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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:31

 

Laurent Quintreau: Und morgen bin ich dran

06.04.2009


Im finstren Wald verirrt oder Manager auf Abwegen

Frankreich hat 2006 das preisgekrönte Debüt eines Seelenkundigen auf den Markt gebracht, jetzt liegt die deutsche Übersetzung vor. Laurent Quintreau beleuchtet in Und morgen bin ich dran. Das Meeting eine Managersitzung und lässt dabei tief blicken. Von Senta Wagner

 

Willkommen in der Hölle. In einem französischen Konzern haben sich zehn Managerinnen und Manager zu einem zweistündigen Meeting versammelt unter dem Vorsitz ihres Generaldirektors Jean-François Rorty. Rorty ist ein Neuer, ein Hochmotivierter, ein „Dreckskerl“. Seine einleitenden Worte drehen sich hauptsächlich um riesenhafte Zahlen wie Umsatzrenditen und Rohgewinne des Unternehmens. Und wie die Zahlen noch größer, die Schulden kleiner werden können. Beim Thema Personalabbau, Schreckgespenst Nummer eins in Zeiten einer flauen Wirtschaft, ist er wenig zimperlich. Im Folgenden werden die einzelnen Punkte der Tagesordnung abgehandelt, das übliche Blabla, wenn Führungsriegen beieinander glucken: Motivationsseminare, Weiterbildung, Repräsentation des Empfangs, Buchhaltung usw.

Lauter Traumprinzen und –prinzessinnen

Jetzt kommt Dante ins Spiel: Formal angelehnt – vielleicht als Pastiche gedacht – an dessen dreiteilige Vision Die Göttliche Komödie ist auch Das Meeting in Hölle, Fegefeuer und Paradies gegliedert. Die Geschichte beginnt im Vorraum der Hölle, dem ersten Höllenkreis, den Dominique Meyer mit ihrem inneren Monolog füllt. Acht weiteren Führungspersonen wird jeweils ein Höllenkreis zugeteilt, ein Manager wandert ins Fegefeuer, einer ins Paradies (netterweise hört er auf den Namen Alighieri). So kommt jeder auf ein paar Seiten zu Wort, auch Rorty, nämlich im achten Höllenkreis.

Aus Managertypen macht der seelenkundige Quintreau in seinem Debüt kurzerhand Chronisten der eigenen Sitzung und der ureigensten Höllenqualen. Es vagabundieren Gedanken, Erinnerungen, Beobachtungen, geheime Wünsche, Sehnsüchte, Perversionen und Gewaltphantasien – hört ja keiner. Als harmlos einzustufen wäre an dieser Stelle beispielsweise das Nachdenken des einen oder anderen über Literatur und Philosophie. Eine fortschreitende Dynamik entsteht aus der Redewiedergabe der anderen Meetingteilnehmer, vor allem dem direkten oder indirekten Zitat der Worte von Rorty. Aus diesem vielstimmigen Gebrabbel und Gestöhne erschließt sich dem Leser die Substanz und der Ablauf des Meetings ebenso wie das oben Gesagte.

Sind Manager nicht solche Leute, die besonders leistungsfähig und sozialkompetent sind, vor allem ein hohes Einkommen haben? Quintreaus Figuren sind vor allem eins: erbärmlich. Sie sind Zyniker, Alkoholiker, Sexbesessene und Frustrierte. Für dieses triste Bild hat sich Laurent Quintreau respektabel ins Zeug gelegt, er wird sich auskennen. Die Teilnehmer zappeln auf ihren Stühlen herum, kratzen sich, lassen kein gutes Haar am anderen, sind scharf aufeinander, heulen herum oder starren Löcher in die Luft. Allgegenwärtig sind die Angst vor Kündigung und der unbedingte Wille zur Karriere. Oft genug allerdings scheint das Bild zu kippen, zu kippen in seine eigene Karikatur.

Groteske Komödie

Mit der Wahl des inneren Monologs steckt Quintreau sich darüber hinaus selbst in ein enges erzählerisches Korsett und stößt damit künstlerisch prompt an seine Grenzen. Das Repetitive des Verfahrens ist kein Gewinn, allenfalls das erzwungene hohe Tempo und der Rhythmus.

Sprachlich also werden aus ausformulierten, strukturierten Satzfolgen bloße Satzfetzen gemacht, die zwar einer Syntax gehorchen, aber nur durch Kommata getrennt im Blocksatz aneinandergereiht werden. Dabei ist die Wortwahl der einen Teilnehmerin gewählter, die eines anderen Teilnehmers zotiger. Das Buch endet dann auf Seite 180 mit einem Punkt.

Man könnte sagen, die Göttliche Komödie ist entzaubert worden zu einer „grotesken Komödie“, die vor allem darauf Lust gemacht hat, die erste (wieder) zu lesen.

Senta Wagner


Laurent Quintreau: Und morgen bin ich dran. Das Meeting (Marge brute, 2006). Roman. Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz. Unionsverlag 2009. 184 Seiten.

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