Das Leben in Asbest 2, der einstigen sowjetischen Musterstadt in der sibirischen Einöde, ist genauso übel wie ihr Name. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, an den Gebäuden prangen noch die Parolen zum Ruhm der sowjetischen Armee. Das Dasein ist trostlos, man haust im Plattenbau, und das einzige Freizeitvergnügen besteht aus Wodkatrinken. Sascha Goldberg hat das Unglück, hier mit ihrer Mutter aufzuwachsen. Ihr Vater hat sich schon vor Jahren in die USA abgesetzt. Das Einzige, was Sascha von ihm hat, sind die dunkle Haut und die krausen Haare sowie der jüdische Nachname. Eine schwarze, russische Jüdin? Ihre Herkunft teilt Sascha die Rolle der Außenseiterin zu – doch die ist nicht bereit, sich damit abzufinden.
Das ist die Ausgangslage von Anya Ulinichs erstem Roman. Ein Buch, das so beginnt, kann entweder ein Sozialdrama werden oder ungeheuer komisch – die Autorin hat sich für die zweite Möglichkeit entschieden. Sascha Goldberg schlägt sich mit den Absurditäten des russischen Alltags herum, noch mehr aber mit ihrer Mutter, die darauf besteht, ihre Tochter sei außerordentlich begabt, egal, wofür. Die eher plumpe, ungeschickte und in keiner Weise künstlerisch begabte Sascha versagt im Geigenunterricht, beim Ballett und Eiskunstlauf, schließlich landet sie in einem Zeichenkurs. Hier findet sie zum ersten Mal im Leben eine Freundin: die hübsche Katja, die auf einer Schrotthalde wohnt. Dort trifft Sascha Katjas Bruder, und neun Monate später bringt sie eine Tochter zur Welt. Sascha ist siebzehn, und eigentlich wäre ihr Leben jetzt gelaufen. Wenn sie nicht felsenfest davon überzeugt wäre, ein Recht auf Glück zu haben. Und da dieses Glück sich nicht von selber einstellt, muss sie die Sache eben in die eigene Hand nehmen. Sascha beschließt, ihren Vater wiederzufinden. Dann, so glaubt sie, wird alles gut, und sie kann ihrer kleinen Tochter ein besseres Leben als ihres bieten.
Begabt, egal, wofür
Sascha meldet sich bei einer Heiratsagentur, die russische Frauen an ausländische Männer vermittelt und wird zur Mailorder-Braut: Sie lässt ihre Tochter in Russland zurück und reist in die USA zu einem Mann, den sie nur einmal gesehen hat. Dieser Neal ist ein spießiger Kotzbrocken, und Sascha nutzt die erste Gelegenheit, ihn sitzenzulassen. Sie landet bei einer vollkommen dysfunktionalen Upperclass-Familie, die sie als unbezahlte Arbeitskraft ausbeutet, das aber durch falsche Herzlichkeit zu kaschieren sucht.
Klingt alles schrecklich, ist auch schrecklich, doch zu lesen, ist es schrecklich komisch. Dieser Roman beschreibt nicht nur eine Suche nach beständigem Glück, sondern führt den Leser auch in die unterschiedlichsten sozialen Milieus, sei es in Russland oder den USA. Am schlechtesten kommen dabei die reichen Amerikaner weg, die Unsummen für wohltätige Zwecke spenden, aber ihre illegalen Hausangestellten wie Sklaven behandeln.
Anya Ulinich, selbst mit 17 Jahren aus Moskau in die Vereinigten Staaten gekommen, schreibt dermaßen mitreißend und vital, dass der Leser sich fühlt wie in einer Achterbahn. Petropolis ist kein Kitschroman, darum verläuft Saschas Weg alles andere als gerade, und das Glück erscheint oft an ganz unerwarteter Stelle.
Bei den reichen Tarakans begegnet Sascha einem anderen Außenseiter: Jake, der Sohn des Hauses, ist ebenfalls „fast achtzehn“, spastisch gelähmt, sitzt im Rollstuhl und betrachtet seine Familie mit sarkastischer Distanz. Zwischen ihm und Sascha entwickelt sich eine eigenartige Freundschaft. Er warnt sie vor seiner Mutter, die „Menschen sammle“ und rät ihr, sich abzusetzen. Sascha will aber bleiben, weil sie hofft, dass Mr. Tarakan, ein Anwalt, ihr helfen wird, ihren Aufenthalt in den USA zu legalisieren. Doch der vertröstet sie, während seine Frau versucht, Sascha den jüdischen Glauben näherzubringen und sie behandelt wie ein Kleinkind. Klar, dass es Sascha irgendwann doch zu viel wird.
Manchmal hässlich, oft lächerlich, selten groß
Mit Jakes Hilfe findet Sascha tatsächlich die Adresse ihres Vaters im Internet. Er hat eine Amerikanerin geheiratet und ist nicht gerade begeistert, als Sascha plötzlich vor ihm steht. Jetzt könnte alles gut werden, oder? Aber Anya Ulinich beobachtet die Menschen zu genau, um sich auf ein schlichtes Happy End einzulassen: „Sascha sieht zu, wie er (ihr Vater) Schokoladenkrümel von seinem T-Shirt mit dem Aufdruck BRITESMILE LABS schnippt, und ihr Zorn verfliegt, und an seine Stelle tritt Mitleid, und das ist so unerträglich, dass es sich anfühlt wie Liebe.“
Mit dieser bewundernswerten Klarheit zeichnet Ulinich die komplexen emotionalen Verbindungen zwischen den Menschen nach. Sie bleibt stets ganz dicht an ihren Figuren, und es gelingt der Autorin, sie in ihrer Menschlichkeit zu zeigen – die manchmal hässlich ist, oft lächerlich, selten groß –, ohne das Verständnis für sie zu verlieren. Diese Fähigkeit macht Petropolis zu einem ganz besonders lesenswerten Roman. Findet Sascha am Ende ihr Glück? Kann sie ihre Tochter zu sich holen? Trifft sie die Liebe? – Selber lesen!