Er ist ein einziges Phänomen. Kaum ein europäischer Dichter ist in deutschen Feuilletons so präsent wie er. Jede seiner unzähligen Reden findet irgendwo eine gedruckte Zweitverwertung. Seine Essays werden als Heiligtümer einer literarischen Ost-West-Verständigung götzenhaft verehrt. Und seine Romane inzwischen geradezu exegetisch besprochen. Den Literatur-Nobelpreis hat er genauso verdient gewonnen wie unzählige andere Auszeichnungen – Orhan Pamuk verkörpert wie kaum ein anderer Literat die zeitgenössische Weltliteratur.
Wer seine Essays liest, könnte ins Schwärmen geraten: Da schreibt ein Literaturbesessener, einer der weiß, dass Romane im besten Fall etwas Magisches an sich haben können. Pamuk sieht sich im Bunde mit Proust, Nabokov und Poe, er beruft sich auf eine dezidiert europäische Kultur, zu der nicht nur Literaten, sondern auch Breughel und Cézanne, Daniel Spoerri und Marcel Duchamp gehören. Bei so viel Namedropping, bei so viel zur Schau gestellter Intellektualität kann dem unbedarften Leser durchaus der Kopf schwirren. Ist das nicht zu viel? Diese Frage stellt sich kontinuierlich bei jedem neuen Roman des türkischen Großromanciers.
Pamuks literarisches Leitmotiv leitet sich seit geraumer Zeit, spätestens aber seit den Meisterwerken
Rot ist mein Name und
Schnee, aus einer interessanten Dichotomie ab: Die Thematik bezieht der Romancier zwar aus dem – europäischen Lesern oft fremd anmutenden – türkischen Kulturkreis, die Webart seiner Romane jedoch ist zutiefst geprägt von der westlichen Literaturgeschichte.
Die Unmoral der Moral
Pamuks Sprachbilder klingen – so weit wir dies den hervorragenden und flüssig lesbaren Übersetzungen entnehmen können – seltsam vertraut. Manierierte Archaismen, die einen spezifisch türkischen Erzählkontext vorspiegeln sollen, sind dem aufgeklärten Weltliteraten fremd. Gerade deswegen haben Pamuks Romane längst Eingang in den Kanon der europäischen Gegenwartsliteratur gefunden – ja sie entstammen geradezu dieser Traditionslinie.
So gehören anatolische Selbstmörderinnen und die Auseinandersetzung mit dem Islamismus längst zum Themenfundus der europäischen Literatur. In wenigen Jahren wird in diesem Fundus auch die High Society Istanbuls der 70er-Jahre ein Platz gefunden haben. Denn es ist die türkische jeunesse dorée, die das Milieu des neuen Pamuk-Romans
Museum der Unschuld bildet. Die Geschichte ist schnell erzählt und wahrscheinlich so alt wie die Literatur selbst: Ein Mann namens Kemal verliebt sich in eine Frau namens Füsun, doch gesellschaftliche Zwänge verhindern eine Heirat. Pyramus und Thisbe grüßen aus der Ferne. Doch um diese alte Melodei herum entspinnt sich ein fein ziseliertes Porträt einer türkischen Gesellschaft im Aufbruch, das die alten Meister der Beschreibung gesellschaftlicher Repressionen – Flaubert, Stendhal, Fontane – nicht besser hinbekommen hätten. Es ist die Unmoral der Moral, die Gräben zwischen den Liebenden aufbaut: Gräben, die das Leben nicht überwinden kann.
Die Freuden des vorehelichen Geschlechtsverkehrs lassen aus Liebenden Büßer werden. Die Richtlinien einer vornehmen Gesellschaft, die gerne unter sich bleibt, schließen eine Ehe zwischen dem reichen Kemal und der armen entfernten Verwandten Füsun aus. Was den beiden bleibt, ist eine stürmische Affäre und die Erinnerung an die glücklichen Stunden der Lust:
„Liebend gern hätte ich einem verständnisvollen Menschen (...) erzählt, dass ich Dinge, die mich an Füsun erinnerten, in den Mund genommen und mich damit gestreichelt hatte und schließlich unter Tränen zum Höhepunkt gekommen war.“
Doch spätestens hier, in der gesellschaftlich erzwungenen Trennung von der Geliebten, wird Ich-Erzähler Kemal zum Besessenen – und Füsun zu seinem Fetisch: Er verehrt jene Dinge, die seine Geliebte berührt hat. So gereichen ihm die Zigarettenstummel Füsuns zur Erinnerung an die vergangene Zeit, so lindern sie als sexuell aufgeladene Kontaktreliquien den Schmerz der Trennung.
Erinnerung und Gegenwart
Das
Museum der Unschuld ist nicht nur das detailgetreue Porträt einer zerrissenen Gesellschaft, nicht nur eine große literarische Liebesgeschichte, sondern auch ein gelehrtes Traktat über die Macht der Erinnerung. Pamuks Romane tendieren schon seit jeher gerne zur „Diskursliteratur“. Sie erzählen Geschichten und geben dem Leser gleichzeitig das nötige intellektuelle Rüstzeug zu deren Analyse an die Hand.
Das Museum der Unschuld ist gesättigt mit klugen Ausführungen zur Erinnerungskultur, zum Fetisch der Mnemosyne:
„Wenn wir uns ausgiebig küssten, stellten wir fest, dass sich neben unseren feuchten Mündern und unseren herausfordernden Zungen auch unsere Erinnerungen in die Sache einmischten. Ich küsste also zuerst Füsun, dann die Füsun in meinem Gedächtnis, dann öffnete ich die Augen, schloss sie wieder und küsste die gerade gesehene Füsun und die in meiner Erinnerung (...).“
Erinnerung und Gegenwart mischen sich schon im Liebesakt, doch nach der Trennung bleiben nur noch das Vergangene und die Sehnsucht nach dem einst erträumten Leben. Als jedoch auch diese Sehnsucht stirbt, institutionalisiert Kemal seinen Fetisch. Er richtet seiner Liebsten ein Museum ein – ein Museum, das die Artefakte der Erinnerung an Füsun und an ihr gemeinsames Istanbul versammelt: „1. Museen sind nicht zum Besichtigen da, sondern zum Erfühlen und Erleben; 2. Die Seele des zu Erfühlenden wird von der Sammlung gebildet.“ Kemal überwindet die Krise der Gegenwart durch die heilende Kraft der Erinnerung, die jedoch sein bisheriges Leben als Tribut fordert. Wie ein Getriebener bereist er Tausende von Museen – als ewiger Tourist der Erinnerung.
Ein etwas zu langes Stück Weltliteratur
Dass Orhan Pamuk, als gelehriger Meisterschüler der postmodernen Literatur, am Ende zuverlässig die über 500 Seiten lieb gewonnene Erzählperspektive aus den Angeln hebt, gehört ebenso zu seinem gewohnten Repertoire wie das Spiel mit Dichtung und Wahrheit. Denn wer
Das Museum der Unschuld gelesen und gekauft hat, ist auch herzlich eingeladen, das echte Museum der Unschuld in Istanbul zu besuchen, das in Bälde seine Tore öffnen wird. Ein Pamukscher Erinnerungstempel, der den Diskurs des Buches als Istanbul-Museum noch einmal variiert. Hier ist Pamuk wieder einmal seinem großen amerikanischen Verwandten Paul Auster nahe, der ebenso beständig wie er Realität und Literatur postmodern vermischt.
Doch in letzter Konsequenz wissen sowohl Auster als auch Pamuk, was ihr eigentliches täglich Brot ist: die Liebe zur Literatur und gute Geschichten. Beides findet sich im
Museum der Unschuld im Überfluss. Pamuks neuer Roman ist tatsächlich ein großes Stück Weltliteratur mit zwei Figuren, an die man sich noch lange erinnern wird. Denn während die Figuren in Pamuks früheren Roman oft etwas schematisch angelegt waren, erscheinen sie hier lebendig, lebensnah. Dass die Geschichte dann gegen Ende etwas an Fahrt verliert und sich spürbare Längen einschleichen, trübt die Leselust aber nur sehr geringfügig.
Sebastian Karnatz
Orhan Pamuk: Das Museum der Unschuld. Roman. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Carl Hanser Verlag 2008. 576 Seiten. 24,90 Euro.