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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:53

 

Siegfried Lenz: Schweigeminute

20.07.2008


Erinnerung, sprich

Schweigeminute ist insofern ein Alterswerk, als dieses schmale Buch eine Reihe von Themen und Motiven aus Lenz’ früheren Romanen und Erzählungen aufnimmt oder berührt.
Von Andreas Martin Widmann

 

Mit einer Aufforderung zu schweigen beginnt das Buch, mit dem Versprechen des Ich-Erzählers Christian, an der Gedenkfeier zu Ehren seiner Englischlehrerin Stella teilnehmen zu werden, endet es. Dazwischen erinnert sich Christian und erzählt sich selbst, was geschehen ist. Immer wieder adressiert er dabei auch Stella, diese erste große und zugleich unmögliche Liebe seines Lebens, die ein Unglück abgeschnitten hat, noch bevor sie ernsthaft in Frage gestellt werden konnte, etwa durch den Altersunterschied und durch die gesellschaftlichen Anfechtungen, gegen die eine solche Liebe zwischen einem Schüler und seiner Lehrerin sich hätte wappnen müssen. Begleitet wird dieses Bewusstseinsgespräch von der unausgesprochenen Frage, ob eine Erinnerung etwas ist, das wir besitzen oder verloren haben.

Siegfried Lenz gehört unbestritten zu den großen deutschen Autoren der Nachkriegszeit. Seine Deutschstunde erreichte eine Wirkung, wie sie außer der Blechtrommel wohl keinem deutschen Roman beschert war, doch jedes neue Buch von Lenz kommt mit weniger Getöse daher als ein einziger Satz von Grass. So war auch Schweigeminute einfach da. Eine Liebesgeschichte zu erzählen, dies habe er sich für das Alter aufgehoben, hat Siegfried Lenz unlängst in einem Interview gesagt. Schweigeminute ist insofern ein Alterswerk, als dieses schmale Buch eine Reihe von Themen und Motiven aus Lenz’ früheren Romanen und Erzählungen aufnimmt oder berührt: Das Meer natürlich, die norddeutsche Landschaft, auch Masuren kommt vor, geradezu selbstironisch in Gestalt eines pensionierten Geschichtslehrers, der seine Herkunft mit Lenz teilt, und wieder ist der Protagonist ein junger Mann.

Rückkehr zu den Anfängen

Schweigeminute ist auch eine Rückkehr zu den eigenen Anfängen. Die Geschichte spielt in den 1950er Jahren, als Lenz selbst jung war und als seine ersten Bücher erschienen. Stilistisch stand Lenz damals unter dem Einfluss seines Vorbildes Hemingway, von dem er später mit einem programmatischen Essay auf Distanz ging und dem er sich sprachlich nun wieder behutsam anzunähern scheint. Unter den englischsprachigen Autoren, die im Text genannt werden, kommt Hemingway indessen nicht vor. Christian liest George Orwell im Englischunterricht und Stella weiht ihn in die Welt William Faulkners ein. „Während du aus deiner Strandtasche Faulkners Light in August zogst und dich ausstrecktest und wie zur Entschuldigung sagtest, du müßtest diesen Autor einfach lesen, fragte ich dich: ‚Warum, warum mußt du den lesen, im Lehrplan ist der doch nicht vorgesehen?’ ‚Er ist mein Lieblingsautor’, sagtest du, ‚einer meine Lieblingsautoren in diesem Sommer.’“ Und Christian nimmt sich vor, bei nächster Gelegenheit ihren Lieblingsautor zu lesen, oder es zumindest zu versuchen, um Stella besser kennen zu lernen.

Abgeklärt und von großer künstlerischer Reflektiertheit

So bilden die Gespräche über Literatur und Sprache eine zweite Ebene der Erzählung. Sie stellen einen eigenen literarischen Referenzhorizont bereit, und zeugen von der Abgeklärtheit und künstlerischen Reflektiertheit dieser Novelle, die doch nie an der Oberfläche ausgestellt wird, sondern die hinter der äußerlich traditionell daherkommenden Erzählweise aufscheint. Es ist, als wolle der Autor in aller Souveränität begütigend sagen: „Jaja, die Postmoderne, ich weiß schon“, wenn er seinem Erzählerhelden schon das Bewusstsein über die Unmöglichkeit, noch über Liebe sprechen zu können, in den Mund legt: „Ich wollte sagen: Ich liebe dich, Stella! Doch ich sagte es nicht, denn ich mußte in diesem Augenblick an einen Film mit Richard Burton denken, der bei einem Abschied von Liz Taylor die gleichen, sattsam bekannten Worte gebrauchte...“ Umberto Eco hat bekanntlich einen Ausweg aus diesem Dilemma vorgeschlagen, der hier darin bestünde, zu sagen: „Wie Richard Burton jetzt sagen würden: Ich liebe dich.“ Darauf verfällt Christian zum Glück nicht. Stattdessen erzählt er auf eine leise und erschütternde Weise von seiner Liebe und seinem Verlust: „Schnell nahm das Wasser die Asche auf, keine Spur blieb, kein Beweis, nur ein lautloses Verschwinden wurde ahnbar, eine Grammatik des Abschieds.“ Am Ende bleiben Christian ein Foto, ein Brief seine Erinnerungen. „Nach ihm nahmen andere die Sträuße auf und warfen sie ins Wasser, meist gebundene Sträuße, unser Sportlehrer und zwei aus dem Lehrkörper öffneten die Sträuße und ließen die Blumen einzeln neben der Bordwand fallen, wo sie eine sehr leichte Strömung erfaßte, mir kam es so vor, als ginge ein Leuchten von ihnen aus, während sie gewiegt wurden auf dem bewegten Wasser. In diesem Augenblick wußte ich, daß diese treibenden Blumen für immer zu meinem Unglück gehören würden und daß ich niemals würde vergessen können, wie tröstlich sie meinen Verlust bebilderten.“ Damit wohnt dieser großartigen Erzählung bei aller Traurigkeit schließlich noch ein Moment der Zuversicht inne, das für Christian aus der Gewissheit rührt, dass ihm die Erinnerungen an das, was ihm genommen wurde, keiner nehmen kann.

Andreas Martin Widmann


Siegfried Lenz: Schweigeminute. Hoffmann und Campe 2008. 128 Seiten. 15,95 Euro.

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