Schon der erste Satz dieses Buches legt lapidar die etwas schrägen Verhältnisse offen: „Zufälligerweise war der Tag, an dem meine Schwester Gillian beschloss, dass ihr Name künftig mit hartem G auszusprechen sei, derselbe Tag, an dem Mutter aus den Flitterwochen zurückkehrte, vorzeitig und allein.“ Hier berichtet der Ich-Erzähler James Sveck, 18 Jahre, frischgebackener Highschool-Absolvent, wohnhaft in New York City, nicht schwul, latent neurotisch. Seine Familie gleicht einer Baustelle. Der geschiedene Vater, ein Anwalt mit extravaganten Allüren, kümmert sich eher um maßgeschneiderte Anzüge und die kosmetische Korrektur seiner Tränensäcke als um seinen Sohn. Die Mutter hat eben frustriert ihre dritte Ehe beendet (noch ehe sie richtig begann) und stürzt sich in das Betreiben einer erfolglosen Kunstgalerie, was sie immerhin dazu legitimiert, mit halbseidenen Künstlern sündhaft teuer essen zu gehen und absurd modische Klamotten zu tragen. Die drei Jahre ältere Schwester Gillian wiederum ist mit dem deutschstämmigen Literaturprofessor Rainer Maria Schultz liiert, der eine vermeintlich offene Ehe pflegt und sich ansonsten als rechtes Weichei entpuppt.
Suche nach dem unverfälschten LebenKein Wunder, dass James Sveck unter diesen Umständen beschließt, lieber allein zu sein und am besten mit niemandem zu reden. Anstatt wie andere Jungs seines Alters abends auszugehen, durchkämmt er im Internet die Immobilienseiten nach einer altmodischen Villa im Mittleren Westen, die er zu kaufen gedenkt, um dort Trollope oder Proust im Original zu lesen. Dass ihn die Eltern längst im Brown College angemeldet haben und der zukünftige Zimmerkollege schon aufs Band gesprochen hat, hält James nicht davon ab, seine Träume als reale Zukunftsvision zu deklarieren. Aber wer versteht ihn schon? Am ehesten Großmutter Nanette, eine ehemalige Musicalschauspielerin, die in einem alten Haus im Tudor-Stil wohnt und noch richtigen Kaffee kocht, nicht diese Decaf-Low-Fat-Starbucks-Plempe. Oder John Webster, der schwarze, schwule Assistent aus Mutters Galerie, in der auch James den Sommer zwischen Highschool und College gegen Bezahlung totschlagen darf. Vielleicht sogar Miro, der etwas gestörte Pudel der Familie, der meist so tut, als ob er kein Hund wäre.
Subtiles PsychogrammJames Eltern wären wohl noch länger selbstgefällig um ihre eigenen Schrullen gekreist, hätte James nicht im Frühjahr seines Collegeabschlusses diesen Eklat provoziert. Gemeinsam mit jeweils zwei Schülern aus jedem Bundesstaat wird er zu einem einwöchigen Seminar namens „Das Amerikanische Klassenzimmer“ ausgewählt. Die Unterbringung in einem Dreibettzimmer und die übliche Gruppendynamik wirken sich so traumatisch auf den Einzelgänger James aus, dass er in einer Theaterpause einfach flieht, sich mit der Scheckkarte seiner Mutter in ein Hotel einmietet und zwei Tage lang in der National Gallery herumhängt. Doch er wird vermisst gemeldet, schließlich von der Polizei aufgegriffen und kommt nur gegen Kaution frei. Seither wird er zu regelmäßigen Sitzungen bei der Psychiaterin Dr. Rowena Adler genötigt, was lediglich zu einem abstrusen verbalen Schlagabtausch führt. Am Ende geht James doch aufs Brown College und bleibt sogar dort, als seine geliebte Großmutter nach wenigen Wochen an einem Schlaganfall stirbt. Das Ovid-Zitat „Trag es und habe Geduld; dereinst wird dieser Schmerz dir nutzen“, ist nicht umsonst als Motto diesem Roman vorangestellt.
Der in New Jersey aufgewachsene Autor Peter Cameron verfasste herrlich subtil und ironisch, witzig und melancholisch dieses Psychogramm eines verstörten Jugendlichen, das an eine gekonnte Mischung aus
Salingers Fänger im Roggen, Chabons
Geheimnisse von Pittsburgh und einem guten Woody-Allen-Film erinnert. Schon in seinem 1986 erschienenen Debüt
One way or another hat Peter Cameron meisterhaft seine Grundthemen ausgebreitet. In der ersten Story berichtet hier der jugendliche Ich-Erzähler: „Meine Mutter hat wieder geheiratet, mein Vater ist nach Kalifornien gezogen, und ich habe aufgehört zu sprechen. Das heißt, in der Schule rede ich eine ganze Menge, aber zu Hause sage ich kein Wort. Es gibt hier keinen, dem ich irgend etwas zu sagen hätte.“ Peter Cameron ist seinen Sujets über zwanzig Jahre lang treu geblieben – mehr noch: Er hat sie verfeinert, zur Perfektion gebracht und kultiviert.
Ingeborg Jaiser
Peter Cameron: Du wirst schon sehen wozu es gut ist (Someday This Pain Will Be Useful To You, 2007). Roman. Aus dem Englischen von Stefanie Kremer. Knaus Verlag 2008. 256 Seiten. 17,90 Euro.