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Miriam Toews: Die fliegenden Trautmans

09.03.2009

Wunderliche Wandertruppe

Die fliegenden Trautmans
, das klingt ein bisschen nach Fliegender Holländer, vor allem aber nach Wanderzirkus. Und tatsächlich geht es in diesem „Roadmovie“ um die Abenteuer einer recht seltsamen vagabundierenden Truppe. Von Mascha Vassena.

 

Seiner Familie entkommt man nicht und das ist auch gut so, könnte das Motto dieser Geschichte sein: Hattie Trautman lebt eigentlich in Paris, als „selbsternannte Künstlerin“, aber ein Anruf ihrer Nichte Thebes holt sie zurück nach Kanada. Hatties ältere Schwester Min hat eine ihrer depressiven Phasen, liegt den ganzen Tag im Bett und will wieder einmal sterben. Wo der Vater der Kinder steckt, weiß niemand, seit Min ihn vor Jahren weggeschickt hat. Außer Hattie gibt es niemanden, der sich um Mins Kinder Thebes und Logan kümmern könnte.

Hatties und Mins Verhältnis ist denkbar kompliziert: „Meine Geburt löste ein Erdbeben im Leben meiner Schwester aus (…) Unsere Familienalben sind anfangs voller Fotos von einer Min, die lacht und strahlt und das Leben genießt. Und dann komme plötzlich ich ins Bild, und Mins Freude erlischt.“

Seither pendelt Min zwischen guten Phasen, in denen sie unkonventionell und fröhlich das Leben meistert, und tiefer Depression. Hattie war gezwungen, mit auf Mins „dunklem Planeten“ zu leben, voller Schuldgefühle, weil ihre Geburt anscheinend die Ursache für Mins Depression ist – ein Grund, weshalb Hattie nach Paris ging. Aber Min ist auch die bewunderte große Schwester, die immer die wildesten Streiche ausheckte und vor nichts Angst hatte. Hattie würde alles tun, um Min glücklich zu machen, wenn sie nur wüsste wie.

Unerschütterlicher Eigensinn eines bezaubernden Mädchens

Das also ist die komplizierte Ausgangslage, als Hattie zurückkehrt. Sie bringt Min in eine psychiatrische Klinik und steht alleine mit zwei Kindern da, die vom Zustand ihrer Mutter verängstigt sind und nicht wissen, wie es weitergehen soll. Hattie fühlt sich eigentlich nicht im Stande, sich um die beiden zu kümmern und kommt auf die Idee, sich auf die Suche nach Cherkis zu machen, ihrem verschollenen Vater.

Die drei setzen sich also in den alten Van und brechen auf, vagen Hinweisen auf Cherkis’ mögliche Aufenthaltsorte folgend. Immer wieder denkt Hattie über Min und ihrer beider Beziehung nach, ruft sich Situationen aus der gemeinsamen Kindheit ins Gedächtnis zurück. Was dieses Buch aber wirklich lesenswert macht, sind die beiden Kinder. Thebes ist elf und begegnet allen Widrigkeiten mit unerschütterlichem Eigensinn, der fünfzehnjährige Logan bewältigt die Situation mit Coolness und versteckter Zärtlichkeit für seine Mutter und Schwester.

Thebes ist wahrscheinlich sogar das originellste kleine Mädchen der Literatur seit Pippi Langstrumpf: „Am Flughafen kam mir Thebes in einer leuchtend blauen Frottee-Kombi entgegen gerannt, superkurze Shorts und bauchfreies Top, und von oben bis unten mit Puderzucker eingestäubt. (…) Ihre Arme waren mit Klebetattoos übersät, ihre Haare knatschlila, verfilzt und verstrubbelt.“ Thebes reißt harte Sprüche, schreibt leidenschaftlich Songtexte, bastelt leidenschaftlich Gutscheine und tut überhaupt alles mit einer kompromisslosen Leidenschaft, die ihr den Leser sofort gewogen macht. Dabei kann sie eine fürchterliche Nervensäge sein, und Hattie und Logan fällt es manchmal nicht leicht, sie zu ertragen.

Ihre gemeinsame Reise führt sie in die USA und weiter bis nach Mexiko, und natürlich erleben sie viele Abenteuer, die sie innerlich reifen und äußerlich immer mehr verlottern lassen. Als sie am Ende ihrer Reise tatsächlich Cherkis finden, ist diese wunderliche Wandertruppe zusammengewachsen, und Hattie hat sich innerlich mit Min ausgesöhnt.

All das wird beschwingt erzählt, in lockerem Ton, auch wenn es tragisch wird. Ein durch und durch positives Roadmovie, das den Leser mit einem Lächeln im Gesicht zurücklässt und dem Gefühl, dass das Leben alles in allem doch ziemlich lebenswert ist.

Mascha Vassena


Miriam Toews: Die fliegenden Trautmans. (The Flying Troutmans, 2008). Übersetzt von Christiane Buchner. Berlin Verlag 2008. 254 Seiten. 18,00 Euro.



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