Ralf Rothmann: Feuer brennt nicht
18.05.2009
Im Bett mit dem (Steppen-)Wolf
Ralf Rothmann überrascht in seinem neuen Roman mit ungewohnt derber Sprache und expliziten Sexszenen. Aber kann man einem Schriftsteller zum Vorwurf machen, dass er das Sujet wechselt und über Anderes anders schreibt als gewohnt? Von Simone Schröder
Es ist ja nicht so, dass es in Ralf Rothmanns Romanen nie Sex gegeben hätte. In Junges Licht zum Beispiel fand er hinter verschlossenen Türen statt oder in Rothmanns erstem Roman Stier auf der Matratze unterm Dachboden, immer irgendwie en passant, ein paar prägnante Zeilen innerhalb des Textes einnehmend; nach dem Motto: bis hierhin und nicht weiter – was hinter den Türen stattfindet, lieber Leser, kannst du dir ja selbst ausmalen! Das ist jetzt anders. In Feuer brennt nicht ist der Held der Erzählung, Wolf, gut ein Drittel des Textes „rammelnd wie ein Affe“ zu sehen.
Wolf hat neben dem ähnlichen Vornamen auch sonst einiges mit seinem Schöpfer gemein, etwa die Ausbildung zum Maurer, die verschiedenen Aushilfsjobs: auf der Baustelle, in der Großküche und Druckerei. Außerdem die Wohnorte: das Ruhrgebiet, Kreuzberg und Berlin-Friedrichshagen, und schließlich das Dasein als Schriftsteller. Dieser Wolf lernt nun während eines Jahresstipendiums im Sauerländischen die verlobte Buchhändlerin Alina kennen. Die Affäre beginnt und Alina löst schließlich ihre Verlobung, um Wolf nach Berlin zu folgen. Sie wohnen in Kreuzberg, ein Haus, zwei einander gegenüberliegende Wohnungen, doch das geht auf die Dauer nicht gut. In Kreuzberg ist es „zum Verrücktwerden“, das Haus ist schmutzig, und „es stinkt aus allen Rohren“. Warum also nicht in einer bürgerlicheren Gegend zusammenziehen? In Berlin-Friedrichshagen, einem Stadtteil am östlichen Stadtrand, werden sie fündig, und es beginnt das Leben zu zweit unter einem Dach. Doch eines wird bald klar: der Wolf ist ein Steppenwolf (Hesse wird auch im Text genannt) und obgleich er Alina liebt, ist „seine Sehnsucht“ hauptsächlich „eine nach Freiheit“, nach dem unabhängigen, wilden Dasein von früher. Er leidet unter der menschlichen Enge des Zusammenlebens, spricht jedoch nie mit Alina darüber.
Und dann kommt der Sex: eine alte Affäre, die Wolf wieder aufleben lässt. Es ist der Beginn einer Dreiecksgeschichte. Sie, Charlotte, „ist inzwischen Professorin geworden, arbeitet nicht nur in der Universität, sondern auch als Beraterin für Sender und diverse Konzerne und hat vor einem Monat den lang ersehnten Ruf nach Berlin erhalten“. Nach fünfzehn Jahren treffen sie sich wieder. Sie redet über Gender-Studies und dabei erregt ihn ihre kühle Intelligenz: „Du sitzt auf deiner Spalte und willst gestoßen werden, und tust so, als würdest du etwas ganz anderes wollen. Der Feminismus hat den Frauen doch nur Unheil gebracht“, sagt Wolf zu ihr, und man beginnt sich als Leser zurückzusehnen in die Zeit, als – durchaus charmant – noch die geringere Dosis Sex auf dem Papier lag.
Ein etwas schaler Geschmack
Zumal beim Lesen irgendwo im Hinterkopf immer herumschwirrt, wie sich Ralf Rothmann in Interviews über seine Poetik geäußert hat, nämlich seine Sprache bekäme „nur dann Schwerkraft“, wenn er aus „[s]einen Erfahrungen spreche“. Aber eigentlich ist der Autor ja tot und überhaupt spielt es doch auch gar keine Rolle … und trotzdem bleibt da dieser etwas schale Geschmack beim Lesen von Sätzen wie diesen: „Er legt sich in die leere Wanne und lässt sich von ihr bepissen, schlägt auf ihren Hintern, bis er dunkelrot ist, spritzt ihr ins Gesicht“, „Diese prachtvolle Frau wird ihm gleich die Eier lecken“, „Die Zähne schlagen aufeinander, und er kratzt ihr Striemen auf den Rücken, drückt einen Daumen in ihren Arsch“.
Einmal besucht Wolf seinen Freund und Mentor Richard Sander in Italien. Es kommt zum Streit über Wolfs Texte. „Solange er seiner Herkunft entsprechend holzschnittartig bleibt und mit substantivischer Geste von Baustellen, Großküchen, Krebsstationen oder Sektionssälen schreibt“, denkt Wolf, „muss er sich um Richards Zustimmung nicht sorgen [...]. Versucht er aber zu artikulieren, was sich jenseits der expressiven Bilder und vordergründigen Ansichten bewegt [...], setzt der Ältere sofort den Rotstift an.“
Aber darf man das, einem Schriftsteller zum Vorwurf machen, dass er das Sujet wechselt und über Anderes anders schreibt als gewohnt? Die Leser, die Ralf Rothmann schon vor Feuer brennt nicht kannten und ihn aufgrund seiner Gedichte, Erzählungen und früheren Romane als Autor schätzen, werden vermutlich auch den neuen Roman lesen, über manches stutzen und manches mögen. Ob allerdings die Leser, für die es die erste Begegnung mit Rothmann ist, nach der Lektüre neugierig sein werden auf sein übriges Werk? Wenn nicht, wäre das schade, denn sie verpassen viel.
Simone Schröder
Ralf Rothmann: Feuer brennt nicht. Roman. Suhrkamp Verlag 2009. 304 Seiten. 19,80 Euro.
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