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Juli Zeh: Corpus Delicti

30.03.2009

,,Im Namen der Methode!"

Juli Zeh lässt den Roman Corpus Delicti, basierend auf ihrem gleichnamigen Theaterstück von 2007, in der Mitte des 21. Jahrhunderts spielen. Über einen piksauberen Planeten wacht ein sich METHODE nennender Gesundheitsfetischismus als Staatsdoktrin, der alle hygienischen Abweichler, Vorsorgemuffel und Fitnessverweigerer gnadenlos verfolgt. Zehs Heldin Mia Holl widersetzt sich ihm und wird beinahe zur Märtyrerin. Von DIETMAR JACOBSEN

 

Jede Zukunft fängt in der Gegenwart an. Hier wird entschieden, wo etwas hinführt. Was uns heute noch wie ein schlechter Scherz erscheinen mag, kann zwanzig Jahre später schon Doktrin sein. Rauchen in der Öffentlichkeit gefährdet die Gesundheit der Nichtraucher? Dann Schluss damit! Terroristen bedienen sich, um die Gesellschaft zu unterwandern, modernster Kommunikationsmethoden? Dann braucht man Zugriff auf die Festplatten aller, um die Guten von den Bösen zu sondern. Wirtschaftsliberalismus führt ins ökonomische Chaos? Sofortige Verstaatlichung der Banken und Konzerne! Dem Schädlichen vorgreifen, um das Nützliche zu fördern. Wehret den Anfängen! Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Aber wie sieht es dann in zwei, drei Generationen aus?

Vielleicht so wie in dem Haus, in dem Lizzie, Driss und die Pollsche wohnen, drei Frauen, die wie Macbeth’ Hexen – bei Shakespeare heißen sie „weird sisters“, Schwestern des Unheils – nur gelegentlich die Handlung kreuzen. Für das Verständnis der Gesellschaft, in die uns Juli Zeh in ihrem neuen Roman führt, aber besitzen die geschwätzigen Damen fundamentale Bedeutung. Driss, Lizzie und die Pollsche sind nämlich „das Volk“, mit ihrem Verhalten demonstrieren sie, was unten ankommt von der „METHODE“, die das Leben aller in der Mitte des 21. Jahrhunderts durchherrscht. Und weil sie den „GESUNDEN MENSCHENVERSTAND“ lesen, das Amtsblatt der Gesundheitsdiktatur, in der sie leben, wissen sie auch, was von ihnen verlangt wird: die Augen aufhalten und unverzüglich Meldung erstatten, wenn irgendwo in ihrem Haus die hygienische Prophylaxe vernachlässigt wird. Deshalb lehnt Lizzie den halben Tag an der Desinfektionsmaschine, lässt die Pollsche das Bakteriometer nicht aus den Augen und zuckt Driss irritiert zusammen, wenn sich jemand nur mit Mundschutz in ihr sauberes Reich hineinwagt. Den braucht man nämlich nicht in einem sogenannten „Wächterhaus“, wo jeder Blockwartfunktionen gegenüber allen anderen wahrnimmt und die „basisdemokratische Mitwirkung am öffentlichen Leben“ Rabatte bei Strom und Wasser garantiert.

Brave new world mit einem Hauch 1984, dem in seinen olfaktorischen Tiefen auch noch eine kaum spürbare Ulla-Schmidt-Note als historische Reminiszenz anhaftet. Gesund jedenfalls ist der Mensch in Zehs negativer Utopie, geradezu unmenschlich gesund. Und wer sich hängen lässt bei der täglichen Erhaltung und Steigerung seiner Leistungskraft, der hat Konsequenzen zu fürchten, die mit der Einladung zu einem Klärungsgespräch beginnen und in besonders schweren Fällen gerichtlich verfügtes Einfrieren auf unbestimmte Zeit nach sich ziehen. Denn es gilt: „Ein Mensch, der nicht nach Gesundheit strebt, wird nicht krank, sondern ist es schon.“

Die METHODE, die hat immer recht!

Womit wir bei Mia Holl wären. Die wohnt mit den drei oben erwähnten argusäugigen Volksvertreterinnen unter einem Dach und müsste folglich besonders aufpassen auf ihr körperliches, geistiges und soziales Wohlbefinden. Die Privilegien, die ein Wächterhaus genießt, können diesem nämlich auch wieder aberkannt werden, wenn schlamperte Mitbewohner Schlaf- und Ernährungsberichte verschludern, ihr sportliches Leistungsprofil plötzlich einbricht oder regelmäßige Blutdruckmessungen und Urintests zur Krankheitsprävention nicht nachgewiesen werden. Doch Mia Holl – 34 Jahre alt, Biologin und bisher als Sympathisantin terroristischer Organisationen wie etwa „Recht auf Krankheit“ (R.A.K.) nicht aufgefallen – hat ein Problem, das ziemlich schnell in einen tiefen Konflikt mit dem System mündet. Weil sie sich nämlich müht, den guten Ruf ihres Bruders zu retten, der mittels eines falschen genetischen Fingerabdrucks der Vergewaltigung angeklagt wurde und sich dem Urteil durch Suizid entzog, vernachlässigt sie ihre staatsbürgerlichen Pflichten und macht sich somit angreifbar.

Corpus Delicti, in dessen Mittelpunkt der Prozess gegen Mia Holl wegen „methodenfeindlicher Umtriebe“ steht, endet mit deren Verurteilung zur Höchststrafe und der alsbald folgenden Begnadigung von ganz oben. Denn niemand kann und will sich wirklich eine Märtyrerin leisten. Stattdessen landet sie, die mit dem Nachweis der Unschuld ihres Bruders die METHODE in ihren Grundfesten erschüttert hat, in einer Resozialisierungsanstalt, wo man sie fürderhin unter Kontrolle halten kann. Nur „der Tod verleiht dem Einzelnen Unsterblichkeit und stärkt die Kräfte des Widerstands“. Das Wegsperren auf Lebenszeit hingegen bricht den kurzzeitig aufflackernden Unruhen sofort die Spitze. Die METHODE, die METHODE, die hat immer recht!

Aseptisches Zukunftsszenario

Juli Zehs vierter und bisher kürzester Roman konzentriert sich in seiner schnellen, theaterszenenartigen Kapitelabfolge ganz auf sein aseptisches Zukunftsszenario. Sein Erzähler überblickt aus der Wir-Perspektive eine gespenstische Welt, in der es allen gut geht im Sinne der Abwesenheit von Krankheiten. Kies- und Kohlengruben, Fabriken, Autobahnen, selbst Kirchen sind stillgelegt: „Hier stinkt nichts mehr.“ Eine Zentrale Partnerschaftsvermittlung (ZPV) sorgt für die gefahrlose Fortpflanzung und mehr als das Strafgesetzbuch (StGB) hat der widerständige Bürger die Gesundheitsprozessordnung (GPO) zu fürchten. Medien und Rechtsprechung sind gleichgeschaltet, Experten für „Anti-Methodismus“ wie Heinrich Kramer, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die zu Anfang mehr als blauäugige Mia zur Strecke zu bringen, geben den Ton an.

Hinter den Kulissen dieses Paradieses aber existiert weiterhin die Sehnsucht nach dem Nichtperfekten. Da verlässt man vorgegebene Pfade, missachtet die Verbotsschilder und gönnt sich ein bisschen Natur jenseits der Betonwüsten, auch wenn dort Bakterien lauern könnten. Da träumt man von einer „Stadt zum Leben“ mit „rostigen Antennen“, „geborstenen Dachstühlen“ und „marode(n) Industrieanlagen“, in der man „barfuß durch Baustellen“ läuft und sich den Matsch durch die Zehen quellen lässt. Und da glaubt man an den Tag, an dem man sich den „Luxus von individuellen Krankheitsgeschichten“ wieder wird leisten können. Denn nichts ist so steril wie ein Hygienehimmel für alle, hinter dem der Zwang zu Vorsorge, Fitness und Denunziation von Abweichlern steht.

Mit ihrem Roman, basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von 2007, reagiert die gelernte Juristin Zeh auf viele brennende Fragen unserer Gegenwart. Nach dem Ende des Jahrhunderts der Ismen macht Corpus Delicti auf die Gefahren aufmerksam, die aus dem Zwang zur Perfektionierung aller Lebens- und Gesellschaftsbereiche entstehen können. Ihre Hauptsorge freilich gilt dem Geist, der in einem System, das ganz auf den Körper vertraut, auf der Strecke bleibt. Wo das Heil an äußerlichen Symptomen ablesbar ist, verkümmern die Seelen, werden aus Menschen Automaten, die nur noch aufs Gehorchen getrimmt sind, hartherzige Opportunisten ohne die Kraft zu Widerwort und Widerstand. Ihnen hält Mia Holl entgegen, was auch als moralischer Appell der Autorin an ihre Leser verstanden werden kann: „Ich entziehe einer Gesellschaft das Vertrauen, die aus Menschen besteht und trotzdem auf der Angst vor dem Menschlichen gründet ... Ich entziehe einem Volk das Vertrauen, das glaubt, totale Durchleuchtung schade nur dem, der etwas zu verbergen hat. Ich entziehe einer METHODE das Vertrauen, die lieber der DNA eines Menschen als seinen Worten glaubt ... Ich entziehe einer Politik das Vertrauen, die ihre Popularität allein auf das Versprechen eines risikofreien Lebens stützt.“ Denn wenn nicht mehr gilt, dass Leben auch zum Tode führen kann, lohnt es sich nicht, lebendig zu sein.


 

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