Keine Biographie der letzten Jahre ist von deutschen Rezensenten mehr über den grünen Klee gelobt worden, als der knapp 700 (!) seitige Sartre des 1948 geborenen Bernard-Henri Lévy. Zu Recht hat das Buch des ehemaligen "Neuen Philosophen", der einmal zu den selbst ernannten "Totengräbern" der französischen "Philosophen des (20.) Jahrhunderts" gehörte, dieses Lob verdient. Als BHLs Sartre zum 20.Todesjahr des einst weltberühmten Autors von Das Sein und das Nichts und Der Wörter erschien, ging ihm bei uns bald der Ruf voraus, den "toten Hund" des "exemplarischen Intellektuellen" mit einer großen Geste der passionierten Liebe wieder zum Leben erweckt zu haben. Zugleich aber wurde BHL unterstellt, durch diesen Akt des philosophisch-politischen Nonkonformismus sich als Erbe Sartres empfohlen zu haben.
Gewiss ist jede große Biographie, erst recht, wenn der Biograph auch seinen Anteil an der Lebensgeschichte des von ihm Porträtierten hat und sein Zeitgenosse war, auch autobiographisch imprägniert - und das wohl notwendigerweise, wenn der Biograph eine eigene intellektuelle Statur hat. Umso mehr, als BHL weder zu den "Lumpen" gehört, die nach einem Wort Goethes "beschieden sind", und Lévy als öffentliche Person in der französischen intellektuellen Szene seit Ende des letzten Jahrhunderts unübersehbar präsent ist und sich immer wieder lautstark zu Wort gemeldet hat, vor allem wenn es darum ging, traditionell versteinerte Verhältnisse der orthodoxen und auch der Neuen Linken "zum Tanzen" zu bringen. Nietzsches Satz, wonach man es seinem Lehrer schlecht vergelte, wenn man immer nur sein Schüler bliebe, trifft auf ihn ebenso zu, wie er sich auch auf einen der zentralen philosophischen Begriffe Sartres, die "transgression", die Überschreitung, berufen könnte, um seinen Umgang mit dem einst dominanten französischen Philosophen zu begründen. Zwar schaut jeder, der auf den Schultern eines Riesen (wie Sartre) sitzt, weiter als dieser; aber das heißt nicht, dass er selbst dadurch ein Riese sei.
Die Begeisterung der deutschen Rezensenten für BHLs Sartre hatte jedoch etwas Pauschales, um nicht zu sagen "Oberflächliches". Denn der Einzige, der im deutschsprachigen Raum das Buch auf gleicher Augenhöhe hätte begrüßen und adäquat kritisieren können, lebt nicht mehr, Jean Améry nämlich, der 1978 den Freitod gewählt hatte. Von den meisten, die sich bei uns heute panegyrisch zu BHLs Buch äußerten, muss man annehmen, dass sie das ¼uvre Sartres, wenn überhaupt, nur höchst fragmentiert kennen, seine philosophische Entwicklung noch weniger, ihnen aber Sartres publizistische Aktivität einigermaßen bekannt ist. Sartre, der Philosoph und Literat, war jedoch gewiss der herausragendste öffentlich Denkende und sich Äußernde seiner Zeit, der den Intellektuellen überall ein ermutigendes Vorbild gab, sich mit Leidenschaft und Empathie in die politischen Händel der Zeit einzumischen.
Aber obwohl der Rowohlt Verlag - Dank der unermüdlichen, hochqualifizierten Arbeit des zu früh gestorbenen Übersetzers und Editors Traugott König - die beste, umfangreichste Ausgabe von Sartres Werk noch vor den Franzosen in den sechziger bis achtziger Jahren auf Deutsch publiziert hatte (gewissermaßen als Resümee seiner Zeit), war Sartre bei uns im öffentlichen Bewusstsein weniger bekannt und als Autor sui generis integrierter als sein Freund/Feind Albert Camus.
Das hatte zum einen in der Fülle von Sartres oft anlassbedingten Äußerungen, zum anderen in der hybriden Form seines Werkes seinen Grund - eines ¼uvres, das sich den klassischen literarischen und philosophischen Genres in weiten Teilen entzog, man denke z. B. nur an seine monumentalen Studien über Genet oder Flaubert, mit denen er ihre literarischen Werke oder ihre Psyche derart de- und rekonstruierte, dass der Zeitgenosse Genet darunter begraben und zum Schweigen gebracht, der tote Flaubert aber nicht zu einem anderen Sartreschen Leben erweckt wurde. Außerdem ist das Sartresche ¼uvre auch zu großen Teilen ein Ruinen- und Geröllfeld von Fragmenten. Er war kein Gärtner seiner Talente, sondern ein Sämann seiner Lust und Launen, verschwenderisch, hingerissen, forteilend, und zog sein gelebtes Leben allem systematischen Ehrgeiz der Vollendung vor.
Dagegen lag bei Albert Camus ein überschaubares literarisches Terrain abgeschlossener Werke vor - Romane, Erzählungen, Dramen und Essays -, das eher von moralistischer Konsistenz als philosophisch von intellektueller Dichte zeugte, und vor allem ohne die vielfachen, wechselnden politischen Zweideutigkeiten, in denen sich Sartre als zeitweiliger Fellow-Traveller der KPF bewegte. Er war unberechenbar.
Kein "philosophischer Roman"
Der Sartre Bernard-Henri Lévys erlaubte nun einer deutschen Nachwelt von Rezensenten, sich im ¼uvre des philosophischen Schriftstellers ohne Primärlektüre informiert und heimisch zu fühlen (sofern man wirklich BHLs Buch zu Ende gelesen hat); und der ebenso kritische wie empathische Ton, den der französische Nachkomme anschlug, war souverän und à jour - freilich verpflichtete er zu keiner neuen Beschäftigung, wenngleich doch der Biograph z. B. behauptete, Sartres erzählerische Trilogie Die Wege der Freiheit sei vollkommen ästhetisch unterschätzt worden, also das allgemeine Ignoranten-Urteil darüber revisionsbedürftig. Aber wen juckt das schon noch heute?
Erstaunlich an dem einhelligen Lob für die Biographie ist aber, dass keiner ihrer deutschen Rezensenten - selbst der Kenner Wolf Lepenies nicht - erwähnte, dass das Buch, das Lepenies als einen "philosophischen Roman" bezeichnete, zum einen unverkennbar in das Spezifische der französischen Geistes- und Kulturgeschichte eingebettet ist, zum anderen aber, manchmal etwas zu penetrant, demonstriert, dass sein Autor alle Alphabete der philosophischen Orientierung beherrscht und dies durch die schematische Wiederholung der immer gleichen Methodik exemplifiziert - was dem angeblichen "Roman" ästhetisch entschieden widerspricht, aber (das sei gleich hinzugefügt) dem Gegenstand selbst insgesamt keinen nachhaltigen Abbruch tut.
Nur sollte man als deutscher Leser einkalkulieren, dass BHLs Buch Annie Cohen-Solals im Rowohlt Verlag erschienene Biographie (Sartre 1905-1980) nicht überflüssig macht, sondern sie eher voraussetzt, weil sein Buch in der Tat eine "philosophische Untersuchung" ist (wie sein französischer Untertitel zurecht lautet) und eben nicht eine kontinuierlich fortschreitende biographische Monographie. Lévy versucht, Sartre im kulturellen und politischen (und das heißt: im französischen) Netzwerk seiner Zeit "durchzuchecken". Das erlaubt dem Autor, der selbst ein brillanter, unehrerbietiger, hochgebildeter und auch amüsanter Schriftsteller ist, das "Universum Sartre" - und es ist eines, und eines in Bewegung ! - von den verschiedensten archimedischen Punkten aus in die Luft zu heben und kritisch zu betrachten, was für unsereins teils etwas akademisch, teils aber auch gewinnbringend ist.
Gewinnbringend dann, wenn dabei Korrespondenzen mit anderen französischen Autoren (wie z. B. Céline oder Bergson) zutage treten, die uns natürlich nicht aufgefallen wären, aber auch erhellend ist seine Recherche, weil wir leichthin die inhärenten Ironien, z. B. in den von uns allzu affirmativ verstandenen "Wörtern", gar nicht wahrgenommen hatten, sodass also durchaus Revisionen, nach BHL, unserer Einschätzungen und Erfahrungen mit Sartre nötig wären. Freilich: wer geht dem wirklich nach?
Unverkennbar gehört des Biographen Sympathie dem frühen, solitär-solipsistischen, "antihumanistischen" Sartre, der seine Sache auf Nichts stellte, als auf die Kritik der bürgerlichen Gesellschaft; und bedenkenswert ist auch B.-H. Lévys These, wonach Sartres humane "Kehre" im deutschen Gefangenenlager, in dem er zu "Freundschaft, Solidarität und Gemeinschaft" fand, seiner ursprünglichen "Radikalität" die radikal-kritische Spitze abgebrochen hatte und ihn deshalb zu einer "humanistisch" erpressten Versöhnung mit den kommunistischen Sachwaltern der Kollektivität "verführte". Von Liberté zu Egalité und schließlich zur Fraternité: war das Sartres "Irrweg"?
Fraternité als Irrweg?
Ohne die exzentrischsten Parteinahmen Sartres im "Kalten Krieg" auch noch nachträglich rechtfertigen zu wollen, wird man jedoch gegen Lévys These einwenden können, dass die sympathetischen Parteinahmen Sartres für die Ausgebeuteten, Unterdrückten, Unterprivilegierten so schmählich und unmenschlich nicht immer waren - angesichts von deren politischen und sozialen Lagen und der schweigenden Apathie anderer - gleich ihm: "bürgerlichen" - Intellektuellen seiner Zeit. Immerhin gehörte es zu den Grundthesen von Sartres politischer Philosophie, dass öffentliches Schweigen des Intellektuellen seine stillschweigende Billigung des status quo bedeutete, gewissermaßen eine feige Art der Zustimmung zur Chronik der laufenden gesellschaftspolitischen Ereignisse war. Und solange "das Proletariat" noch als solches erkennbar und noch nicht "kleinbürgerlich" und "konsumistisch" eingefangen und -gebunden war, konnte es noch als imaginärer Adressat einer Kritik des bürgerlichen Unterdrückungsapparats angesehen werden. Im westeuropäischen Maoismus und der Stadtguerilla der RAF, denen der späte Sartre noch seine verblassende Autorität lieh, war dieser Adressat allerdings vollends zur Chimäre geworden - und der Sartresche Typus des Intellektuellen entweder dahin gelangt, sich nun selbst für "überholt", "vogelfrei", "unverantwortlich" und "entlastet" zu fühlen - oder nur noch (oder wieder) dem Abstraktum der Freiheit, der Wahrheit, der Kritik des allgemeinen Einverständnisses verpflichtet.
Wie selbstbezogen französisch Bernard-Henri Lévys Sartre ist, zeigt sich auch daran, dass ihm Sartres außerfranzösische Wirkung gänzlich gleichgültig zu sein scheint. Immerhin war der von Sartre propagierte und intellektuell gelebte "Existenzialismus" nicht nur eine innerfranzösische Angelegenheit, sondern über Juliette Greco hinaus ein (zumindest) westeuropäisches Phänomen, das neben seinen modischen Trivialisierungen und geistesgeschichtlichen Verkürzungen (z. B. die Verballhornung des Sartreschen Begriffs des "Engagements") bis in die sechziger und siebziger Jahre wirkungsmächtig seine Spuren im intellektuellen und künstlerischen Verhaltenskodex hinterlassen hatte.
Das ist, übrigens, eine erstaunlicherweise bis heute weitgehend unerforschte und undokumentierte geschichtliche Epoche und Szenerie. Die Mutmaßung sei gewagt, wonach z. B. die westdeutsche Studentenbewegung nicht nur von der Kritischen Theorie, sondern ebenso sehr vom Sartreschen Existenzialismus und seiner moralistischen Rigidität munitioniert wurde, womöglich ohne sich dessen bewusst gewesen zu sein. Zumindest war Sartre als Person das Muster- und Vorbild des militanten, unerschrockenen Intellektuellen, dem der Exheideggerianer Herbert Marcuse - zum Missfallen Adornos und Horkheimers - auch etwas "jugendbewegt" nacheiferte.
Auftritt eines Nobodys
Der Name Jean Amérys - wie sich der Österreicher Hanns Mayer nannte, nachdem er aus seiner Heimat geflohen, in Brüssel Unterschlupf gefunden hatte, als Mitglied einer kommunistischen Resistance-Gruppe von den Deutschen verhaftet, gefoltert und nach Auschwitz deportiert wurde und nach dem Krieg zuerst als Kulturjournalist in der Schweiz und später als Essayist in Deutschland sich einen Namen machte - taucht im Namensregister von BHLs Sartre nicht auf. Lévy kennt ihn wahrscheinlich noch nicht einmal.
Dabei war Jean Améry bekennender "Sartrien" und der deutschsprachige Autor, der sich am entschiedensten und (er)kenntlichsten von dessen Philosophie hat bestimmen lassen. Sartre selbst bemerkte nur einmal in Hans Erich Nossacks Prosastück Der Untergang, dieser protokollarisch nüchternen Evokation der Zerstörung Hamburgs durch einen Luftangriff, das in "Les Temps modernes" erschien, eine deutsche Geistesverwandtschaft; und Alfred Andersch hat sich, seit der Beschreibung seiner Desertion in Die Kirschen der Freiheit und später als Rundfunkredakteur, auf Sartres Freiheitsphilosophie vielfach berufen und den Franzosen immer wieder als intellektuelle Stimme nach Westdeutschland vermittelt; denn im Osten galt der zeitweilige Bundesgenosse als Erzfeind mit seiner "bürgerlichen" Konkurrenzphilosophie des Existenzialismus.
Es ist umso bedauerlicher, dass BHL den von Brüssel aus in den deutschen Sprachraum hineinwirkenden "Sartrien" nicht kennt, weil Améry die politische Militanz des Einzelkämpfers Sartre in seinem deutschen Wirkungskreis ohne Fehl und Tadel verkörperte - und er zugleich gegen Sartres politische Irrtümer und "strategische" Optionen immunisiert war. Wodurch? Durch die ihm eintätowierte Nummer des Auschwitzhäftlings und der leiblichen Erfahrung der Folter: "Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt", war seine Grunderfahrung nach dem Ende des Nationalsozialismus. Jean Amérys Existenzialismus ist also keine bloße (philosophische) Idee, sondern geht aus erlittener Überlebenserfahrung hervor, die dort gemacht wurde, wo sich der "Zivilisationsbruch" (Adorno) ereignete.
Der 1912 geborene Schüler der Wiener Positivisten erkannte, nach seinen Ohnmachtserfahrungen am Nullpunkt seiner intellektuellen Existenz im KZ, als Gefolterter, Heimatloser, Verteidiger seiner "Ressentiments" und unter dem Zwang und der Unmöglichkeit, Jude zu sein - das sind die thematischen Kristallisationen seiner 1966 erschienenen Essays mit dem Titel Jenseits von Schuld und Sühne - in der Resistance-Philosophie Sartres seinen geistigen und politischen Kompass: "Wären wir gezwungen, die Sartresche Philosophie in ihrem zeitgeschichtlichen Aspekt in drei Sätzen zusammenzufassen, wir würden ohne Zögern sagen: Der Mensch ist nur das, was er aus sich macht. Der Mensch ist frei. Der Mensch ist sozial engagiert." Das war, was Améry, dem untröstbaren Agnostiker und Antimetaphysiker, als Grundbestand zur Beurteilung der geistigen und politischen Lage geblieben war.
Seit er von Helmut Heißenbüttel - der das Abendstudio im Süddeutschen Rundfunk leitete - nach einer Veranstaltung im Brüsseler Goethe-Institut aufgefordert worden war, für ihn größere Rundfunkessays zu schreiben, trat seine Stimme, die den österreichischen Klang und Schmelz nie verloren hatte, und seine luzide, elegante und von Romanismen und Neologismen eingefärbte Prosa eines genuinen Essayisten im philosophisch-politischen Diskurs Westdeutschlands immer häufiger hervor: als Zeugenschaft eines literarischen und intellektuellen Solitärs, der sich der politischen Linken verbunden wusste, ohne aufklärerische Kritik an ihr sich zu verbieten. Und da hatte er, je später die Zeit, desto mehr einzuwenden - übrigens auch gegen den von Herbert Marcuse inflationierten "Faschismus"-Verdacht, der nachgerade zur Mode wurde.
Jean Amérys wachsende Präsenz in der Bundesrepublik war keine Rückkehr, sondern eine Ankunft. Denn der Hanns Mayer der dreißiger Jahre war ein literarisch-essayistischer Nobody, zwar (wie man heute abfällig sagt) "bildungsbürgerlich" gesättigt, aber als junger Autor noch nicht hervorgetreten. Mit dem "Anschluss" Österreichs verlor er sowohl seine Heimat, als auch seine Sprache und wurde als Jude fremdbestimmt. Diese existentielle "Situation" nahm er an, hielt er durch, und seine späte "Ankunft" als 54-Jähriger in der deutschen Literatur blieb bis zuletzt - er nahm sich 1978 in Salzburg das Leben - eine Teilhaberschaft "auf Abruf", unter "Vorbehalt". Erst recht, als er immer öfter den Eindruck gewinnen musste, dass seine politisch-literarische Position in den siebziger Jahren immer einsamer, der pragmatische Rationalismus Sartres unter dem "a-humanen" Strukturalismus Foucaults unterzugehen drohte und die politische "Neue Linke" sich auf einen Irrationalismus von Terror und Antisemitismus zubewegte, wogegen er mit wachsender Verzweiflung und Mutlosigkeit anschrieb. Zugleich wurden seine literarischen Transgressionen ins Erzählerische - der Essayroman Lefeu oder Der Abbruch (1974) und Charles Bovary, Landarzt (1978), mit dem er gegen Sartre und Flaubert polemisierte - nicht mit dem gleichen zustimmenden Enthusiasmus aufgenommen wie seine radikalen Essays über den Freitod und das Altern. "Meine so offensichtliche Überflüssigkeit hat mein Herz nicht weiter beschwert", schreibt er in einem Brief, rund zehn Tage, bevor er zur tödlichen Dosis Schlaftabletten greift. Er fährt dann fort: "Nur habe ich mir die Frage gestellt, ob es nicht so etwas wie ein Schicksalsirrtum war, daß ich mich 1945, als ich noch relativ jung war, nicht entschloß, ein französischer Schriftsteller zu werden."
Mein Zeitalter besichtigt
Dieses Resümee ist bitter, weil es auch ein Urteil über jene enthält, die ihn respektiert, verehrt, bewundert und geliebt haben, aber doch nicht fähig waren, ihm zuletzt den stabilisierenden Eindruck zu vermitteln, wie notwendig und wie willkommen ihnen seine geistige und literarische Existenz in Deutschland war.
Es ist Jan Philip Reemtsma zu verdanken, dass Jean Améry nicht nur einen historischen Moment lang - nämlich zwischen 1966 und 1980 - in unserer Geistesgeschichte präsent war und seine Bücher von dem konservativen Ernst-Jünger-Verleger Ernst Klett verlegt wurden. Denn der Mäzen Reemtsma, der mehr als Einzelner für die deutsche (und auch die deutsch-jüdische) Geistesgeschichte getan hat als jeder andere der unzähligen deutschen Millionäre, hat durch seine "Hamburger Stiftung zur Förderung von Kultur und Wissenschaft" die Edition einer auf neun Bände angelegten Werkausgabe Jean Amérys im Klett-Cotta Verlag ermöglicht, die jetzt mit dem Band 2 begonnen wurde. Herausgegeben von Irene Heidelberger-Leonard, Professorin an der Université Libre in Brüssel, enthält dieses Entrée die drei großen Essaybände Jenseits von Schuld und Sühne, die Unmeisterlichen Wanderjahre und die postum erschienenen Örtlichkeiten - drei thematische Komplexe, in denen Améry sein Sein zum Verlust des "Weltvertrauens" und sein Zeitalter als Intellektueller und Exilierter "besichtigt" (wobei ihm besonders bei den Unmeisterlichen Wanderjahren Heinrich Manns Autobiographie als ästhetisches Muster nahe gewesen sein dürfte).
Die Wanderjahre sind so etwas wie ein Innerer Monolog und eine Selbstbefragung, bei der man als Leser stiller Teilhaber einer geistigen Auseinandersetzung wird. Zwischen "Er", "Du" und "ihm" ebenso changierend wie zwischen der unmittelbaren Gegenwart der siebziger Jahre und den ersten geistigen und literarischen Erfahrungen des jungen Hinterwäldlers im Österreich der Zwischenkriegszeit entsteht Zug um Zug die intellektuelle, politische und literarische Physiognomie des Autors - und seiner wachsenden Entfremdung von seiner Zeit, speziell den deutschen Verhältnissen, wo "Schwätzer mit großer Zukunft, aber ohne Vergangenheit und Schicksal" den Ton angeben.
Amérys Prosa eines Melancholikers gleicht in den Unmeisterlichen Wanderjahren einem mit offensichtlicher Ironie geknüpften Sprachteppich, in den er wahrlich "arabesk" verdeckte und paraphrasierte Zitate und "respektvolle Plagiate", wie er ironisch im Vorwort schreibt, ebenso kunstvoll wie beiläufig eingewoben hat. Daraus entsteht eine abendländische Textur der erinnerten Klänge und Anklänge an seine "ganz persönliche, so und nicht anders aufgeschichtete Bildungswelt", die einem "persönlichen Bekenntnis gehorcht" - dem Bekenntnis zum gespeicherten Glück des einst geliebten Wortes und Satzes, der Erfahrungsessenzen der Poesie und der Philosophie nun als fernes Echo noch einmal heraufbeschwört: für jene, die solche Musik noch zu vernehmen verstehen.
In den Örtlichkeiten hat er, wieder anhand seiner Biographie, Landschaften und Städte (und was sie ihm bedeuteten und symbolisierten) mit Liebe und Reserve porträtiert - bis zu Meiner deutschen Szene, die er mit den Worten schließt: "Ich betrete sie gerne, diese Bühne, auf der es geistig so agil zugeht. Und ebenso gerne verlasse ich sie nach kurzem Auftritt wieder. Es ist, alles in allem, dieses Deutschland für unsereins ein doch recht fremdes Land. Man ist daheim in deutschen Worten, man ist unter seinesgleichen, mit ganz bestimmten deutschen Menschen. Es ist gleichwohl nicht der Boden, auf dem ich mir ein Haus würde bauen wollen."
Die Werkausgabe Jean Amérys, der als intellektueller und moralischer "Revoltant" seinen ganz eigenen Weg durch den Verhau der politischen Optionen seiner Zeit ging, ist über die pure Tatsache ihrer schieren Existenz hinaus kompetent ediert. In den ausführlichen Anhängen und Nachworten von Gerhard Scheit zu den einzelnen Arbeiten werden ihre Vorstufen und Entstehungsgeschichten dokumentiert und über ihre Resonanz in der Kritik berichtet. Dabei sind wohl die erstmals publizierten Überlegungen Hanns Mayers Zur Psychologie des deutschen Volkes, die noch 1944 und unmittelbar nach Kriegsende 1945 entstanden, aufschlussreich für den ersten "Bewältigungsversuch eines Überwältigten", wie der Untertitel des rund 20 Jahre später publizierten Jenseits von Schuld und Sühne lautete. Daraus ist der intellektuelle Weg zu ermessen, den der "Entkommene" gegangen ist, ohne der "friedeflötenden Realpolitik" oder der allen namenlosen Opfern hohnsprechenden "Versöhnung" das Wort zu reden. Wahrscheinlich, nein: sicher verdanken wir dem solitären Sartrien in Brüssel und seinen beherzten "Eingriffen" und ebenso sanften wie entschiedenen Widerworten mehr für unsere Selbsterkenntnis als seinem großen Vorbild Jean-Paul Sartre. Haben wir das wirklich begriffen? Die Chance einer nachholenden Aufklärung über Jean Améry ist nun gegeben: durch das hochherzig geförderte und vorzüglich edierte Projekt seiner "Werke", deren erster Band nun vorliegt.
Wolfram Schütte
Bernard-Henry Lévy: Sartre. Der Philosoph des 20. Jahrhunderts. Aus dem Französischen von Petra Willim. Hanser Verlag 2002. Gebunden. 672 Seiten. 29,90 Euro. ISBN 3-446-20148-3
Jean Améry: Werke, Band 2, "Jenseits von Schuld und Sühne", "Unmeisterliche Wanderjahre", "Örtlichkeiten". Herausgegeben von Irene Heidelberger-Leonard, Nachworte von Gerhard Scheit. Klett-Cotta Verlag 2002. Gebunden. 855 Seiten. 40 Euro. ISBN 3-608-93562-2