Wer sich nach den beiden Romanen "Salzwasser" und "Lebensfalten" (letzterer ist auch so etwas wie die originellste Autobiografie der jüngsten Zeit) auf das neue Buch des 1924 geborenen amerikanischen Schriftstellers Charles Simmons gefreut hatte, wird wohl von seinem "Venus-Spiel" enttäuscht sein. Ich bin es jedenfalls. Denn der wie immer schlanke, kleine Roman ist das entschieden konventionellste der drei uns bislang dankenswerterweise von C.H.Beck auf deutsch vorgelegten Bücher des ehemaligen Redakteurs der NY-Times-Literaturredaktion - und wenn ich mich nicht täusche, so ist "Venus-Spiel" sein jüngstes.
Der bald achtzigjährige Herr hat sich da wohl einen humoristischen Jux erlaubt, der jedoch einen etwas faden Beigeschmack hinterlässt. Der Erzähler Ben wird von seinem Arzt zur illegalen Testperson eines Medikaments gewonnen, gegen das Viagra ein Penis-Schlafmittel wäre. Bei der ersten besten Gelegenheit trifft der Werbetexter Ben auf die erotisch attraktive Cynthia, die Redenschreiberin des Gouverneurs - zwei "Huren", wie sie beide von sich feststellen, nur dass "Ben dafür besser bezahlt wird". Die Schönheit Cynthia affiziert ihn derart, dass sein fleischliches Alter ego während eines Party-Abendessens sich unterm Tischtuch wie ein Aal hin zu Cynthias Venusfalle schlängelt - und fortan sind die beiden unterm Tisch Kopulierten: ein Liebespaar.
Zwar haben uns die geschwätzigen (weiblichen) Kleinodien Diderots und die sprechenden Penisse Luigi Malerbas und Alberto Moravias ein zartes erotisches oder derbes pornografisches Vergnügen bereitet; aber diese phantastischen Einfälle waren für Kenner der Materie noch nachdenkenswert, wohingegen Simmons´ austreibendes Genital physiologisch & funktional rätselhaft bleibt. Er hat sich wohl zu sehr in Robert Crumbs Comix verguckt.
Ben & Cynthia können auch die Versuchungen nicht auseinander bringen, die von anderen "drohen", die gleich ihnen, als Sex-Test-Personen auf Trab gebracht, um sie herumwuseln. Nachdem Cynthia selbst die Pille geschluckt hat, verschlingt ihre Vagina den geliebten Benn mit Haut & Haar, was zumindest für die lesbische Missy, die sich in Cynthia verliebt hat, von schätzbarem Vorteil ist, als sie sich liebestrunken Cynthia auf- und Bens Organ ihr dabei aus Cynthia entgegendrängt. Nun, ja: Fun as you may like it.
Aber der einmal durch die doppelte Portion der Venus-Pille verschlungene (& damit verschwundene) Ben hält´s in seiner Geliebten auf Dauer denn doch nicht aus und drängt (wiedergeboren?!) wieder nach draußen. Er wird von dem Venus-Pillen-Wahn geheilt: durch Cynthias - Muttermilch (with thanks to Dr. Freud, I presume).
Am Ende des Reigens der sexuell Entfesselten lässt Simmons auch noch Botticellis schaumgeborene Venus unter seine amerikanischen Menschen hernieder steigen, die sie Mores lehrt und den flauen Spuk beendet, der wohl als ein satirischer, jedoch auch "Feuchter Traum" auf die Viagra-Manie in den USA von Simmons gedacht war. Ein paar Shakespeare-, Yeats- oder gar Lukrez-Zitate zaubern jedoch noch keinen gewitzten "Sommernachtstraum" herbei und die platte Moral von der Geschicht´ - wonach Venus alles toleriere, "nur nicht die Einmischung in meine Aktivitäten zu kommerziellen Zwecken" - ist nachgerade dürftig für Simmons´ "Venus-Spiel".
Für seinen ersten Roman "Powdered Eggs" habe er 1964 (!) den "Faulkner Award" erhalten, teilt uns der Verlag nun schon zum drittenmal mit, seit er 1999 Charles Simmons mit seinem "Salzwasser" bei uns debütieren ließ. Vielleicht wäre C.H.Beck besser beraten, uns mit diesem frühen "Eipulver" wieder für seinen Autor zu gewinnen, nachdem er uns mit seiner späten Testikel-Schwärmerei die Laune verdorben hatte.
Wolfram Schütte
Charles Simmons: Das Venus-Spiel.
Roman. Deutsch von Jörg Trobitius.
C.H.Beck Verlag 2002.
Gebunden. 182 Seiten, 18.90 Euro.