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Ricardo Adolfo: Mizé. Die schärfste Braut der Vorstadt

20.10.2008


Mit Porno zu Reichtum und Ruhm?

Ein stimmiger, lebensnaher Unterhaltungsroman über Träume und Desillusionierung, der nach etwas holprigem Start richtig Fahrt aufnimmt und zu überzeugen weiß. Von Anselm Brakhage

 

Man tut einem Buch nicht unbedingt einen Gefallen, wenn man dessen Autor mit einem zweifellos Großen wie Pedro Almodóvar vergleicht. ‚Der neue Almodóvar kommt aus Portugal’ prangt es in gelben Lettern auf dem roten Schutzumschlag. Jedenfalls fühlte sich der geneigte Rezensent schon nach wenigen Seiten auf eine falsche Fährte gelockt: Der Vergleich des portugiesischen Autors Ricardo Adolfo mit dem spanischen Filmregisseur Pedro Almodóvar erscheint so weit hergeholt wie etwa eine behauptete Verwandtschaft von Houellebecq und Astrid Lindgren. Na ja, fast.

Ricardo Adolfo blättert in seinem Roman Mizé gleich auf den ersten Seiten ohne jede Umschweife die Grundkonstellation der ganzen Geschichte auf: Der unbeholfene und in Sex- und Liebesangelegenheiten reichlich unerfahrene Palha kann sein Glück nicht fassen, als die strahlende, von allen begehrte Mizé ihn tatsächlich auch mal ran lässt. Palha weiß es zwar, und der Leser wird es bald erfahren: Diese Gunst wird und wurde wohl der halben männlichen Vorstadtbevölkerung zuteil. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb möchte Palha sein Glück festhalten, in Stein meißeln, verewigen: Mizé solle ihn heiraten, beschwört er sie, fleht er sie an.

Haudrauf-Intro als Spaßbremse

Das kommt reichlich naiv erzählt daher, und das soll es sicher auch, dem Naturell Palha’s entsprechend. Aber, auch wenn die Sprache zur Figur passt, mutet dieser Romaneinstieg irgendwie an wie ein Haudrauf-Intro: Man fühlt sich als Leser hartnäckig bedrängt, hier doch bitteschön etwas nachzuvollziehen, was zunächst wenig authentisch, sondern aufgesetzt und letztlich nicht wirklich glaubhaft wirkt; erst recht nicht, als Mizé Palhas Werben zwar halbherzig, aber dann doch nachgibt.

Eine leichte Ernüchterung stellt sich also bereits nach dem ersten Kapitel ein, die hohe Erwartungshaltung – Almodóvar’s Schatten! – wird erstmal gehörig gedämpft. Dann aber – nachdem der Leser sozusagen unsanft auf dem Boden gelandet ist – kommt die Sache doch noch richtig ins Rollen. Eine originelle Story nimmt ihren Lauf, im Zentrum der unbändige Wunsch Mizés nach Ruhm und Reichtum. Ihr – gegenüber Palha natürlich verheimlichtes – Mitwirken in Pornofilmen soll den Weg zum ersehnten Ziel ebnen. Da Palha und seine Kumpane Vertreter der Zielgruppe besagten Filmgenres sind, kommt es, wie es kommen muss: Beim gemeinsamen Videoabend vor versammelter Mannschaft erscheint Mizé in dem vom Verleih innigst empfohlenen Streifen plötzlich auf dem Bildschirm.

Lebendige Charaktere, originelle Story, stimmig erzählt

Mizé beteuert ihre Unschuld, dies sei alles nur ein unglücklicher Zufall gewesen, reingelegt habe man sie, nie im Leben würde sie sich bewusstermaßen für so was hergeben. Palha möchte ihr gerne glauben, will sich aber letzte Gewissheit verschaffen und nimmt eigene Recherchen auf, in deren Verlauf er kaum einen Fettnapf auslässt, der sich ihm bietet.

Das ist nun alles sehr stimmig erzählt, unterhaltsam allemal. Der Jargon passt und die begleitenden Charaktere sind frisch und echt. Die lokale Einfärbung tut ein Übriges zur Lebendigkeit – so wie beschrieben kann man sich jedenfalls eine Lissaboner Vorstadt gut vorstellen. Und auch die Doppelmoral der Pornofilmkonsumenten, die plötzlich voller Empörung auf das Mitwirken der eigenen Frau in einem solchen Film reagieren, wird sehr schön auf den Punkt gebracht.

Die zu Beginn noch polternde Naivität Palhas wandelt sich rasch in ein austariertes Zusammenwirken differenzierter Wesenszüge; nach wie vor bestimmt zwar von seiner Unbedarftheit – die sich aber einer Entwicklung unterzieht, welche ihn peu à peu aus der Gefangenheit seiner verzerrten Wunsch-Weltsicht befreit, Vertrauen ins eigene Handeln fassen und ihn so der Realität gegen alle Widerstände standhalten lässt.

Hätte Almodóvar nicht vor der Tür gestanden, hätte die Sache vielleicht gleich von Anfang an funktioniert. Macht nix, die Wahrheit liegt auf dem Platz, und dieses Spiel gefällt!

Anselm Brakhage


Ricardo Adolfo: Mizé. Die schärfste Braut der Vorstadt (Mizé. Antes galdéria do que normal e remdiada, 2006). Aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita. Bloomsbury 2008. Gebunden. 300 Seiten. 19,90 Euro.

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