Es ist noch nicht lange her, da erstand ich in einem Buchantiquariat eine Prosaanthologie, für die knapp zwanzig vorwiegend jüngere Autorinnen und Autoren Texte zum Thema „Heimat“ geschrieben hatten. Während der Lektüre wuchs dann meine Verwunderung darüber, dass sich gut die Hälfte der Beiträge um das „Zuhause“ der Autoren drehte, um Wohnungen im Allgemeinen oder Häuser im Speziellen. Aber waren bzw. sind das nicht zwei ganz verschiedene Paar Schuhe, Heimat und Zuhause? Kann denn eine Räumlichkeit, die ein schönes Zuhause sein mag, wirklich als Heimat herhalten? Heimat, ist das nicht eher ein Gefühl als ein Ort?
Verwirrung kam auf, eben jene Verwirrung, die auch die Protagonistin von Martina Hefters Roman Die Küsten der Berge mit voller Härte trifft, als sie mit Mann und Kindern nach Leipzig zurückkehrt – in eben jene Stadt, in die sie erstmals kurz nach der Grenzöffnung kam durch Zufall und in Folge eines nicht zustande gekommenen Geschäfts, in der sie später als Reinigungsfrau in einem Hotel arbeitete und sich schließlich mit ihrem aus Chemnitz stammenden Mann niederließ. Zu schnell ist die Rückkehr in den Alltag, zu heftig, zu stark der Bruch mit der Zeit, die die Familie in der seit vor der Wende bestehenden und vom Schwiegervater geführten Pension auf Rügen verbracht hat. Zu präsent auch die Bilder, die ihr im Urlaub in den Sinn kamen, die Erinnerungen, die sich fern des desensibilisierenden Alltags wieder ins Hirn geschlichen haben. Die Kindheit und Jugend in ihrer Heimatstadt am Rande des Allgäus – und immer wieder ist die Rede von der damals besten Freundin, mit der sie eines Abends ohne Kenntnis der Eltern über Österreich nach Italien aufgebrochen war und die schließlich ihrem Fernweh nachgegeben hatte und jobbend in die Welt gezogen war. Deren Haus sie hütete, immer in der Annahme, die Freundin käme ja wieder – und die nicht wiederkam und ihr stattdessen schrieb, auch sie solle nun die Zelte abbrechen und wegziehen.
Im Laufe des Buches wird immer deutlicher, dass Zuhause und Heimat zwei Welten sein können; oftmals zwei Welten sind, in denen man nicht gleichzeitig anwesend sein kann. Das Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein, sich am falschen Ort zu befinden; jetzt wird es ihr wieder einmal bewusst. Und auch das feste Gefüge einer Erwachsenen, die ihre Unabhängigkeit und Freiheit gegen Kindergartenplätze und Job eingetauscht, die sich arrangiert hat und nun die Zelte nicht mehr ohne Weiteres abbrechen kann.
Verortung, emotional und räumlich
Martina Hefter arbeitet mit starken Symbolen. Mit Zweigen, die ins nächtliche Kinderzimmer hineinzuschauen scheinen – die Zweige eines Baumes, der im Gründungsjahr der DDR von den Nachbarn ihres Mietshauses gepflanzt worden war. Mit untypischen Pflanzen, die auf einmal auftauchen und wachsen, obwohl Jahreszeit und Betonboden nicht zu passen scheinen. Die schlecht vernähte Narbe am Ellbogen – offensichtlich auch ein schmerzlich verheilter offener Bruch in der Biografie.
Der Verschwommenheit der emotionalen Präsenz setzt die Protagonistin in ihren Schilderungen möglichst präzise räumliche und gesellschaftliche Verortungen entgegen:
Wo befand sie sich? Der Stadtteil hatte auf dem Stadtplan die Form eines langen Dreiecks mit etwas krakelig gezeichneten, nach außen gebogenen Längsseiten, eine sanfte Zacke, die sich in den Auwald schob. / ... Ihre Wohnung befand sich ungefähr in der Mitte des Dreiecks, in jeweils gleich bedrohlicher Nähe zu der breiten Basis oben wie zu der Lanzettenspitze.
Und natürlich: Wenn es um Orte geht, dann geht es auch um Zeit, denn was wären Orte ohne ihre Eigenschaft, sich zwar stetig zu verändern, dabei jedoch stets sie selbst zu bleiben.
Du bist hier – ich will aber da sein!
Die Fremde des Ortes, an dem man sich befindet – immer wieder fließt diese Thematik durch das Buch, auch durch zunächst scheinbar nebensächliche Szenen, die ohne die Protagonistin auskommen. Zum Synonym des ewigen Unterwegsseins werden in Die Küsten der Berge die in den Restaurants und Hotels arbeitenden, den Urlaubern und dem Geld hinterherreisenden Saisonarbeiter. Die Frau kommuniziert mit ihnen in „Augensprache“, Parallelen deuten sich an, werden deutlich, die Augen eines kasachischen Küchenhelfers „sprechen“ es aus:
Ich weiß auch, dass du einmal ganz ohne festes Heim gewesen sein musst, und auch jetzt ist dein Wohnen eher halbherzig, du kämpfst mit dem Wohnen, man sieht es dir an der Nasenspitze an, pass bloß auf, dass sich das nicht auf die Kinder überträgt, das Nicht-Daheimsein, das Kämpfen mit dem Wohnen.
Ein hoffnungsvolles, kämpferisches Buch in leisem, unaufgeregtem Ton, detailverliebte, nein: detailbesessene Schilderung dessen, was zu sehen ist – oftmals der Gegenpart zu den schwammigen Gefühlen, die sich beim Anblick der Stadt und Nachbarschaft einstellen, die als momentanes Zuhause herhalten muss. Vielleicht vergleichbar mit dem Tagebuch eines Häftlings, dem die Zellenwand die Erinnerung an frühere Zeiten und Orte nicht nehmen kann.
Als ganz kleines Kind war ich verrückt nach der Sesamstraße. Gerne ließ ich mir von Bob und Susan das Leben und die Welt erklären. Mein Favorit unter den Figuren war jedoch Grobi, das blaue tollpatschige und dadurch liebenswerte Monster. Wenn er „da“ sein wollte, dann lief er hin, und seine Freunde begrüßten ihn mit „Jetzt bist du hier“. Es dauerte einige Anläufe, bis Grobi merkte, dass er auf seinem Weg zum „Da“ immer wieder im „Hier“ ankam. Zum Schluss aber war er glücklich, bei seinen Freunden zu sein. Vielleicht ist dies die einzige Möglichkeit, das Zuhause mit der Heimat zu verbinden, in der Ferne eine Heimat zu finden.