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Gwendoline Riley: Cold Water

12.01.2009

Manchester, du wirfst so viele Fragen auf

„Manchester, so much to answer for“, sang Morrisey in den 80er Jahren. In Cold Water erfährt diese Zeile einen gelungenen Nachhall, der auch in der deutschen Übersetzung nicht an sprachlicher Kraft einbüßt und gerade durch die Glaubwürdigkeit und Intensität seiner Protagonistin besticht. Von Simone Schröder

 

„Wir lagen zusammen im Gras und tranken fertig gemixten Martini mit Limonade aus dem Spar-Laden. Wir blödelten herum, eben wie Leute, die verliebt sind oder so. Ich legte meinen Unterarm neben seinen und sagte: ‚Das ist Manchesterbräune.’“ Cold Water ist der Debütroman von Gwendoline Riley und der junge Mann, neben dem die Erzählerin Carmel hier im Gras liegt, ist ihr Freund Tony. In kurzen Kapiteln und kurzen Sätzen erzählt Cold Water den Alltag von Carmel, einer jungen Frau, die mit 20 an der Theke einer Bar in Manchester arbeitet, noch keine festen Pläne für das Leben jenseits des nächsten Wochenendes hat, viel liest, nachdenkt und trinkt. Die Gäste der Bar, in der sie arbeitet, sind dabei ebenso Episoden des Romans wie Spaziergänge durch das nächtliche Manchester, trostlose Geburtstagsfeiern ebenso trostloser Bekanntschaften und schließlich ihre Beziehung zu Tony, dem Musiker, dessen Bandproben sie mit einer Flasche Schnaps im Arm und ihrer Freundin neben sich auf der alten, gammligen Couch einer Fabrikhalle verbringt. In Carmels Alltag passiert nicht viel, aber im Gegensatz zu vielen schreibschulgeprägten Texten, denen gerade diese Erfahrungs- und Handlungsarmut zum Vorwurf gemacht wird, trifft Cold Water gerade durch die Thematisierung grauer Alltagsleere ins Mark dessen, was das Heranwachsen in einer englischen Arbeiterstadt wie Manchester vermutlich ausmacht. Und auch wenn Gwendoline Riley eine ganze Reihe von Kriterien erfüllt, um in die Kategorie junge, erfolgreiche, gut aussehende Autorin zu fallen, so entzieht sich Cold Water ebendieser Kategorie doch immer wieder erfolgreich.

Dass das so ist, hat der Roman besonders seiner Erzählerin zu verdanken. Riley hat Carmel eine Stimme verliehen, die mit schwarzem Humor und einer ordentlichen Portion Coolness den Seinszustand mit Anfang 20 trefflich einfängt. Am stärksten ist Cold Water allerdings immer dann, wenn es um Manchester geht. „Ich bin in Manchester, und ich verdiene nicht genug, um jetzt schon wegzugehen“, sagt Carmel: „Vorläufig sind hier meine Grenzen: die sternförmig hinaus zu den Landstraßen führenden Buslinien; dünn besiedelte, von heruntergekommenen Pubs und Einkaufszentren gesäumte Strecken. Exakt gleich gen Norden, Süden, Osten, Westen.“

Carmel McKisko ist nicht Holden Caulfield und Manchester ist nicht New York. Dass J.D. Salinger einer der Lieblingsautoren von Gwendoline Riley ist, merkt man ihrem Debüt aber durchaus an. Dazu passt auch, dass in Rileys folgendem Roman Sick Notes der Satz fällt: „New York’s just like Manchester, o­nly it’s taller.“ Als stilprägendes Vorbild nennt Riley neben Salinger auch Morrisey, Sänger der legendären Band aus Manchester The Smiths. „Manchester, so much to answer for“, sang Morrisey in den 80er Jahren. In Cold Water erfährt diese Zeile einen gelungenen Nachhall, der auch in der deutschen Übersetzung nicht an sprachlicher Kraft einbüßt und gerade durch die Glaubwürdigkeit und Intensität seiner Protagonistin besticht.

In Deutschland ist Cold Water mit einiger Verspätung auf den Markt gekommen. Die Band, die vermutlich als Romanvorlage diente, hat sich mittlerweile als Maximo Park international einen Namen gemacht. 2008 hat Riley für ihren dritten Roman Joshua Spassky, der in den USA spielt, mehrere Literaturpreise verliehen bekommen. Im Februar 2009 wird nun ihr zweiter Roman unter dem Titel Krankmeldungen in deutscher Übersetzung erscheinen, für die Wartezeit bis dahin gibt es zum Glück Cold Water.

Simone Schröder


Gwendoline Riley: Cold Water. Roman. Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier. Schöffling & Co. 2008. 160 Seiten. 17,90 Euro.


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