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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:32

 

Amélie Nothomb: Biographie des Hungers

11.05.2009


Kolonien der Hiebe

Schokoladensucht in Japan, Whiskyrausch in New York, Anorexie in Bangladesch: eine belgische Diplomatentochter schlachtet ungeniert ihre exzentrischen Kindheits- und Jugendjahre im Ausland aus. Ingeborg Jaiser ist wenig beeindruckt.

 

Als Amélie Nothomb 1999 in ihrem stark autobiografisch gefärbten Roman Mit Staunen und Zittern die Erniedrigungen einer europäischen Mitarbeiterin in einem japanischen Unternehmen schilderte, war ihr dank Exotismus-Bonus der literarische Erfolg sicher. Doch dieses Muster kann nicht dauerhaft aufgehen. Ihre Biographie des Hungers ist zwar als Roman getarnt, reiht jedoch lose einzelne mehr oder weniger spektakuläre Episoden aus ihrem eigenen Leben aneinander.

1967 als Tochter eines belgischen Diplomaten in Kobe geboren, verbringt Nothomb ihre Kindheit in Fernost und in New York. Die vielfachen Versetzungen des Vaters, die angeordneten Umzüge und Reisen sorgen nicht nur für eine gewisse Weltläufigkeit, sondern auch für Unmut, Kummer, Hass sowie ein tiefes Gefühl der Zerrissenheit. Während das kleine Mädchen die ersten vier Jahre in Japan als Paradies erlebt, empfindet sie die weiteren Stationen als ständiges Wechselspiel zwischen Himmel und Hölle: Terror und Argwohn im maoistischen China, kultureller Overflow in New York, sterbende Menschen in Bangladesch, landschaftliche Schönheit in Burma.

Ich war ein Kadaver

Kein Wunder, dass Amélie streckenweise den Boden unter den Füßen verliert und sich – gelinde ausgedrückt – etwas verhaltensauffällig entwickelt. Sie pinkelt als Grundschulkind während des Unterrichts in die Hose, trinkt als Achtjährige auf Partys heimlich Champagnergläser leer, versucht als Zwölfjährige ihre sprießenden Brüste abzusengen und stellt als Dreizehnjährige komplett das Essen ein. Während sie früher Garagen aufbrach, um dort deponierte Süßigkeiten zu stehlen oder kiloweise Ananas verschlang, um sich am dabei auftretenden Zahnfleischbluten zu ergötzen, hungert sie sich nun fast zu Tode. Als die Familie nach Laos zieht, wiegt die fünfzehnjährige Amélie noch zweiunddreißig Kilo. „Ich war ein Kadaver“, stellt sie rückblickend fest.„Das begeisterte mich.“

Übermenschen und Überhunger

Die kranken Auswüchse und Peinigungen ihrer Kindheit vollständig unter das Thema Hunger zu stellen, ist eine wenig originelle und nicht sehr tragfähige Idee – eine peinliche sowieso, angesichts solch genialer Werke der Weltliteratur wie Knut Hamsuns Hunger. Dabei ist Nothombs Wesenszug eher von einer ganz anderen Empfindung geprägt: von Übertreibung, Überhöhung, Hysterie. Es scheint für sie unvorstellbar, ein Gefühl im Mittelmaß anzusiedeln. „So weit mein Gedächtnis reicht, bin ich immer fast vor Hunger gestorben“, gibt sie vor. Und zwei Seiten weiter: „Wenn Nietzsche vom Übermenschen spricht, darf ich auch vom Überhunger sprechen.“ Aber klar doch, denn Bescheidenheit scheint in dieser Familie ein Fremdwort zu sein. Der Vater ist der „meistbeschäftigte Mann der Welt“ und „ein Märtyrer der Ernährung“. Die Mutter und die ältere Schwester Juliette sind von spektakulärer Schönheit. Kein Wunder, dass sich die kleine Tochter Amélie ihres Sonderstatus’ bewusst ist. „Ich war das Gegenteil eines Sklaven, nämlich Gott“, glaubt sie recht früh zu erkennen. Und etwas später: „Einmal war es mir gelungen, einen Typen aus meiner Klasse durch reine Gedankenkraft zu töten.“ Mehr noch, Amélie mutmaßt durch ihre An- und Abwesenheit die Weltpolitik steuern zu können. Als der Präsident von Bangladesch ermordet wurde, war sie sich sicher: „Kaum verließ ich ein Land, passierte dort etwas.“

Wohlmeinende Leser mögen Nothomb noch Ironie unterstellen, kritische Rezipienten eher egozentrische Nabelschau. Dass der Diogenes Verlag, der meist klassische Kunstillustrationen für seine Buchumschläge verwendet, die Biographie des Hungers mit einem Coverfoto der Autorin versieht, passt wahrlich ins Bild. Dabei hätte alles noch viel schlimmer kommen können. Auch wenn Nothomb letztendlich Heil und Hilfe in der Literatur gefunden hat, deutet sie wissend an: „Anscheinend rekrutiert sich das Gros des internationalen Terrorismus aus Diplomatenkindern.“

Ingeborg Jaiser


Amélie Nothomb: Biographie des Hungers (Biographie de la faim, 2008). Aus dem Französischen von Brigitte Große. Zürich: Diogenes Verlag 2009. 207 Seiten. 18, 90 Euro.


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