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Freitag, 25. Mai 2012 | 18:58

 

Truman Capote: Werke

08.12.2008

Multistilistische Sprachvirtuosität

Truman Capote, wiedergelesen - Anlässlich der neuen achtbändigen Werkausgabe bei Kein & Aber. Von Hans-Klaus Jungheinrich

 

Meine Haupterinnerung an die Lektüre von Kaltblütig vor vierzig Jahren waren die Schlusspassagen, in denen das fast 2000 Tage lange Warten der beiden Mörder Smith und Hickock in der Todeszelle nachgezeichnet wird, bis sie dann doch im März 1965 gehenkt wurden, gemäß der im US-Staat Kansas üblichen Hinrichtungsart. Mir schien der ganze Tatsachenroman auf ein implizites („flammendes“) Plädoyer gegen die Todesstrafe hinauszulaufen. Beim Wiederlesen musste ich feststellen, dass das ein Irrtum war. Erstaunlich die Gedächtnistäuschung über die Proportion des Buchschlusses: Nur wenige Seiten widmen sich dem Warten der Delinquenten auf ihr Ende. Und immer bleibt der Tonfall, wie er auch schon vorher war (auch bei der Szene, wo Smith und Hickock eine Farmerfamilie überfallen, fesseln und umbringen, Vater und Mutter und zwei Halbwüchsige; eine nennenswerte Beute bringt ihnen das nicht): kühl, sachlich, lakonisch, präzise. Dennoch meine ich nicht, dass der Titel Kaltblütig sich in einer Weise auf die Darstellung bezöge, die auf völlige Unbeteiligtheit, auf die strikte Vermeidung von Empathie, hindeutet. Eher folgt der Autor der Intention, auf paradoxe Art Einfühlung in ein komplexes Geschehen hervorzubringen durch Ausbreitung genauer und umfassender Recherche; das auktoriale, die Wirklichkeit nachkonstruierende Ich verfährt dabei mit einer Behutsamkeit, die alles andere ist als bescheiden. Capotes Obsession zielt darauf, durch multiperspektivische Faktenanordnung so etwas wie die „ganze Wahrheit“ zu erfassen. Diese ließe sich mit dem Büchnersatz (und wohl im Sinne Capotes) zusammenfassen: „Der Mensch ist ein Abgrund“.

“Der Mensch ein Abgrund“

Zwar ist Kaltblütig gewiss ein Sonderfall im Oeuvre des Romanciers und Stilisten Capote, aber die „Vielstimmigkeit“, die er bei der Durchleuchtung dieser spektakulären Kriminalaffaire zitiert, übt er in seinem Romanwerk selbst, aber fast immer sind dabei die Farben heller, der Ton leichter. Sommerdiebe, die jetzt erstmals zugängliche Neuentdeckung, schon 1943 geschrieben, scheint eine locker hingeworfene Erzählung aus etwas mondänem Milieu, wie die Skizze einer frühen Henry-James-Konstellation, aber mit der surrealen Bildschärfe von Canetti. So überrascht auch die Schluss-Eintrübung nicht; sie geschieht mit der kindlichen Launenhaftigkeit, die ein Kartenhaus zusammenwirft.

Ins libellenhaft Flirrende, Spinnwebfeine reichen Timbre und Atmosphäre des Frühstücks bei Tiffany, und der Zauber der märchen-entrückt und zugleich alltags-realistisch ausbalancierten Halbwelt-Scharade (von einem der glücklichsten “Einstiege“ in der amerikanischen Literatur vorbereitet) wird schließlich, bei der Mini-Katastrophe des unfreiwilligen Pferdegalopps durch New York und der überraschenden Verhaftung der Heldin Holly (die natürlich jeder in der Filmgestalt von Audrey Hepburn imaginiert), beinahe allzu sehr ins großformatig Kinomäßige gelenkt. So ganz Idylliker konnte Capote nicht sein, zu unstet war sein Temperament für einen weltverloren newyorkischen Robert Walser, zu amerikanisch.

Halluzinatorische Überschärfe

Vermischung, Verwischung der Genres ebenso bei Andere Stimmen, andere Räume (auch auf Deutsch einer der schönsten Romantitel überhaupt); sicherlich eine Jugendgeschichte, ein Roadmovie, ein Ferien- und Südstaatenroman. Und mit neuerlicher Henry-James-Assoziation: eine Geistergeschichte. Ungeachtet solcher Vieldimensionalität wirkt das Buch aber auch wieder messerscharf realistisch, Schauplätze und Charaktere erstehen in halluzinatorischer Überschärfe, Wortlandschaften von eindringlicher Nähe und Ferne. Erzählweise und Ereignisfolge entsprechen einer mittleren Temperierung; auf schroffe Handlungszacken wird verzichtet, als mäßige die lethargische Südstaaten-Sonne den Lauf der Geschehnisse und den Wirbel der Gefühle.

Instruktive Wiederentdeckung für genussreiche Lesestunden

Die in der Schweiz edierte Neuausgabe umfasst acht Bände von unterschiedlichem Umfang, ansprechend aufgemacht. Vier wurden hier berücksichtigt. Kaltblütig erfuhr eine Neuübersetzung durch Thomas Mohr, die mir, abgesehen von einigen geringfügigen grammatikalischen Schnitzern bei der Eindeutschung, überzeugend erscheint. Erheblichere Fehler gibt es bei Heidi Zernings Übertragung von Andere Stimmen, andere Räume; da werden etwa (das vokale) Terzett und (das instrumentale) Trio verwechselt, und nur vage bekannt scheint der Übersetzung das Verbum “prangen“. Auch frage ich mich, in welcher deutschsprachigen Region vor 60 Jahren das Wort „Liebchen“ umgangssprachlich üblich gewesen sein könnte; allenfalls könnte ich’s mir auf Sächsisch vorstellen („Liebschn“). Ähnlich gezwungen im Tiffany-Text die häufige vertrauliche Anrede „Herzchen“ – als ob man im Deutschen nicht auch „Darling“ oder „Sweetheart“ verstünde. Neu übersetzt wurden, ebenfalls von Heidi Zerning, die Sommerdiebe. Capotes geradezu „multistilistische“ Sprachvirtuosität wird überall auch in den Übersetzungen ausreichend vermittelt. Angesichts unzähliger ausgeschrieener literarischer Weltsensationen aus Amerika, die nach ein, zwei Saisons schon wieder alt aussehen, ist diese Wiederentdeckung Truman Capotes besonders instruktiv – und gut für genussreiche Lesestunden.

Hans-Klaus Jungheinrich


Truman Capote: Werke. Zürcher Ausgabe im Schmuckschuber. Herausgegeben von Anuschka Roshani. 8 Bände. 129,00 Euro.

„Kaltblütig“, 536 Seiten; „Andere Stimmen, andere Räume“, 254 Seiten; „Sommerdiebe“, 146 Seiten; „Frühstück bei Tiffany“,120 Seiten; Kein & Aber AG Zürich 2006/2007.



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