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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:53

 

Thomas Pynchon: Gegen den Tag

18.08.2008


Nerdcore Reloaded

Thomas Pynchon will in seinem Roman Gegen den Tag die Vorgeschichte der Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts erzählen und verliert den Blick für die historische Realität.
Von Jörg Auberg

 

Als Thomas Pynchons Roman Against the Day 2006 in den USA erschien, lief auch hierzulande die nach der Vollausnutzung der Kapazitäten schreiende Betriebsmaschine an. Die Übersetzung ließ noch knapp zwei Jahre auf sich warten, doch schickten die Führungsstäbe des deutschen Feuilletons ihre Spezialisten aus, um das neue Textmonstrum des „Phantoms der amerikanischen Literatur” in Augenschein zu nehmen und den Lesern serialisierte Erfahrungsberichte ihrer Lektüre zu unterbreiten. In gleichlautenden Depeschen meldete der kulturindustriell eingebettete Frontkorrespondent Denis Scheck im Holtzbrinck-Organ Tagesspiegel als auch im Deutschlandradio, dass es sich bei diesem Buch um eine „Wunderkammer“ und „Meisterwerk“ handele und als „Abgesang auf den Anarchismus als politische Alternative und als erstaunlich kalt erzählter Roman über den Terrorismus“ zu lesen sei.

Ewig stampft die Betriebsmaschine

In symptomatischen autoritären Dekretionen verschickte das deutsche Feuilleton, das für sich in Anspruch nahm, den amerikanischen Dichter Pynchon besser als die amerikanischen Rezensenten zu verstehen, da jene dessen literarische Leistung offenbar nicht recht zu würdigen wussten, Kassiber an das noch im Dunkel der Unwissenheit hockende Lesepublikum, wie dieses Opus summum des phantomhaften Dichterfürsten zu interpretieren sei. Eine Kritik fand nicht statt.

Als Inkarnation der „falschen Intellektuellen“ (wie Jean-Paul Sartre dieses Typus nannte) reflektieren die Feuilletonisten nicht die Widersprüche, die schon in der eigenen Existenz unter den herrschenden Bedingungen begründet sind, sondern präsentieren sich als geschlossene Formation einer Elite, die sich bruchlos in die Strukturen einer Medienindustrie einordnet, zugleich aber über Auswüchse des Kapitalismus räsonnieren kann, um im nächsten Moment mit der Herrschaft sich zu versöhnen. Man bewegt sich im Terrain der akademischen Illuminati und Nerds, die scheinbar alle Argumente gegen die schlechten Verhältnisse parat haben, zugleich aber mit ihnen paktieren.

Die gewerbsmäßigen Kritiker organisieren sich in Form von Fan-Clubs und Gefolgschaften, die sich der Autorität des phantomhaften Autors unterwerfen, der mit der Verknappung der Bildressourcen den Betrieb der Celebrity-Kultur in seinem Sinne vor- und nasführt. Über ideologische Grenzen hinweg agiert die Kritik antiaufklärerisch als Priester der Eingeweihten, die in der Lager sind, in den Text des elitistischen Star-Autoren zu versenken, die diversen Anspielungen auf literarische Genres und Autoren zu entschlüsseln. Als einer der letzten Überlebenden der literarischen Postmoderne wird Pynchon von seinen rasenden Mitläufern gefeiert, die nicht allein das „Sechste Buch Pynchon“ zu entschlüsseln vermögen, sondern mit ihrem Geheimwissen auch den Zustand der Welt adäquat beschreiben und analysieren können. Schon der akademische Hohepriester der Postmoderne, Fredric Jameson, hatte Pynchons ¼uvre als Subversion der Realität durch eine „zunehmende Interpenetration von Hoch- und Massenkultur“ geadelt, ohne – jenseits des akademischen Voodoos – belegen zu können, inwieweit realiter die vorgebliche Subversion in die Wirklichkeit übergreift.

Abschweifung als Selbstzweck

Anders als Pynchons frühere Romane wie Die Versteigerung von No. 49 (1966) verliert sich Gegen den Tag in vorwiegend ziellosen Bewegungen, die häufig lediglich ein Vorwand für Digressionen sind. Auf knapp 1600 Seiten umreißt Pynchon die geschichtliche Periode von der Chicagoer Weltausstellung von 1893 bis zu den frühen 1920er Jahren, wobei er panoramaartig ähnlich wie John Dos Passos die historischen Ereignisse von der Etablierung des amerikanischen Kapitalismus über den ersten Weltkrieg bis zur Zementierung einer neuen globalen Herrschaft beschreibt. Allerdings bleibt Pynchon auch in seiner politischen Utopie hinter der Dos Passos' zurück, da – obwohl er bestrebt ist, die Waffentechnologien der aufkommenden Herrschaft und Katastrophe entlang fiktiver Linien zu beschreiben – die politischen und sozialen Strukturen in seinem Roman keinen adäquaten Ausdruck finden. Die Geschichte spielt sich in paranoiden Bahnen ab, in denen die „Bad Vibes“ (der Kapitalistendynastie von „Scarsdale-wie-wärs-wenn-ihr-alle-im-Dreck-lebt-und-jung-sterbt-damit-ich-in-großen-Hotels-absteigen-und-Millionen-für-Kunst-ausgeben-kann Vibe“) den Ton des Fortschritts angeben. Kapitalistische Organisationsformen werden auf „Carnegie, Morgan, die ganzen Großfürsten des Kapitals“ reduziert; Geschichte wird wie in schlechten Biografien personalisiert. In einer seltsamen Melange aus naivem, apolitischem Linkspopulismus und einem Hotchpotch aus Mathematik und Vektorismus, Entropie und Paranoia, Anarchismus und Okkultismus, Analsex und Doppelpenetration, Kalauern und schlechten Witzen (die zur traditionellen Pynchonia gehören) verliert sich der auswuchernde Text in einer nerdistischen Gigantomanie, die bereits willfährige Pynchon-Wiki-Adepten als Parodie des Leser-Fanatikers auf den Plan gerufen haben, die sich berufen fühlen, für jedes Stichwort im Roman einen entsprechenden Wikipedia-Link ausfindig zu machen.

Die Denunziation des Anarchismus

In den Auf- und Abblenden des aufgeblähten Konvoluts der Figuren und Texte, findet sich die Historie der Traverse-Familie, die in Colorado gegen die neue Herrschaft des „Vampirkapitalismus“ und der „Plutokratenknechte“ aufbegehrt. Webb Traverse, ein Gewerkschafter, der mit Nitro, dem „Medium der Wahrheit“, gegen die Plutokratie zu Felde zieht, wird von Auftragsmördern des Kapitals getötet, und seine Söhne – Frank, Reef und Kit – setzen mit unterschiedlichen Mitteln das Werk des Vaters fort. Symptomatisch für Pynchons apolitische Utopie ist die Reduzierung des Anarchismus auf Gewalt und Dynamit, die einem spektakularistischen Geschichtsverständnis folgt. Pynchon rekurriert damit auf die gewerkschaftsfeindliche Filmpropaganda aus den Jahren vor dem ersten Weltkrieg, die sich in Filmtiteln wie „Dough and Dynamite“, „The Dynamiters“ und „Murderous Anarchist“ ausdrückte. Pädagogische Projekte des amerikanischen Anarchismus jener Zeit (wie die „Modern School“-Bewegung) oder politische und kulturelle Unternehmungen, die Revolte gegen die kapitalistische Herrschaft zu organisieren, haben bei Pynchon keinen Platz. Weder der Anarchismus in den USA noch der im Europa der Vorkriegszeit agiert politisch, sondern eruptiert lediglich in der Aktion von Zeit zu Zeit, um wieder in der Versenkung zu verschwinden. Stets nur tobt sich ein zum Scheitern verurteilter Utopismus aus. „Der Anarchismus wird vorübergehen“, sagt Scarsdale Vibe, „die er hervorgebracht hat, werden degenerieren und schließlich verstummen, doch Geld wird Geld zeugen ...“

Das Problem hierbei ist, dass Pynchon stets nur in den überkommenen, enzyklopädisch aufgeladenen Bildern der Counterculture einer vergangenen Zeit denkt und diese – ähnlich wie William S. Burroughs in seinem Spätwerk – sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft projiziert. Die realen Potenziale der Gegenwart nimmt er dabei nicht wahr. Indem er alles in seiner Pulp-Fiction unterschiedslos vermengt, kann er Unterschiede nicht mehr entdecken. Die „subversive Perspektive“, die ihm Kritiker wie Ron Jacobs attestieren, ist realiter ein Tunnelblick, in dem alles sich in einem diffusen sozialen Text verliert.

Jörg Auberg


Thomas Pynchon: Gegen den Tag (Against the Day, 2006). Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren. Rowohlt 2008. 1596 Seiten. 29,90 Euro.

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