Alt sein ohne Geld zu haben, muss schrecklich sein. Da haben es die drei Hexen Sukie, Jane und Alexandra aus John Updikes letztem Roman Die Witwen von Eastwick, der in deutscher Sprache postum erschienen ist, doch vergleichsweise gut getroffen. Sie alle sind mittlerweile um die 70, haben von ihren verstorbenen Gatten geerbt, und es stellt sich nur noch die Frage, wohin die erste gemeinsame Reise gehen soll. Die Entscheidung ist schnell gefällt, und so sitzen die drei schon bald zusammen im Flugzeug nach China. Es ist Jahre her, seit sie sich das letzte Mal in Eastwick gesehen haben. „Als sie fortgezogen waren aus der ehrwürdigen Ostküstenstadt, [...] waren die drei Hexen kaum noch in Verbindung miteinander gewesen, sie waren geographisch zu weit verstreut“ und erst der Tod der Männer bringt sie wieder zusammen.
Was folgt sind ein bisschen Sightseeing vor chinesischer Aquarellkulisse, ein wenig Seniorenkaffeefahrt und lange Gespräche über die guten, alten Zeiten in Eastwick. Hier wird vor dem Leser (teilweise eine Spur zu offensichtlich) ausgerollt, was im Vorgängerroman Die Hexen von Eastwick geschah. Damals waren sie junge Frauen, die der Verwirklichung des Lustprinzips durch magische Tricks auf die Sprünge halfen. Dass durch die Hexerei Jenny Gabriel, eine ihrer Konkurrentinnen, starb, sorgt erst jetzt für Reuegefühle. Die Hexen treten im Alter gereifter auf, sie sind weniger egozentrisch und dafür nachdenklicher geworden. Sie wirken mitunter wie Widergänger ihrer jüngeren Ichs, die diesen wie Fremdkörpern begegnen, sie irritiert und zugleich doch fasziniert betrachten. Um diese Konstellation noch zusätzlich zu forcieren – anders lässt es sich eigentlich nicht erklären –, hat Updike beschlossen, seine drei Hexen, nachdem der China-Ausflug als Erfolg verbucht wurde, noch einmal zurück nach Eastwick zu schicken.
“Trivialität des Kleinstadtlebens“
Ein Haus für den Sommer ist bald gefunden (für die Kenner des ersten Teiles: Es ist das Haus, in dem sie früher zusammen mit dem schwarzen Magier und Kunstsammler Darryl Van Horne heiße Partys im Jacuzzi feierten), doch Eastwick enttäuscht: Dort zu sein, ist nicht mehr das Gleiche wie noch vor vierzig Jahren. Eastwick „ist homogenisiert worden, geglättet und geschliffen [...], als wäre ein gigantischer, eigenschaftsloser Krebs dabei, alles zu verschlingen. Und die jüngeren Leute [...] – ssso langweilig“, sagt Jane, „wenn man sie nur ansieht, diese aufgedrehten jungen Mütter, die ihre übergewichtigen Söhne in übergewichtigen SUVs zwanzig Meilen zum Hockey-Training fahren, diese Kastraten von jungen Vätern [...], alles wieder wie in den fünfziger Jahren, nur dass die Russen als Entschuldigung nicht mehr in Frage kommen“.
Obgleich auch die Hexen sich verändert haben, erinnert man sich in Eastwick an sie. In den Köpfen der Leute sind sie noch immer die jungen Frauen, die ihnen ihre Ehemänner abtrünnig machten und deren Zauberei damals Jenny Gabriel das Leben kostete. Dass sie dem Rachefeldzug von Jennys Bruder Chris (der inzwischen auch magische Kräfte gewonnen hat) kaum etwas entgegenzusetzen haben, zeigt, dass die Rückkehr nach Eastwick vor allen Dingen zu einem „Endspurt zum Grab in Witwenkleidern“ wird.
Was den Roman gut und lesenswert macht, sind, wie bei Updike oft und hier nun zum letzten Mal, die Beschreibungen des amerikanischen Kleinstadtlebens in seiner Trivialität, der vermeintlichen Familienidylle, in deren Innern Abgründe gähnen, der Humor, mit dem über das Altern berichtet wird, und die Plastizität, die die Figuren in all ihrer Widersprüchlichkeit gewinnen.
Updike articulated what everyone was mutely feeling
Anlässlich dieses Romans wird es sicher keine hitzigen feministischen Debatten geben wie seinerzeit 1984, als Die Hexen von Eastwick erschien. Damals regte man sich über diese drei Frauen auf, die ihre Kinder vernachlässigten, um rein hedonistisch auf ihre Kosten zu kommen. Aber das ist wohl auch eine Frage der Zeit. Wenn die Mehrheit aller Frauen statt der Feminismus- die Sex and the City-Schule durchlaufen hat, werden wohl über Hedonismus als Lebensinhalt keine Köpfe mehr geschüttelt – doch das nur am Rande –, denn Updike hat es nicht auf die Wiederholung eines Aufschreis angelegt. Auch betreibt er nicht den Ausverkauf des Skandals, sein zweiter Hexenroman ist etwas anderes als eine Reuniontour der Sex Pistols.
Die drei Hexen sind im Alter so weit, Bilanz zu ziehen. Sie denken darüber nach, was sie falsch und richtig gemacht haben bei der Erziehung ihrer Kinder. Alexandras älteste Tochter wohnt noch in Eastwick, und die Beschreibung des spröden, aber nicht liebesfreien Mutter-Tochter-Verhältnisses zählt zu den schönsten Passagen des Romans.
Nur manchmal kommt der Gedanke auf: Wozu eigentlich das ganze Magie-Getue, die Tarotkarten und der Hexenzirkel? Wäre das wirklich nötig gewesen? Aber weil es ein so angenehm leicht daherkommender Roman geworden ist, schiebt man den Gedanken schnell beiseite und gibt stattdessen lieber Jeffrey Eugenides Recht, der anlässlich von Updike Tod am 27. Januar 2009 im New Yorker schrieb: „Updike was the American novelist who articulated, possibly better than anyone else, what everyone was mutely feeling.“
Schade, dass Die Witwen von Eastwick Updikes letzter Roman ist.