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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:55

 

Benedict Wells: Becks letzter Sommer

15.09.2008


Carpe diem mit Stolpersteinen

In Becks letzter Sommer erzählt der 23-jährige Benedict Wells eine spannende Geschichte um einen Musiklehrer und seinen genialen Schüler. Leider stolpert der Leser dabei immer wieder über zahlreiche stilistische Patzer.
Von Katharina Bendixen

 

Ein Debüt zu verreißen, ist traurig, noch dazu, wenn der Autor gerade erst 23 Jahre alt ist. Es ist aber auch nicht alles schlecht an Benedict Wells' erstem Roman Becks letzter Sommer. Dennoch reicht das nicht, um den Roman guten Gewissens zu empfehlen und die Schwachstellen lediglich in einem kurzen Nebensatz abzutun. Beginnen wir aber mit dem Positiven.

Wells, der selber in einer Band spielt, hat sich sein Sujet in seinem unmittelbaren Umfeld gesucht, und daran hat er gut getan, denn die Charaktere seines Romans sind vielschichtig und überzeugend: Robert Beck ist ein 37-jähriger Musiklehrer, einer von den coolen: mit Jeans, dunklem Hemd und Lederjacke. Früher spielte er in der Band „Kopfgeburt“, die sogar einen Auftritt in der Muffathalle als Vorgruppe von „New Order“ absolvierte. In die Annalen der Rockgeschichte hat es „Kopfgeburt“ allerdings nicht geschafft, nicht einmal in das Musikmagazin Rolling Stone. Aus Frustration über seine mangelnde Begabung hat Beck das Songschreiben und Jammen längst aufgegeben und sich in die Sicherheit eines gewöhnlichen Lebens zurückgezogen.

Der Traum von der großen Karriere kehrt jedoch zurück, als Beck auf Rauli Kantas aus der 11b aufmerksam wird: Rauli spielt genial Gitarre, singt wie ein junger Gott, und besser komponieren als Beck kann er auch. Beck schnappt sich den Jungen, lässt ihn einen Managervertrag unterschreiben und organisiert in der Schulturnhalle ein Konzert, zu dem er einen alten Bekannten von BMG einlädt. Nun rechnet Beck mit Ruhm und Ehre, doch seine Freundin Lara, eine angehende Modedesignerin, und sein bester Freund Charlie, der ständig pleite ist und mit einem Fuß schon in der Psychiatrie steht, wollen ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholen. So schnell geht es mit dem Plattenvertrag auch gar nicht. Erst einmal unternehmen Beck, Charlie und Rauli in Charlies knallgelbem VW-Passat eine Odyssee nach Istanbul, bei der Charlie seinen kleinen Finger einbüßen und Beck schließlich Rauli verlieren wird.

Becks letzter Sommer lebt von diesen Charakteren, von der Spannung, die zwischen ihnen entsteht, und von der optimistischen, beschwingenden Grundaussage des Romans: Carpe diem! steht zwischen den Zeilen, lebe deine Träume! Allzu oft sieht man jedoch auch das Reißbrett durch diese Zeilen schimmern, spürt genau, welche dramaturgische Funktion den Kapiteln zugeschrieben wird, unter welcher internen Überschrift sie stehen. Da gibt es: „Charlies Hund stirbt“, „Beck lernt eine Frau kennen“, „Rauli erzählt ein Geheimnis“. Die Handlung wird abgespult, erledigt, runtererzählt. Das wäre vielleicht nicht so schlimm, wenn dieses Abspulen souverän erfolgen würde. Leider ist das aber nicht der Fall: Der Roman ist an vielen Stellen sprachlich misslungen.

Zu viel gewollt

Immer wieder stolpert man über ungewollte Redundanzen, ungelenke Formulierungen, stilistische Ungenauigkeiten: „Dabei ist sie eigentlich gar nicht mein Typ, dachte er wieder, obwohl sie natürlich hübsch ist, aber man ist schon auch unsicher, ob das alles hier richtig ist.“ Oder: „Da er wusste, wie schwach er war, schüttete er das Bier in der Hand sowie alle seine anderen Bierflaschen in die Spüle.“ Vieles passiert „einfach“ oder „plötzlich“, die Figuren „meinten“ etwas, dann folgt indirekte Rede. Erzählton und Erzähltempo bleiben weitgehend gleich, alles wird beschrieben und benannt. „Beck fühlte sich in diesem Moment ziemlich glücklich und, wenn er ehrlich war, jung und lebendig.“ – „Am nächsten Tag war Rauli aufgewühlt. Beck hatte den Jungen selten so wütend erlebt. Er lief unruhig durch den Musikraum.“ Angesichts solcher Beschreibungen möchte man dem jungen Autor die Schreibschulweisheit Nummer eins zurufen: show, don't tell!

An einer Stelle heißt es über Beck: „Auf einmal hielt er es nicht mehr aus. Er stand ruckartig auf, wollte irgendwas tun, irgendwas verändern. Seine Fäuste waren geballt. Da war so viel Wille. Eine Weile stand er einfach nur so da und wollte. Dann setzte er sich wieder hin und sah fern.“ In gewisser Hinsicht ist Wells' Roman wie sein labiler Protagonist: Er will viel und schafft wenig. Ebenso wie der Beck durch sein Sicherheitsbedürfnis sich selbst im Weg steht, wird die spannende Handlung von Becks letztem Sommer immer wieder vom Roman selbst ausgebremst.

Katharina Bendixen


Benedict Wells: Becks letzter Sommer. Diogenes 2008. 464 Seiten. 19,90 Euro.

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