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Igor ¦tiks: Die Archive der Nacht

06.10.2008


Ein Unglück kommt selten allein

Igor ¦tiks Roman lüftet das stattliche Geheimnis um das Schicksal eines Schriftstellers vor der Kulisse des Balkankriegs einerseits, den Schatten der historischen Katastrophen des letzten Jahrhunderts andererseits.
Von Senta Wagner

 

Gar nicht so lange her, der letzte Krieg in Europa. Und weil gerade die Pekinger Olympiade in aller Munde war, in Sarajevo, da fand doch auch mal eine statt. In seinem zweiten Roman Die Archive der Nacht nimmt sich der 31-jährige Schriftsteller Igor ¦tiks, gebürtig aus Sarajevo, des verheerenden Krieges auf dem Balkan an, insbesondere in Bosnien-Herzegowina, und schafft mit dem belagerten Sarajevo zu Beginn des Jahres 1992 einen intimen Raum für das Agieren und die Introspektion seiner Figuren.

Richard Richter, der fünfzigjährige Ich-Erzähler und Dreh- und Angelpunkt des Romans, ist ein aus Wien stammender Schriftsteller – und überhaupt der allerverzweifelteste Mensch. Es verschlägt ihn nach einer gescheiterten Ehe von Paris zwecks Neustart zunächst nach Wien zu seiner Tante, nach Jahrzehnten der Funkstille. Als Vollwaise wurde Richter von der Schwester seiner Mutter Paula großgezogen, die „so etwas war wie ein Mond, der immerfort die Schatten seiner eigenen Besorgtheit auf seine Jugend geworfen hatte“.

Explosives Projektil

Richter entspannt sich, bis er bei Umbauarbeiten in der Wohnung auf „ein explosives Projektil für die Zukunft“ stößt: das Vermächtnis seiner Mutter. Ein Brief an einen ihm unbekannten Jakob Schneider, datiert Ende 1941, also kurz vor seiner Geburt. Beim Lesen macht es in Richters Kopf hörbar klick und aus dem beschaulichen Dasein mit Tante entfesselt sich eine Familientragödie: Richters Vater ist gar nicht sein richtiger, sondern ein ehemaliger Widerstandskämpfer namens Jakob Schneider ist der leibliche. Pikanter und überlebenswichtiger Grund für das Verheimlichen der Vaterschaft: Schneider war Kommunist und, schlimmer noch, Jude – Richard Richter damit Halbjude. „Unser ganzes Leben war von Grund auf mit der Frage nach den Vätern verbunden, es gründete auf dem Hass auf die Väter.“ Der Holocaust und die Verbrechen des Nationalsozialismus werden in dem Roman lebendig, der Zweite Weltkrieg und der Balkankrieg ineinander gespiegelt. Richter freilich erschüttert das Wissen um seine geheimnisvolle Identität und Herkunft abgrundtief.

Annäherung und Abschied

Die Wahrheit muss her, und Richter betritt hoch offiziell als Kriegsreporter das „Spielfeld“ Sarajevo, wo Schneider ursprünglich herstammte. Dort beginnt die irrsinnige Undercover-Suche nach dem Vater, der noch leben könnte, spannend geschildert im Antlitz von Granatenangriffen und Heckenschützen. Durch die junge Schauspielerin Alma und den Studenten Ivor, denen Richter während seines kurzen Aufenthalts begegnet, erfährt er „Liebe und Freundschaft“, ein späterer Tabubruch nicht ausgeschlossen. Alma fasziniert Richter. Ihre Dramatisierung des Homo Faber von Max Frisch an einer Sarajevoer Bühne und ihre daraus abgeleitete besondere „Sicht des Krieges“ stellen für Richter einen außergewöhnlichen Zugriff auf das Verstehen der (Kriegs-)Wahrheit dar, zugleich wird durch die Frau sein Schicksal besiegelt. Das sind starke Passagen in dem Buch, in denen auch die kritische Haltung des Autors nicht verborgen bleibt gegenüber einem untätigen Europa während des Balkankriegs.

Alma und Ivor sind die eigentlichen Adressaten seines Berichts (Manuskripts), den er rückblickend – Mission beendet, dabei „gestorben und wieder neu geboren“ – zurück in Wien schreibt, formal angelehnt an eine griechische Tragödie. Die Retrospektive verleitet ¦tiks jedoch zu haufenweise düsteren Prophezeiungen und Warnungen vor dem nahenden Unheil, Richters wahrscheinliches Scheiden aus dem Leben inklusive. Er streut mythologische Verweise ein, zieht Parallele auf Parallele und türmt ein Geflecht an unglaublichen Zufällen auf – schlimmer geht immer. Dafür hätte man ihn ausbremsen müssen. Sprachlich bleibt das alles ansonsten anständig.

Ein junger, talentierter Autor hat eine „sekundenkurze Geschichte von Annäherung und Abschied“ geschrieben, doch die Anstrengung, das ist das Gemeine, kippt immer wieder in die Überanstrengung, einen beachtlichen Roman politisch, geschichtlich, literarisch und mythologisch zu voll zu bepacken. Sein charmantes Debüt hat Igor ¦tiks damit weit hinter sich gelassen.

Senta Wagner


Igor ¦tiks: Die Archive der Nacht (Elijahova stolica, 2006). Roman. Aus dem Kroatischen von Marica Bodro¸ić. Claassen 2008. 376 Seiten. 19,90 Euro.

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