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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:56

 

Gilles Leroy: Alabama Song

13.10.2008

Pulp Faction

In seinem biografischen Roman Alabama Song über das Künstlerehepaar Francis Scott und Zelda Fitzgerald assembliert Gilles Leroy altbekannte Materialien zu einem Oberflächenporträt, das in seiner kunstgewerblichen Drapierung zumindest den literarischen Marktwert des Autors erheblich steigerte. Von Jörg Auberg

 

Zu Beginn der Postmoderne stocherte der Kulturkritiker Dwight Macdonald im Müll der Zeit und fand ein Phänomen, das er „Midcult“ nannte. In seinen Augen wurde aus der Vermengung der Errungenschaften der Avantgarde und den Techniken der Massenkultur der „Kitsch für die Elite“ fabriziert, der am Ende die Hochkultur vollends zu korrumpieren und in den Abgrund zu stoßen drohte. Schließlich triumphierte ein intellektuell aufgebrezelter Schund, der als „große Literatur“ gefeiert wurde.

Reprise des Altbekannten

In diese Kategorie fällt auch Gilles Leroys Alabama Song, ein mit dem prestigiösen Prix Goncourt dekorierter biografischer Roman über Zelda Fitzgerald, der aus der Perspektive seiner Hauptfigur die stürmische, schließlich gescheiterte Ehe mit F. Scott Fitzgerald in den Jahren zwischen beiden Weltkriegen erzählt und die Geschichte mit „Produkten“ aus Leroys Fantasie aufbläht. Die Argumentation, Zelda Fitzgerald sei von ihrem eifersüchtigen Gatten an einer Künstlerkarriere gehindert und in ihren Talenten ausgebeutet worden, wurde bereits von Nancy Milford 1970 in ihrer Biografie „Zelda“ aus feministischer Sicht ausgeführt, die Leroy verwässert und an ein großes Publikum als Ehrenrettung einer verkannten Künstlerin verhökert.

Die Vermischung von Fakten und Fiktion, die Aufbereitung biografischer Details mit erfundenen und erdichteten Begebenheiten können der Geschichte keine neuen Einsichten entringen. Stattdessen kaschiert Leroy die Reprise des Altbekannten mit kunstgewerblichen Effekten, um seiner Figur „endlich Gerechtigkeit“ widerfahren zu lassen und die vorgeblich unterdrückte Künstlerin, die schändlich unter ihrem Mann zu leiden hatte, gegen die Verrisse und Verkennungen von einst zu rehabilitieren. „Zu all seinen Meisterwerken habe ich beigetragen“, lässt Leroy seine Romanfigur über F. Scott Fitzgerald sagen, „nicht als Muse, nicht als Stoff, sondern als unfreiwilliger Neger ...“ Bekanntlich hat Fitzgerald seine Frau nicht nur als Vorlage für seine Figuren (wie beispielsweise Nicole Diver in Zärtlich ist die Nacht) benutzt, sondern hat ihre Tagebücher für seine literarische Arbeit „ausgewertet“ und sogar von ihr geschriebene Kurzgeschichten unter seinem Namen veröffentlicht.

Konkurrenz um den Mehrwert

Leroy reduziert die Konkurrenz zwischen Scott und Zelda Fitzgerald auf die in hohem Maße persönlich verengte Perspektive des Paares, wobei er gängige Gerüchte und Klischees (etwa Zeldas ausgeprägtes Ressentiment gegenüber Ernest Hemingway, der grobschlächtig als Lewis O'Connor karikiert wird) neu assembliert, ohne jemals die den Kampf um den Mehrwert einer auf Öffentlichkeit und Besitz ausgerichteten paarweisen Existenz ernsthaft zu reflektieren. Weder spielen die Strukturen des „Jazz Age“, in denen sich sowohl Scott als auch Zelda Fitzgerald mit ihren alkoholischen und gesellschaftlichen Exzessen inszenierten, noch die aufkommende Kulturindustrie, die den Markt für Autoren neu definierte, ihnen neue Möglichkeiten und zugleich vielschichtige Abhängigkeiten eröffnete, eine Rolle. So bleibt das Scheitern beider Einheiten des Paares – das sowohl im Alkoholismus als auch in der Schizophrenie begründet war – auf an der Oberfläche haftende persönliche Defizite (vor allem Scott Fitzgeralds) fixiert. Trotz des scheinbar modernistischen Verfahrens, die Konflikte aus der Perspektive einer psychisch zerrissenen Figur zu präsentieren, steht Leroy in der Tradition von populärbiografischen Romanciers wie Irving Stone, der in seiner „pulp faction“ den „Hymnus des Individuellen“ (Leo Löwenthal) singt, während alles schon zum Massenartikel geworden ist. Am Ende reüssiert Leroy mit verlogenem Schund auf dem Markt, der im Tausch das absolute Opfer fordert. Der Betrieb zeichnete ihn dafür mit dem Prix Goncourt aus.

Jörg Auberg


Gilles Leroy: Alabama Song (Alabama Song, 2007). Aus dem Französischen von Xenia Osthelder. Kein & Aber 2008. 236 Seiten. 19,90 Euro.

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