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Tom Drury: Die Traumjäger

22.12.2008


Zurechtkommen, so gut man kann

Drury erzählt mit einer meisterhaften Selbstverständlichkeit, voller Humor, und wirft ganz nebenbei einen erhellenden Blick auf die heutigen Vereinigten Staaten von Amerika. Von Mascha Vassena

 

In seinem zweiten (dem ersten auf Deutsch übersetzen) Roman widmet sich Tom Drury der Patchworkfamilie Darling, bestehend aus der erfolgreichen Joan, dem Klempner Charles, ihrem siebenjährigen Sohn Micah und der einstmals zur Adoption freigegebenen Lyris, die zwangsweise wieder zur Familie gestoßen ist. Drury folgt den Familienmitgliedern für die Zeitspanne von einigen Tagen durch ihr Leben. Wechselweise nehmen die Kapitel ihre unterschiedlichen Perspektiven ein. So erfahren wir etwas über ihr gemeinsames, aber auch über das verborgene Leben der vier Protagonisten, die alle gleichwertig nebeneinander stehen.

Charles ist besessen davon, einer alten Dame das Gewehr abzuluchsen, das einst seinem Vater gehörte. Joan beginnt auf einer Geschäftsreise eine Affäre. Micah stromert nachts durch die Stadt. Lyris zieht mit dem Taugenichts Follard herum, auf der Suche nach einem Platz im Leben.
Und weil wir uns in einer typisch amerikanischen Kleinstadt befinden wo jeder jeden kennt, hängen all die kleinen Geschichten, die der Roman produziert, irgendwie miteinander zusammen.

Seine Familie kann man sich nicht aussuchen, ist die Botschaft dieses Buches, also muss man sich zusammenraufen. Das Leben ist nicht perfekt, man muss damit zurechtkommen so gut man kann.
Das erzählt Drury unaufgeregt und mit einem Blick für Details. Spannung bezieht seine Geschichte vor allem aus den ständig changierenden Beziehungen der Menschen zueinander. Die Rollen sind nicht festgelegt, man erfindet sich immer wieder neu.

Ständig changierende Beziehungen

Joan ist wohl die vielschichtigste und rätselhafteste Figur des Romans. Sie arbeitet erfolgreich bei einer großen Tierschutzorganisation, war früher Schauspielerin, und leidet unter dem Gefühl, dass ihre Welt aus den Fugen gerät. Am Ende des Buches wird sie von der Geschäftsreise nicht zu ihrer Familie zurückkehren mit dem vagen Versprechen, im Frühjahr wieder da zu sein. Sie steht abseits mit ihrer Weigerung, das Leben so zu sehen, wie es ist. Charles und die Kinder dagegen beschäftigen sich mit eher bodenständigen Projekten: Eine Ziege wird angeschafft, Micah lernt Fahrradfahren, eine kaputte Scheunentür wird repariert. Charles bricht in das Haus der alten Dame ein, um das Gewehr seines Vaters gegen ein ähnliches auszutauschen. Lyris springt in den Fluss, als Follard sie bedrängt, wird aber von drei Jägern gefunden, die im Verlauf der Geschichte immer wieder als Retter auftreten. Auch Charles’ Einbruch geht glimpflich aus: Nachdem ihm die alte Dame mit einem Kleiderbügel eins übergezogen hat, setzt man sich gemeinsam an den Esstisch, und schließlich bekommt er sogar sein Gewehr.

Drury erzählt mit einer meisterhaften Selbstverständlichkeit, voller Humor, und wirft ganz nebenbei einen Blick auf die heutigen Vereinigten Staaten. Auf eine Gesellschaft, in der diskutiert wird, ob in der Schule die Evolutionstheorie oder Kreationismus gelehrt wird; wo einem Kredite angedreht werden, um Schulden zu tilgen; in dem es unmöglich ist, an der Tankstelle einfach mit Bargeld zu bezahlen statt mit Kreditkarte.

Am Ende des Buches wirft Drury nochmals einen Blick auf seine Figuren, er gleitet wie mit der Kamera über die Stadt und zoomt sich in die Häuser hinein. Und nach diesem letzten Blick zieht er sich zurück. Das Leben geht weiter.

Mascha Vassena


Tom Drury: Die Traumjäger (Hunts In Dreams). Roman. Aus dem Amerikanischen von Gerhard Falkner und Nora Matocza. Klett-Cotta 2008. 255 Seiten. 19,90 Euro.


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