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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:54

 

Christian Mähr: Semmlers Deal

25.08.2008


Beten ist out – dealen ist in

Clever und spannend bis zum Schluss, Pulp Fiction zwischen Theologie und Marx. Von Stefan Heuer

 

„Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Deal mit dem Universum: Wann immer Sie etwas haben wollen, bekommen Sie es. Sie müssen allerdings ein Opfer bringen“ – dieser Auszug aus dem Klappentext zu Semmlers Deal reicht aus, um bei mir eine Assoziationskette in Gang zu setzen: 1979, ZDF-Nachmittagsprogramm, Thomas „Tommi“ Ohrner als Timm Thaler, der Junge, der sein Lachen an den Baron de Lefouet verkaufte und im Gegenzug dafür jede Wette gewann – ein modernes Märchen, das mir als Achtjährigem die Werte des Lebens zu erklären versuchte.

Ganz so märchenhaft ist der Einstieg in Christian Mährs Roman nicht, rasant bringen bereits die ersten Zeilen die Story ins Rollen. Semmler, Unternehmensberater und Erbe mit großem Vermögen und nicht minder großem Ego, kommt während eines Unwetters einer Frau zu Hilfe, deren Auto in einen reißenden Fluss abgerutscht ist – keine Minute zu früh, verabschiedet sich der Wagen doch unverzüglich in die Fluten, nachdem Semmler die unter Schock stehende Frau herausgezogen hat. Er bringt sie zur Polizei und anschließend nach Hause, wo sich die Frau, die sich als Gisela Mießgang und Haushälterin eines als erzkonservativ geltenden Pfarrers vorstellt, mit einem Kaffee und unkompliziertem Sex für ihre Rettung bedankt. Doch nicht nur das: Die Frau irritiert Semmler mit der Aussage, dass es sich beim herkömmlichen Gebet lediglich um „einseitige Bettelei“ handele, weshalb sie es vorziehe und empfehlen könne, stattdessen Tauschgeschäfte mit dem Universum abzuschließen – eine Theorie, die die Frau dadurch untermauert, dass sie als „Opfergabe“ für ihre Rettung ihre Handtasche in die Fluten des Flusses schleudert, in dem sie beinahe ertrunken wäre. Semmler ist skeptisch, wer könnte es ihm verdenken, gibt der Sache jedoch eine Chance und platziert mit einem vergoldeten Feuerzeug einen kleinen Einsatz, um seine bei der Situation am Fluss verschwundenen Hausschlüssel zurückzubekommen – und tatsächlich erhält er seine Schlüssel zurück. Semmler hat Blut geleckt und beginnt, die neue „Geschäftsbeziehung“ für seine Zwecke zu nutzen. Mit jedem Deal mit dem Universum wird die Situation verzwickter, die Wünsche werden größer, und auch die Einsätze steigen... und so unspektakulär einfach wie bei Timm Thaler, der nach folgenlangem Kopfzerbrechen einfach wettet, wieder lachen zu können, ist es hier nicht!

Entmystifizierung von Glück und Unglück

Christian Mähr ist eine gut komponierte Geschichte um das Glück gelungen, die auch das Unglück nicht ausspart – und dies nicht nur in Form von unglücklichen Ereignissen, Zufällen und Unfällen. Detailgetreu entmystifiziert er das Unglück als ein Gefühl, das auch in denen lauert, denen man es auf den ersten Blick nicht ansieht. So auch in der Person Semmlers, der den vielbeschäftigten Lebemann mimt, den termingetriebenen Börsenspekulanten – und der in Wirklichkeit nicht viel mehr tut als auf die regelmäßige Zinsgutschrift seines Erbes zu warten, welches er in soliden Werten angelegt hat. Für alles andere ist er zu feige, sein persönliches Unglück ist eine tiefsitzende Unzufriedenheit, die immer neue Wünsche hervorbringt.

Sympathischerweise wählt Mähr mit der Umgebung von Dornbirn seine eigene Wahlheimat als Schauplatz aus, und so bleibt (zunächst) alles in einer „realistischen“ Welt – obwohl es mich nicht wundern würde, die Story eines Tages als Hollywood-Verfilmung vorgesetzt zu bekommen, denn ein gutes Drehbuch dürfte hier enthalten sein.

Das Ende hält eine zwar schlüssige, dennoch überraschende Wendung bereit, eine in ihrer Konkludenz und Simplizität schwer zu toppende Logik, die das Universum mit Gott und der Welt und zu einem guten Teil auch mit dem Menschen zu verbinden vermag. Clever und spannend bis zum Schluss, Pulp Fiction zwischen Theologie und Marx.

stefan heuer.


Christian Mähr: Semmlers Deal. Roman. Deuticke 2008. 272 Seiten. 19,90 Euro.

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