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Hanno Millesi: Der Nachzügler

15.12.2008


Ein Auge der Wirklichkeit

Der Wiener Bachmannpreis-Teilnehmer Millesi durchwandert die „ausgeweitete Kampfzone“ Gesellschaft als objektivierender Beobachter und spickt sie mit Literaturbetriebsironie. Von Roland Steiner

 

Die Durchwanderung der Wirklichkeit beginnt mit einer Beobachtung, die Belletristik-Afficionados nicht fremd ist: dem Anblick einer mit Bildbänden von B-Promi-Speisen und Grillratgebern vollgestopften Buchhandlungsauslage. Der, den da Übelkeit und Hitzewallungen befallen, ist noch dazu Schriftsteller. Das Auge dient in Hanno Millesis neuem Roman einem Beobachter als Berufsinstrument. Hauptberuflich beäugt er als Sprachkünstler die ihn umgebenden Realitäten, im detektivischen Nebenjob jedoch beschattet er den Protagonisten eines der meistdiskutierten französischen Romane der 1990er.

Diese unattraktive, mit X bezeichnete Zielperson, entpuppt sich als vereinsamter Alkoholiker, der in Paris ein ambitionsloses Dasein fristet. Das vom Landwirtschaftsministerium beauftragte Unternehmen, für das er Provinzbeamte in Software trainiert, beabsichtigt dem Außenseiter zu kündigen und ordnet seine Beschattung an. Mit dieser wird der namenlose Ich-Erzähler, ein sich als experimentell bezeichnender Schriftsteller, betraut. Indiskretionen seines Informanten nachgehend, observiert er ihn von Winter an auf hauptstädtischen Straßen und Provinzbahnhöfen, in Buch- und Supermärkten, Cafes und Nachtlokalen. Die Berichte, die er an das Detektivbüro zu richten hat, sind gleichsam die Haupterzählebene dieses doppelbödigen, nüchtern wie ironischen Romans. Sie bewirken bar eklatanter Entgleisungen vorerst nicht dessen Kündigung, auch die Alltagstristesse verbleibt Herrn X. Mit Auftauchen des polternden Reisebegleiters T. ändert sich auch des Beschatters emotionale Einstellung zur Zielperson, aus seiner ursprünglichen Abneigung wird Mitleid. Doch zu echter Empathie lässt Hanno Millesi seinen semiprofessionellen Detektiv nie gelangen. Erst die Selbsteinweisung der depressiven Zielperson in eine Nervenklinik, nachdem T. bei einem Unfall starb, schreibt der „Nachzügler“ seiner berichtenden Beschattung zu.

Als experimenteller Schriftsteller hingegen habe er „keine Zielgruppe im Fadenkreuz“. Denn er und seine Avantgarde-Kollegen schlügen „eine Bresche ins Dickicht, wo andere dann Promenaden und Avenuen anlegen, auf denen man bequem flanieren kann.“ Während marketingkompatible Autoren den finanziellen Erfolg ernten, gelten die widerständigen auch dem Staatsapparat, der mitleidsgestisch Almosen gewährt, als gesellschaftlich bedeutungslos. Die Kritik am heutigen Literaturzugang seitens der Verlage und eines lesebequemlichen Publikums wie auch an Autoren selbst transportiert der 42-jährige Bachmannpreis-Teilnehmer Millesi trotz bissiger Schärfe kühl, zuweilen abgeklärt. Ohne Weinerlichkeit oder Suaden beschreibt er das Niederstreicheln der Vorgängeravantgarden zur dekorativen Staatskunst, augenzwinkernden Humors stattet er seinen „Nachzügler“ mit Literatenguerilla-Fantasien aus.

In (der) Wirklichkeit

In Wirklichkeit sucht er – wie sein Schöpfer – Menschen, an deren Natur er arbeitet. Der „Abscheulichkeit des Alltäglichen“ nicht ausweichend und der Realität Fragen stellend, leiste der Schriftsteller seinen, im Vergleich zu Journalismus- oder Unterhaltungsprodukten sinnvolleren Versuch, „etwas von dem wieder gut zu machen, was ein paar arme Seelen an ihren Mitmenschen anrichten.“ Sein Einkommen freilich bestreitet der „Nachzügler“ mit unter Antragsqualen errungenen Stipendien, raren Preisen und aus dem detektivischen Nebenerwerb. In diesem steht er den Beobachteten innerlich meist fern, zwecks sprachexperimenteller Arbeit ist er Menschen nah. Auf Kostproben jener Sprachexperimente verzichtet Millesi bewusst, auch wenn dies ob der wiederholten Selbstpositionierung seines Helden paradox anmutet. Anstelle des Ich-Erzählers schriftstellerischer Ergebnisse, bietet er deren Entstehung im erzählenden Bericht. Millesis Experimente finden – wie in seinen Hörspielen – im Konzeptuellen statt, ohne dabei Figuren psychologisch aufzumunitionieren. In diesem Roman besteht es in der Anwendung der Bourdieuschen „Regeln der Kunst“, die er in den Kapiteltiteln adaptiert und in eine Frage gießt: Wie objektiv kann man ein Kunstwerk erfahren? Sein doppelbödiger Roman gibt die – mit reichlich Kritik an der Literaturindustrie kurzgeschlossene – Antwort. Hanno Millesi ist darin ein bestechend genauer Beobachter, seine diese Betrachtungen konzise i verknüpfende Sprache ist schnörkellos, hell und ruhig.

Während Thomas Lang in seiner „Volltext“-Serie literaturgeschichtliche Werke mit Implantaten überschreibt, geht Millesi buchstäblich durch ein zentrales Werk der 1990er. Der Autor objektiviert Michel Houellebecqs Roman Die Ausweitung der Kampfzone und erschließt dessen Kritik an der gesellschaftlichen Ausgrenzung für die Kulturkapitalismus-Generation, doch antizynisch und mit trockener Selbstironie: „Im Grunde weiß man gar nicht, dass es mich gibt, und das ist mitunter von Vorteil.“ Dass es den Mitbegründer des Internetprojekts Ignorama und mehrfach ausgezeichneten Schriftsteller Hanno Millesi gibt, weiß man auch in Frankreich: Hier erscheint die Übersetzung seines Erzählbands Wände aus Papier (2006).

Roland Steiner


Hanno Millesi: Der Nachzügler. Luftschacht Verlag, Wien 2008. 204 Seiten. 19,90 Euro.


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