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Jens Wonneberger: Gegenüber brennt noch Licht

16.02.2009

Der heimliche Beobachter

Jens Wonnebergers neuer Roman handelt von einem Mann Mitte Vierzig, der gerne in fremde Wohnungen schaut. Ist er krank oder verrückt? Keineswegs. Er ist so normal, wie es eben viele sogenannte Normale sind, die nicht aus ihrer Isolation finden. Wonneberger skizziert mit klarem Blick und ironischem Ton ein eindrucksvolles Seelenporträt der deutschen Gegenwart, das Frank Kaufmann gelesen hat.

 

Herr Plaschinski arbeitet bei der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte und prüft Tag für Tag mehr oder weniger gelangweilt Rentenanträge. Was niemand ahnt: nach Feierabend spioniert er seinen Nachbarn hinterher, sammelt Informationen über sie, führt Protokoll. Stundenlang steht er am Fenster, während die Lichter der Wohnungen nach und nach angehen. Wird sich der „Schauatmer“, den er so nennt, weil er stets nackt am offenen Fenster steht, wieder zeigen? Was ist mit der Frau, deren Kopf Plaschinski nie zu sehen bekommt, weil sie im Erdgeschoss wohnt? Und warum bleibt ein Fenster stets dunkel – hat da jemand etwas zu verbergen?

Plaschinski nicht zuhause

Auch bei Plaschinski selber bleibt es möglichst lange dunkel, denn genauso wichtig wie das Beobachten erscheint ihm das eigene Unbeobachtetsein. Bedeutung erhält dann das Haptische: „Im Dunkeln steige ich die Wendeltreppe hinunter, meine Finger gleiten übers Geländer und finden die vertraute Kerbe im Holz, eine kleine Unebenheit nur, die mir aber sofort Sicherheit gibt. Ich gehe durch die Wohnung, gelange, ohne irgendwo anzustoßen oder nach einer Türklinke tasten zu müssen, zum Bad, wo ich nun doch das Licht anschalte.“ Natürlich ist das Badfenster penibel abgedichtet, damit kein Lichtstrahl nach draußen dringt. Die Nachbarschaft soll denken: Herr Plaschinski ist wieder einmal nicht zuhause.

Beschädigtes Kind seiner Zeit

Fast könnte man daran denken, als inszeniere Wonneberger einen allseits bekannten ostdeutschen Charakter: einen ehemaligen IM der Stasi, der aus alter Gewohnheit seine Mitmenschen bespitzelt, obwohl seine Auftraggeber schon lange in Rente gegangen sind. Aber darauf gibt der Ich-Erzähler keinen Hinweis. Stattdessen entwirft Wonneberger, wie schon oft in seinen vorhergehenden Romanen – zuletzt Pflaumenallee (2006) – einen Charakter, der in seiner Sonderlingrolle so normal wirkt, wie viele Millionen Ost- wie West-Deutsche neben ihm. Sprichwörtlich ein beschädigtes Kind seiner Zeit ist ein solcher Mensch. Mal trifft man ihn als penetranten Gaffer, wenn einmal wieder ein Unfall geschehen ist, mal sitzt er vor dem Fernseher und glotzt stundenlang Big Brother, oder er steht eben, wie Plaschinski, am Fenster und starrt in fremde Wohnungen.

Selbstvergessen und entfremdet

Stets gibt es für einen solchen Charakter vermeintlich „da draußen“ viel zu sehen, während es im Inneren dunkel bleibt. Und mit den anderen möchte Plaschinski eh nichts zu tun haben: „So geht es mir oft, ich möchte alles über jemanden wissen, aber gleichzeitig Abstand halten.“ So findet er auch keinen wirklichen Kontakt. Er ist in hohem Maße selbstvergessen, und das eigentliche, das spannende Leben findet immer woanders statt. Plaschinski ist ein Isolierter, einer, der sich von sich selbst und von den anderen entfremdet hat. So lebt er in dem Versuch, sein leeres Inneres aufzufüllen, ohne das Wagnis einer intimen Beziehung einzugehen.

Anna-Sophie und Zimmermann

Doch Plaschinskis inneres Vakuum lässt sich nicht andauernd verleugnen, und er fragt sich schließlich, ob es denn wirklich so lächerlich ist, „wenn man mit Mitte Vierzig noch immer nach etwas Besonderem, etwas Einmaligem sucht?“ Da tritt die Arbeitskollegin Anna-Sophie in sein Leben. Man verabredet sich, geht zusammen ins Bett. Und nun? Wird sich sein Leben ändern? Kann die Liebe verzaubern, könnte sie aus Plaschinski wieder einen lebendigen Menschen machen, der sich nicht mehr nur in Beobachtungen verliert? Kann das einfach passieren, sozusagen en passant? Denn ihm geht dieses abgedunkelte Fenster nicht mehr aus dem Sinn. Zimmermann heißt der Mann, wie er herausfand. Hat er etwas zu verbergen? Ist er ein Rechtsradikaler, der in aller Ruhe eine Bombe baut? Plaschinski hat diesen Zimmermann ja selber einmal getroffen, er erinnert sich noch ganz genau…

Eindrucksvolles Seelenporträt


Jens Wonneberger hat erneut einen durch und durch überzeugenden Roman vorgelegt. Den bei näherer Betrachtung gar nicht mehr so sonderbar, vielmehr recht normal erscheinenden Plaschinski lässt er mit klarem Blick und ironischem Ton phantasievoll von seinen Beobachtungen erzählen und erschafft damit zugleich ein eindrucksvolles Seelenporträt der deutschen Gegenwart. Wonneberger spielt gekonnt mit einem Charakter, der in seiner Isolation und Entfremdung mal weiter abzudriften droht, dann sich wieder auf dem Weg der Gesundung befindet. Für beides gibt es Hinweise, aber zwischen beiden Tendenzen hält Wonneberger seinen Protagonisten in der Schwebe. Ein reizvolles Spiel und ein Lesevergnügen obendrein.

Frank Kaufmann


Jens Wonneberger: Gegenüber brennt noch Licht. Roman. Steidl Verlag: Göttingen 2008. 232 Seiten. 18,00 Euro.


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