Ende des letzten Jahrtausends reiste ich mit jener „skurrilen, semiavantgardistischen Truppe, die sich Lomographen nennen“ durch Kuba. Als einzige Deutsche war ich umgeben von Österreichern mit so lustigen Namen wie Hoanzl oder Dusl. Wir knipsten etwas unbeholfen aus der Hüfte, tranken zu viel weißen Rum und linsten am Strand auf die bunten Tanga-Strippen der karibischen Schönheiten. Eine Lomographie aus der Zeit zeigt die Dusl’sche Erscheinung mit ziemlich melancholischem Blick unter einem handgeflochtenen Strohhut. Nach uns kam Wim Wenders und wir kehrten nie mehr nach Kuba zurück. Doch tief in meinem Herzen blieb eine unerschütterliche, unverrückbare Austrio-Affinität verankert.
Welch außergewöhnliche Freude, eine Dekade später auf
Boboville zu stoßen. Was war mir in der Zwischenzeit nicht alles entgangen: Blogs und Kolumnen, Zeichnungen und Cartoons, Filme und Interviews kreuz und quer durch das Dusl’sche Universum. Natürlich ist auch das neueste Werk
Boboville in der Stadt der Städte angesiedelt, direkt am Hugo-Wiener-Platz, in der österreichischen Metropole, im 5. Bezirk, zwischen Großer und Kleiner Neugasse, gekrönt mit zwei großen Platanen und den „Sonnensegeln einer polnischen Pizzeria“. Um diese Homebase – ein Appartement mit „französischen Atelierfenstern“ und einem in die Jahre gekommenen blutroten Futon, den ein finster-cooler, adria-kroatischer Drogen-Spezl hinterlassen hat – kreist nun das urbane Leben und Werk der Ich-Erzählerin Andrea Maria Dusl.
Freitag-Taschen und Seventiesmöbel„Die Bobos, die sich um die Wohnungen im Haus nebenan bemühen, werden laktosearme Ziegenmilch über frischverlegte Parkette tragen, fugendicht schließende Fenster mit Regenbögen bekleben, wireless durch die Gegend sörfen und gegen neun dann, sanft federnd, Aperol in den Lidern, aus den Aufzügen stolpern.“ Sie tragen Freitag-Taschen, fahren Minis oder Saabs und bringen ihre Kinder auf Kuhfellen zwischen den Seventiesmöbeln ihrer Wohnzimmer zur Welt, um danach die frohe Kunde über ihre Blackberries an sämtliche Freunde zu beamen.
Frau Andrea guckt und staunt und mischt nach Kräften mit: sei es ein entgleistes Barbecue mit koscheren Kaisekrainern, ein ödes Zusammentreffen mit zwei schwul-dumpfbackigen Schickimicki-Friseuren oder ein aus dem Ruder laufendes Interview mit den Damen vom Kulturmontag. Zwischendurch wird Literatenkollege Glavinic lustig durch sämtliche Verballhornungen von Glawischnig bis Glavinitsch durchdekliniert oder eine unterhaltsame Stromgitarren-Musikgeschichte aufgerollt oder ein Extra-Ordner im Mailprogramm angelegt, für die gefakten Absender von Viagra-Spams.
Bourgeoise BohemiensIn aberwitzigen Episoden und tolldreisten Abenteuern stolpert die Ich-Erzählerin durch den buntschillernden Kosmos der BOurgeoisen BOhemiens. Müßig, hier einen konstruierten Plot oder eine durchgehende Story zu suchen. Pah, viel zu unboboesk!! Vielleicht ist der komplette Roman gekonnt aus Blog-Schnipseln und Kolumnentexten zusammengeklebt, mit reichlich Lokalkolorit und Namedropping als Kleister. Macht nichts: wer einmal abgetaucht ist in
Boboville, wer das Dusl’sche Aluklapphandy „paling“ machen hört, wer das DJ-Wägelchen über die Wiener Kopfsteingassen rattern sieht, wer den Geruch der Menthol-Spiritualetten inhaliert, der wird nicht ablassen können von diesem Wahnsinnswerk. Berauscht taumeln wir durch 200 dicht gestrickte Seiten voll barocker Spracharabesker und gewaltiger Wortkaskaden, um uns am Ende bei den Klängen einer Gibson Explorer seufzend auf den imaginären blutroten Futon fallen zu lassen. Es lebe Boboville!
Ingeborg Jaiser
Andrea Maria Dusl: Boboville. Residenz Verlag 2008. 210 Seiten. 19,90 Euro.

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