Alle Familien sind psychotisch und einige ganz besondersEigentlich kann man ein Buch, das in den USA so erfolgreich war, kaum noch rezensieren. Wenn ich den New York Times Blurb zitiere, zeige ich mangelnde Urteilsfähigkeit, wenn ich ignoriere, was bereits geschrieben wurde, zeige ich Unkenntnis. Egal. Was bereits über das Buch geschrieben wurde, lässt sich ergooglen.
Keiner hat ein so intensives, hasserfülltes und doch unentrinnbares Verhältnis zu Gott wie Shalom Auslander oder kein anderer hat es aufgeschrieben. Und damit Gott ihn nicht dafür bestraft (das wird er nämlich, außer, er will Shalom noch ein bisschen auf die Folter spannen und unerwartet bestrafen) liefert der Autor im Epilog sogar seinen Therapeuten ans Messer.
Wir erfahren außerdem, was nicht in dem Magen darf, wo wir uns nicht anfassen dürfen, was wir nicht tun dürfen (eine Menge), wen wir nicht begehren dürfen und einiges mehr, denn mit den zehn Geboten ist es in der jüdisch-orthodoxen Gemeinde in New York nicht getan. Kommen dann gewalttätige Väter, frustriert-depressive Mütter und rebellierende Geschwister hinzu, ergibt sich das Setting für eine normal psychotische Familie, die auch pietistisch, muslimisch, anthroposophisch oder linksautonom sein könnte. Regeln gibt es überall, aber nicht überall gibt es Gott (dessen Name eigentlich nicht geschrieben werden dürfte), der die Einhaltung überwacht und die Nichteinhaltung bestraft, wie Rabbi Blowfeld und Kollegen es glaubhaft vertreten.
Shalom trifft Orli und verliebt sich, was Orli in Gefahr bringt, denn Gott tötet die, die Du liebst. Orli wird schwanger, noch gefährlicher. Davor passieren noch ein paar pubertäre Coming-of-Age-Geschichten. Das klingt jetzt alles deprimierend. Ich habe trotzdem die ganze Zeit gelacht, so sehr, dass ich mit dem Buch nicht unter Menschen gehen konnte. Ich habe Tränen gelacht bei einem Ladendiebstahl von Shalom:
„-
Fick Dich, sagte ich zu Gott und ging zum Eingang hinaus.
-Sir? Sir. Entschuldigen Sie, Sir.
Der Wachmann lief hinter mir her…
-Sir, ich muss Sie bitten, Ihre Tasche auszuleeren…
-Nein, sagte Gott.
Fick Dich.“
Und keine Angst, das ist weder die einzige witzige noch die lustigste Szene.
Ich habe vor Rührung geweint bei der Liebeserklärung an Orli: „Wäre sie doch am Holocaust-Gedenktag im Hörsaal gewesen, um mich, nachdem Rabbi Blowfeld die Geschichte von der alten Frau mit der Vorhaut erzählt hatte, anzusehen, die Augen zu verdrehen und mit dem Mund das Wort
bescheuert zu formulieren.“ (S. 152). Ich habe, glaube ich, noch nie so viel Gefühl in einem Satz gelesen.
Dann ist es mir jetzt auch egal, wenn ich der New York Times nach dem Mund rede.
Eine Vorhaut klagt an ist das beste (und am besten übersetzte) Buch, das ich im letzten Jahr gelesen habe.
Sabina Schutter
Shalom Auslander: Eine Vorhaut klagt an (Foreskin’s Lament 2007). Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld. Berlin Verlag 2008. 352 Seiten. 19,90 Euro.
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