François Marin unterrichtet Französisch in einer Schule im 19. Arrondissement von Paris. Nicht gerade eine Nobelgegend, eher ein Problembezirk, ein sozialer Brenn-punkt. Fast alle Schüler der 8a sind Migrantenkinder und stecken zudem noch mitten in der Pubertät – eine Klasse voller Differenzen, Konflikte und Kämpfe. Kein leichtes Unterfangen also, ihr so etwas wie Wissen oder Bildung nahezubringen. Oft scheitert der Unterricht schlichtweg an sprachlichen Problemen. Aphorismus? Nie gehört. Konjunktiv? Fehlanzeige. Nichts scheint diesen desillusionierten, von Grund auf gelangweilten Jugendlichen abwegiger als die Schriftsprache oder gar Literatur. „Aber woher soll man wissen, ob man was nicht schreiben kann“, fragt genervt eine der Schülerinnen, deren Hausaufgaben nur so von umgangssprachlichen Ausdrücken strotzen. Der Lehrer rät feinsinnig zur Intuition. Worauf ihn die Schüler verständnislos mit großen Augen anschauen. Tuition??
Apocalypse nowBei diesen Schülern ist man nicht nur sprichwörtlich mit seinem Latein am Ende. Im krassen Gegensatz zu ihrer Unbeholfenheit in Orthografie und Grammatik steht ihr Hang zur nervtötenden Geschwätzigkeit, ihre auffallende Vorliebe für T-Shirts, deren schrille Aufdrucke „Ghetto Fabulous Band“, „Apokalypse now“, „Los Angeles Addiction“ oder „How to become a famous girl“ verkünden. Streitereien, Pöbeleien, Verweise und Disziplinarverfahren gehören zur Tagesordnung. Und doch versucht François Marin das scheinbar Unmögliche, stellt sich täglich erneut der endlosen Sisyphusarbeit. Mit unglaublicher Geduld und feiner Ironie lässt er sich auf die immergleichen Diskussionen und Ablenkungsmanöver ein – erklärt Dico in schöner Regelmäßigkeit, dass er jetzt nicht die Klasse wechseln könne, bittet Souleymane jeden Morgen aufs Neue, Kapuze und Mütze abzunehmen. Fast unmöglich, in diese Gruppe von Schülern mit den unterschiedlichsten sozialen und kulturellen Hintergründen auch nur ansatzweise eine Struktur zu bringen. Mal muss eine Klassenarbeit wegen des chinesischen Neujahrsfests verschoben werden, mal wegen Jom Kippur oder des Ramadan. Mal sind die Migrantenkinder afrikanischer Abstammung sauer auf die Chinesen, mal wird lautstark diskutiert, ob nun die aus Martinique oder die aus Mali die besseren Franzosen sind.
Sarkastisches KammerspielDoch nicht nur der tägliche Wahnsinn im Klassenzimmer zermürbt – an den Nerven zerren ebenso die üblichen Lehrerkonferenzen, Elternabende, Pausengespräche („Ich hab die Schnauze voll von diesem Theater, ich kann die nicht mehr sehn, ich will die nicht mehr sehn … ich bring noch mal einen um … jetzt fangen die auch nicht mehr an zu lernen, wo sie doch schon halb in der Brunft sind und im Hof rumröhren … der reinste Wahnsinn, sag ich dir, die sind wie die Tiere …“).
Die Klasse ist ein sarkastisch-bitteres Kammerspiel mit aberwitzigem Unter-ton, das sich fast komplett zwischen den Schulmauern abspielt –
Entre les murs, wie der französische Originaltitel bezeichnend lautet. Der Autor, François Bégaudeau, war selbst als Lehrer tätig und hat über Jahre hinweg seine täglichen Erfahrungen ungefiltert aufgezeichnet. Die vornehmlich umgangssprachlichen Slang-Ausdrücke und Dialoge ins Deutsche zu übertragen, ist eine herausragende Leistung der Übersetzerinnen Katja Buchholz und Brigitte Große. Übrigens wurde die Romanverfilmung (mit François Bégaudeau in der Hauptrolle als Lehrer François Marin) bei den Filmfestspielen 2008 in Cannes mit der Goldene Palme prämiert. Anfang 2009 ist die deutsche Version auch bei uns angelaufen und dürfte dem Roman noch einmal eine besondere Beachtung zukommen lassen.
Ingeborg Jaiser
François Bégaudeau: Die Klasse (Entre les murs, 2006). Aus dem Französischen von Katja Buchholz und Brigitte Große. Suhrkamp Verlag 2008. 232 Seiten. 12,90 Euro.
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