, schlaue Concierge.
Und es wird gezeigt, dass man von der Schönheit der Welt souverän und ungekünstelt schreiben kann. Durch das Leben von Renée und Paloma ging ein Schimmer davon. Kann gut sein, dass Paloma sich gar nicht mehr umbringen will am Ende des Romans. Und schließlich ein bisschen Lust auf Märchen haben wir doch alle.

Senta Wagner


Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels (L’Elégance du hérisson, 2006). Roman. Aus dem Französischen von Gabriela Zehnder. dtv premium 2008. 363 Seiten. 14,90 Euro.

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Ein Geheimtipp der deutschen Literatur

Die Kinder der Finsternis von Wolf von Niebelschütz, erschienen 1959, entführt den Leser in die faszinierende Welt des Mittelalters. Eine Pflichtlektüre findet HUBERT ...

Seid umschlungen Millionen

Die deutsch-rumänische Autorin Aléa Torik versteht es gekonnt, in ihrem Debütroman Das Geräusch des Werdens Geschichten aus der siebenbürgischen Heimat auf das ...

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in ...

Schweizer Käse!

Fromage suisse!

Swiss Cheese!

Andreas C. Studer wollte mit Meine Schweizer Kühe seiner Heimat, Herkunft und den Lieferanten seiner Kochzutaten ein Denkmal setzen. Ein Anhang mit Rezepten aus Milchprodukten soll ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...