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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:53

 

James Graham Ballard: Paradiese der Sonne

20.07.2008

Böse, böse Sonne

Paradiese der Sonne
kann als philosophischer Beitrag zur weltweiten Klimadiskussion gesehen werden, obwohl der Roman vierzig Jahre zuvor erschienen ist. Mehr noch ist er ein denkwürdiger Kommentar über die Vergänglichkeit allen Fortschritts.
Von Ulrich Blode

 

Die Temperaturen steigen auf der Welt, das ewige Eis schmilzt, die wachsenden Meere überfluten die Kontinente und schwemmen die Böden weg. In der Antarktis, auf Grönland und in den ehemaligen Tundren leben die Klimaflüchtlinge in geschützten Städten, wohl wissend, dass es immer heißer wird. Sie treten eine traumhafte Reise zurück in archetypische Gefilde der Menschheit an.

Eine erhöhte Sonnenaktivität hat das Wetter auf der Erde grundlegend verändert. Nur in den Polregionen ist das Leben noch einigermaßen erträglich. Wissenschaftler reisen in die aufgegebenen Gebiete Europas und Nordamerikas und untersuchen die neuen Lebensformen und geographischen Veränderungen. Ist es Berlin, Paris oder London, das der Experte Kerans mit seinen Kollegen aufsucht? Der dichte Dschungel lässt die alten Metropolen alle gleich aussehen. Der Kampf gegen die vorrückende Wildnis ist längst verloren, und doch unternehmen die Wissenschaftler große Anstrengungen, winzige Lagunen trocken zu legen. Die kleine Gruppe gerät bei ihrem verzweifelten Rettungsbemühen in Streit und verliert fernab der Zivilisation ihre Identität. Offene Konflikte brechen aus und bringen die Expeditionsteilnehmer auseinander.

Paradiese der Sonne, das bereits früher als Karneval der Alligatoren auf Deutsch erschien, gehört zu den Endzeitromanen James Graham Ballards, die in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts erschienen sind. In Der Sturm aus dem Nichts, Welt in Flammen, Kristallwelt und Paradiese der Sonne sieht sich die Menschheit mit einer außer Kontrolle geratenen Natur konfrontiert. Mit seiner komplexen und interessanten Schreibweise setzt Ballard die Zivilisation Extremensituationen aus und beschreibt ihren Niedergang, den bereits andere Hochkulturen erlitten haben. Ihm ist dabei weniger der technische oder naturwissenschaftliche Hintergrund wichtig als vielmehr die psychologischen Auswirkungen auf seine Figuren, wie Kerans, den Leiter einer Teststation. Ihr Unterbewusstsein gestaltet die Umwelt und wird wiederum durch diese beeinflusst. Ist das in Paradiese der Sonne noch die Natur wird das 1975 bei Der Block eine gigantische Wohnanlage sein, in der die Menschen durch die strenge Geometrie ihr Selbst aufgeben müssen. Ballard setzt damit ein Gegenstück zu den Erzählungen, die der Technologie die Eigenschaft zusprechen, alle Probleme der Welt zu lösen, und der Menschheit ein neues Bewusstsein des Verstehens versprechen, wie es beispielsweise oft bei der Weltraumfahrt als Kulturgut prophezeit wird. Ballards Reise geht in das Innere seiner Figuren bis hin zu den archaischen Anfängen des Lebens. Sie durchleiden Träume, surrealistische Anwandlungen und scheitern an diesen oder kehren verändert zurück. Geschichte als festgelegte Abfolge historischer Ereignisse bricht ab, die Zeit endet unter der gleißenden Sonne. Kerans letzte bewusste Entscheidung ist die Sprengung des Damms einer mühsam trocken gelegten Londoner Lagune. Danach verliert er sich im unendlichen Dschungel.

Paradiese der Sonne kann als philosophischer Beitrag zu der weltweiten Klimadiskussion gesehen werden, obwohl der Roman vierzig Jahre zuvor erschienen ist. Mehr noch ist es eine Erzählung über den Untergang der Kultur. Über die Konflikte bei der Umsiedlung und das Leben hinter brüchigen Deichen der Städte am Polarkreis erfährt der Leser wenig und dennoch sagen die Einzelschicksale der Expeditionsteilnehmer alles über den gegenwärtigen Zustand der Zivilisation aus, die in der Zeit zurück schreitet bis hin zu einer Welt ohne den Menschen. James Graham Ballards Roman ist ein denkwürdiger Kommentar über die Vergänglichkeit allen Fortschritts.

Ulrich Blode


James Graham Ballard: Paradiese der Sonne (The Drowned World, 1962). Aus dem Englischen von Joachim Körber. Edition Phantasia 2008. 224 Seiten. 14,90 Euro.

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