Ein Mann verschwindet einfach, lässt alles zurück: Frau, Baby, Job, Eigentumswohnung. Völlig überraschend, völlig grundlos, scheinbar. Zehn Frauen, deren Wege sich – auf ganz unterschiedliche Weise und Intensität – mit seinem gekreuzt hatten, erzählen über ihre Verbindung mit ihm, mit Richard Taylor. So weit die Konstruktion dieses Romans, die für sich genommen schon einen Originalitätsbonus beanspruchen darf.
Natürlich läuft dieses Konstrukt auch Gefahr, zusammenhanglos zu geraten, was aber nicht passiert. Ein Missraten bleibt aus, nicht nur, weil eben die zentrale Figur als Bindeglied fungiert, sondern auch, weil die Gesamtheit der Perspektiven ein wunderbar buntes Bild von Lebensentwürfen und Lebenshaltungen offenbart, die jeden mehr oder weniger betreffen. Arnaud Cathrine versteht es blendend, ganz unprätentiös universale Themen zu berühren, indem er sie, ganz unterschwellig, in alltäglichen Skizzen und Szenen spiegelt.
Ein weiterer wesentlicher Grund für den Wohlklang der Romankomposition liegt in der Finesse Cathrines, das Bild des Vermissten quasi durch indirekte Beleuchtung zu erhellen: Die Frauen erzählen weniger direkt über den Vermissten, über ihre Sicht, ihre Erinnerung an ihn; sie erzählen vor allem über sich selbst, über Begebenheiten und Probleme, die zunächst gar nicht im Zusammenhang zu Richard Taylor stehen, und erst diese Vermischung aus Schilderung der eigenen Lebenswirklichkeiten einerseits und des Verhältnisses zu Taylor andererseits schärft die verschiedenen Perspektiven und fächert ein facettenreiches Mosaik des Außen- und Innenlebens Richard Taylors auf.
Gelungene Konstruktion, wunderbare SpracheSehr wohltuend auch die offen bleibende Ambivalenz in Bezug auf Beurteilung und Konsequenzen der Flucht Richard Taylors aus seinem Leben – die im Übrigen letztlich initiiert wurde von der regelmäßigen Wahrnehmung unzweideutiger Laute einer Nachbarin, die ihr – selbst erzeugtes – Lustempfinden ganz hemmungslos und lautstark preisgibt. Für Richard Taylor spiegelten diese Zeichen ungezügelter Lebenskraft und -lust in eklatanter Weise das Fehlen selbiger Attribute in seinem eigenen Leben wider. Ambivalenz also in dem Sinne, dass man zwar als Leser den Ausstieg Taylors im Laufe der Lektüre nicht nur nachvollziehen lernt, sondern ihm fast dazu beglückwünschen möchte; dass aber auch das sukzessive Hinabgleiten Taylors in tiefe seelische Not, geprägt von Entwurzelung, Isolation und tiefer Einsamkeit, genauso nachvollziehbar erscheint. Keine Verklärung also im Sinne eines erlösenden Befreiungsschlages, aber auch keine moralische (Ab-)Wertung geschweige denn Verurteilung des Aufbruchs, der mit einem rigorosen Abbruch beginnt und in einen Schiffbruch mündet. Die Wahrheit liegt wie immer in den endlosen Weiten zwischen den Polen.
Ach so, nicht zu vergessen: Jenseits der gelungenen Konstruktion, jenseits aller klugen Gedanken und tiefen Einblicke in die menschliche(n) Seele(n) – Arnaud Cathrine kann einfach wunderbare Sätze formen. Glückwunsch an Liebeskind zu diesem bereichernden Autor !
Anselm Brakhage
Arnaud Cathrine: Richard Taylor wird vermisst (La disparition de Richard Taylor). Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind 2008. Gebunden. 221 Seiten. 19,90 Euro.