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Javier Cercas: Soldaten von Salamis

23.02.2004


Auf der Suche nach dem vergessenen Helden

Der Schriftsteller als Statthalter der vergessenen, verdrängten Erinnerung; ein Totengräber, der die Gräber öffnet und den namenlosen Toten ihre Namen und Taten zurückgibt, damit sie wider den mitleidlosen Lauf der Welt in der Erzählung wenigstens am Leben bleiben.


 

Javier Cercas´ Roman "Soldaten von Salamis" teilt mit Günter Grass´ Novelle "Im Krebsgang" eine ganze Reihe von auffälligen Gemeinsamkeiten. Beide Autoren spielen mit dem Topos des unglücklichen Schriftstellers, der in einer literarischen Krise ist; beide Prosastücke fingieren, von Journalisten nicht nur geschrieben, sondern auch als journalistische Recherche verfasst zu sein; beide basieren stofflich auf bereits publizierter Literatur und dokumentarischen Filmdokumenten, die sie sowohl einarbeiten als auch literarisch fortspinnen; beide bewegen sich im Hin- und Her zwischen Gegenwart und Vergangenheit, um sich einem historisch verbürgten Ereignis aus der Distanz von rund sechzig Jahren zu nähern; beide greifen dabei ein angebliches oder wirkliches historisches Tabu auf & an - und beide Bücher sind auf Anhieb in ihren Ländern zu unerwarteten Verkaufserfolgen geworden, wobei Grass zwar weitgehend von der deutschen Kritik verrissen, Javier Cercas aber hymnisch von der spanischen gefeiert wurde.

Man könnte die auffällige Koinzidenz der beiden Bücher auf sich beruhen lassen, die das erste Buch des deutschen Nobelpreisträgers nach seiner hohen Auszeichnung von 2000 mit dem dritten Buch eines bislang öffentlich noch nicht wirklich wahrgenommenen spanischen Schriftstellers, Literaturprofessors und Journalisten verbindet - wäre daraus nicht vielleicht doch mit aller Vorsicht ein Rückschluss zu ziehen, der den Erfolg bei der Vielzahl von Lesern erklären könnte.

Zweifellos haben Grass wie Cercas einen nationalen Nerv getroffen - indem Grass an den Untergang der "Wilhelm Gustloff" 1945 (und damit an die Problematik der Flüchtlinge aus dem Osten) anknüpfte und Javier Cercas an ein rätselhaftes Ereignis am Ende des spanischen Bürgerkriegs, in dessen Mittelpunkt einer der Gründer der Falange stand. Jedoch ist die öffentliche Resonanz ihrer Bücher, die sie zu Bestsellerauflagen beförderte, wohl nicht zuletzt gerade auch durch ihre erzählerische Strategie ermöglicht worden. Nämlich durch die Form der selbstreflexiven Erzählung, bei der die Leser zu Teilhabern an der Entstehung der ihnen vorgelegten Geschichte werden, also durch ein hohes Maß an konstruktiven Momenten, die gemeinhin als hinderlich, umständlich und "langweilig" bei denen verpönt sind, die von der "reinen" Erzählung einer Geschichte und eines Geschehens mit Spannung "gefangen" genommen werden wollen.

Offenbar besitzt aber diese Form, die eine Intimität zwischen Schriftsteller & Leser herstellt, durchaus attraktive Spannungsmomente, die es mit vergleichbaren des Kriminalromans aufnehmen können. Hier wie da wird ein verborgenes Geheimnis recherchiert; und dass sich Javier Cercas immer wieder auf seine Arbeit an einem Roman über den "Fall" ansprechen lässt, und jedesmal darauf entgegnet, er schreibe "eine Erzählung nach der Wirklichkeit", reflektiert den Leserwunsch, ihm werde hier, quasi dokumentarisch & wahrhaftig, eine Geschichte erzählt, die "das Leben selbst geschrieben hat". Der Journalist als Stellvertreter des Schriftstellers fungiert als (außerliterarischer) Bürge für die "Wahrheit" der literarischen Fiktion. So rettet im Zeitalter der Prosa & der Skepsis die Camouflage einer Anpassung an die "Wirklichkeit" die metaphorische "Wahrheit" der Poesie.

Wahrscheinlich "mutet" Grass mit seiner "Erzählung nach der Wirklichkeit" den Lesern mehr zu, weil er mit der sukzessiven Annäherung an das historische Ereignis noch die erkennbare Allegorie ihrer Fortsetzung und Spieglung im Aktuellen der zwei im Internet sich befehdenden Jugendlichen parallelisiert. Dagegen ist die selbstreflexive Strategie des Spaniers Cercas wesentlich einfacher; sie verläuft wie eine journalistische Recherche, die den Autor von einem Zeugen zum nächsten führt - bis er findet, wonach er am Anfang gar nicht gesucht hatte. Unter der Hand beschreibt er aber zugleich die eigene Wiedergeburt als Schriftsteller, der skrupulös an seinem Wirklichkeitsstoff arbeitet und erst mit dessen Formung zufrieden ist, als er das "missing link" seiner Recherche gefunden hat; und dass es ausgerechnet der im spanischen Exil lebende chilenische Kollege Roberto Bolano ("Die wilden Detektive", C.Hanser, 2002) ist, der ihm dazu verhilft, ist wohl eine der schönsten kollegialen Hommagen der jüngsten Literaturgeschichte. (Und mehr als bloß das: sie vereint das von beiden Autoren favorisierte Eingedenken der Vergessenen "im großen Freiheitskriege", wie Heinrich Heine sagte: der lateinamerikanischen wie der spanischen Linken).

Anders als der Pessimist Grass - der seine Novelle mit der Fortzeugung des faschistoiden Übels, der Reinkarnation des falschen Mythos gewissermaßen in Kreisform beschließt - kann aber Cercas seine literarische Recherche in der Auffindung und Errettung des unbekannten Helden enden lassen, ja seinem Roman eine heroisch-optimistische, in langen Satzperioden aufsteigende, mitreißende Richtungsweisung geben: mit dem mythischen Bild des in einer "endlos weiten, glühenden Wüste (...) immer vorwärts, vorwärts, vorwärts" marschierenden einzelnen, "namenlosen Soldaten", der - mit der französischen Trikolore über sich - "in letzter Instanz die Zivilisation verteidigt hat". Eine Halluzination - wie aus Josef von Sternbergs "Morocco", aber grundiert vom Revolutionspathos Pudowkins.

Ein verschlungener, über sechsjähriger Weg führt zu diesem großartigen Ende. Am Anfang stand "die Erschießung Rafael Sánchez Mazas", eines der Mitbegründer der Falange, der spanischen Faschisten. Der nach ersten schriftstellerischen Versuchen gescheiterte, von seiner Frau verlassene Autor Javier Cercas, hörte als Journalist zum erstenmal von dieser merkwürdigen Episode aus dem spanischen Bürgerkrieg, als er den Sohn des falangistischen Schriftstellers 1994 interviewte. Dessen einst berühmter Vater - ein politisierender Schriftsteller - war, zusammen mit anderen prominenten Gefangenen der Republikanischen Truppen, bevor diese sich 1939 auf die Flucht vor den siegreichen Putschistentruppen Francos ins französische Exil machten, in ein Waldstück transportiert wurden, wo die Gefangenen ermordet werden sollten. Rafael Sánchez Mazas entkam dem nächtlichen Massaker; mehr noch - und das ist das Rätsel, das Cercas beschäftigt -: er wurde von einem republikanischen Soldaten im Wald aufgespürt, der Unbekannte richtete sein Gewehr auf den Flüchtigen, aber obwohl der Soldat wusste, wen er vor sich hatte, erschoss er den Feind nicht, verleugnete, ihn gesehen zu haben - und das letzte Gründungsmitglied der Falange überlebte dadurch sowohl seine Exekution als auch den massenmörderischen Krieg, den er und seinesgleichen ausgelöst hatte.

Das erstaunliche doppelte Überleben des bekannten Falangisten, den Franco bald ins Abseits stellte und der sich aus der Politik zurückzog, elektrisierte den recherchierenden Journalisten, der darin einen literarischen Stoff ahnte. Auf einen ersten Artikel, den er über den merkwürdigen Fall schrieb, meldeten sich Historiker und Zeitzeugen; jene "Freunde des Waldes" (bäuerliche Deserteure der geschlagenen Republikaner), die Sánchez Mazas damals versteckten, tauchen langsam aus dem Nebel der Vergangenheit auf. Manche leben sogar noch und Cercas kann sie besuchen, was ihm Gelegenheit zu rührenden und bewegenden Porträts gibt. Schließlich fällt ihm sogar ein von dem berühmten Falangisten damals geschriebenes, fragmentarisches Tagebuch in die Hände - und Cercas setzt sogar, wie es W.G. Sebald in seinen semidokumentarischen Büchern tat, die Reproduktion einer Seite daraus in sein Buch. In diesem Tagebuch eines Überlebenden verspricht Sánchez Mazas aus Dankbarkeit, seinen namentlich aufgeführten Rettern zu helfen (was diese Ex-Republikaner in der grausamen, rachsüchtigen Franco-Diktatur bitter nötig hatten). So entsteht im Verlauf der immer wieder retardierten Recherche der erste Teil ("Die Freunde des Waldes") des vorliegenden Buches: Cercas´ Materialsammlung als Mäanderlauf ins Land der Vergangenheit. Zugleich beschäftigte sich der Autor mit dem "guten zweitrangigen" Schriftsteller Rafael Sánchez Mazas, seiner Biografie und seinen Büchern, die wie die anderer Falangisten längst wieder im Demokratischen Spanien erschienen waren, so dass er Lust bekommt (und den Mut vor allem!), nicht wie seine Freundin ihm einreden will, über den "linken", von der Falange ermordeten García Lorca, sondern über den Falangisten Rafael Sánchez Mazas seinen Roman "Soldaten von Salamis" zu schreiben.

Dieser zweite Teil des gleichnamigen Buchs ist das Porträt des Mannes, der mit zahllosen, "in martialischer Prosa" verfassten Artikeln die falangistische Ästhetik und Moral definiert hatte, "bestehend aus willentlicher ideologischer Begriffsverwirrung, mystischer Erhöhung von Gewalt und Militarismus sowie essentiellen Verkitschungen, die den Ewigkeitswert von Vaterland und katholischem Glauben propagierten" und dadurch "die heraufziehende Blutwalze des Bösen rechtfertigten". Paradoxerweise wurde aber dieser spanische D´Annunzio, der aber im Gegensatz zu seinem italienischen Vorläufer keinerlei militärische oder kämpferische Erfahrung besaß, von dem Putsch Francos im republikanischen Madrid überrascht. Auf abenteuerlichen Wegen gelingt es ihm, in der chilenischen Botschaft Zuflucht zu finden. Er bleibt dort eineinhalb Jahre, schreibt währenddessen an seinem besten Roman, der erst 50 Jahre später veröffentlicht werden sollte. Als die Gefahr in Madrid zu groß wird, mit Übergriffen gerechnet werden muss, gelingt ihm die Flucht nach Barcelona, wo er bei einer Zelle der "Fünften Kolonne" Unterschlupf findet, aber bald darauf verhaftet und auf einem Schiff interniert wird. Nachdem er seine Füsilierung überlebt und von seinem Häscher nicht verraten wurde, wird er von ehemals feindlichen, jedoch wie er Geflohenen entdeckt und bis zum Einrücken der frankistischen Truppen versteckt.

Der "beste falangistische Schriftsteller" sei, schreibt Cercas, "immer ein barscher, hochmütiger und despotischer Mensch" gewesen, "aber nie kleinlich oder rachsüchtig". Deshalb gebe es "keinen Grund zu der Annahme, dass er nicht alles, was in seiner Macht gestanden hat, für jene getan hat", die sich an ihn um Hilfe für jene Verwandten, Freunde und Bekannten wandten, "für die der Krieg in den Kerkern der Niederlage geendet hatte". So war es seiner Hartnäckigkeit zu verdanken, dass Franco die drohende Todesstrafe für den kommunistischen Dichter Miguel Hernández in lebenslange Haft umwandelte; er hat aber auch offenbar jene beschützt, die ihn in den letzten Kriegstagen gerettet hatten, wie sein heutiger Biograph recherchiert hat. Den Rest seines Lebens bis zu seinem Tod 1966 verbrachte der Millionär Mazas als melancholischer Décadent mit extravaganten Hobbys - ein selbstbezogener Nihilist, der wohl, mutmaßt Cercas, "in seinem tiefsten Innern nie im wirklichen Leben an etwas geglaubt hat, schon gar nicht an das, was predigte und verteidigte".

Nachdem er sein Roman-Porträt dieses Falangisten der ersten Stunde beendet hatte, wich der anfänglichen Euphorie über den gelungenen Roman bald die Einsicht, dass diesem "vollständig zusammengesetzten Mechanismus" des Romans "ein Teilchen fehlte, so dass er nicht im Stande war, die Funktion zu erfüllen", wegen der "er ersonnen worden war". Dass einer der meistgehassten und hassenswerten Verursacher des Spanischen Bürgerkriegs seinen zwiefach sicheren Tod aufs Rätselhafteste überlebt hatte, war eine Pointe dieser Anekdote aus dem verheerenden Kriege. Aber die andere, immer noch ungeklärte Frage war: warum hatte den Flüchtigen der Soldat nicht erschossen? Und wenn man es wirklich bedachte, so lag doch eben da das Geheimnis.

Das offenbarte Geheimnis von Javier Cercas´ Roman, der nach einem erzählerischen & geistigen Kontrapunkt verlangte, um wirklich "gelungen" zu sein - gelungen als künstlerisches & moralisches Resümée des Spanischen Bürgerkriegs - initiierte der chilenische Kollege Roberto Bolano, der Emigrant - geflüchtet aus seiner Heimat, nachdem der rechtmäßig gewählte Präsident Salvador Allende im Widerstand gegen die putschistische Armee sein Leben gelassen hatte. Cercas schlägt hier ohne es aus- oder anzusprechen einen Bogen von den exilierten Spaniern der Vierziger Jahre zu den Exilchilenen der Siebziger Jahre.

Bolano, mit dem Cercas über den Typus des Helden am Beispiel Allendes diskutiert, erzählte Cercas von einem alten Exilspanier, mit dem er sich vor Jahren mehrfach auf einem Campingplatz in der Nähe von Dijon angefreundet hatte - einem seltsamen Vogel, der ihm während ihrer gemeinsamen nächtlichen Saufereien seine abenteuerliche Lebensgeschichte erzählt hatte. Und je mehr Bolano von diesem narbenbedeckten antifaschistischen Haudegen erzählt - der als flüchtiger Republikaner in die französische Fremdenlegion eingetreten und als gaullistischer Soldat zweimal quer durch die Sahara marschiert war, den Italienern in Libyen eine Oase abgenommen, an der Seite Montgomerys weitergekämpft hatte, später in einer französischen Einheit in Paris einmarschiert und in den letzten Kriegstagen auf eine Mine getreten war, die ihn zum Invaliden machte -: je mehr Bolano von dem spanischen Freund in Frankreich schwärmte, desto mehr setzte sich bei Cercas die Phantasie fest, eben dieser Miralles sei der Mann, den er suchte, nämlich jener Unbekannte, jener Namenlose, der Sánchez Mazas gefunden, aber nicht erschossen hatte.
Wieder beginnt er eine verschlungene Recherche in den Altersheimen rund um Dijon, und als er schon fast aufgeben will, findet er den gesuchten Unbekannten doch noch, und er macht sich auf, ihm zu begegnen. "Schon allein die letzten zwanzig Seiten dieses Buches machen es zu einer unvergesslichen Lektüre", schrieb eine spanische Zeitung über dieses Rencontre in einem Altersheim. Nicht "schon", sondern einzig & allein durch diese zärtliche Begegnung eines "Enkels" mit dem von allen (Spaniern) vergessenen Exilierten, der sein ganzes Leben dem militanten Kampf gegen den Faschismus gewidmet hat, erhebt sich Javier Cercas´ scheinbar bloß "journalistisch" recherchierte Nachforschung in den Rang eines mit raffiniertem erzählerischen Understatement ausgefeilten literarischen Mythos. Den von den Falangisten bei Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes" entliehenen putschistischen Gedanken, dass es "immer ein Trupp von Soldaten" sei, "der in letzter Instanz die Zivilisation verteidigt hat", entwindet er ihnen und überträgt ihn auf Miralles, den Mann, "der Mut bewiesen und den Instinkt der Tugend besessen hatte und sich daher niemals irrte, sich wenigstens bei dem einen Mal nicht irrte, bei dem es wirklich darauf ankam" - als er nämlich sich "nichts" dabei dachte, als er Rafael Sánchez Mazas, wie ein verschrecktes Wild vor seinem Gewehrlauf zitternd, am Leben ließ.
"Ein anständiger Mensch ist noch lange kein Held" hatte Bolano im Gespräch mit Javier Cercas gesagt: "Anständige Menschen gibt es viele; es sind die, die im richtigen Moment nein sagen können. Helden gibt es nur wenige. Eigentlich glaube ich, dass im Verhalten eines Helden immer etwas Blindes, Irrationales, Instinktives liegt; etwas, das in seiner Natur begründet ist und dem er nicht entrinnen kann... Allende zum Beispiel", fuhr der Chilene Bolano fort, "wie er in einer Ecke des Moneda-Palasts auf der Erde hockt und über Radio Magallanes zu seinem Volk spricht; in einer Hand die Maschinenpistole, in der anderen das Mikrophon, in das er Worte brabbelt, als wäre er betrunken oder schon tot, ohne noch genau zu wissen, was er da sagt, und er spricht die reinsten, vornehmsten Worte aus, die ich je gehört habe".

Allende zum Beispiel - oder Miralles als Beispiel, der nicht die tödliche Kugel aus dem Gewehrlauf schickte und dem die Scham verbietet, sich zu seiner Helden-Tat zu bekennen. Der Schriftsteller aber, der ihn am Ende seiner langen Recherchen-Odyssee im verschwiegenen Abseits eines französischen Altersheims gefunden hat und den der Alte brüderlich umarmt: - der Schriftsteller aber sah "in diesem Moment sein Buch schlagartig vor sich liegen" und er "wusste, dass, selbst wenn in keinem schäbigen Vorort keiner Stadt und keines beschissenen Landes jemals eine Straße den Namen von Miralles trüge, Miralles irgendwie am Leben bliebe, wenn ich seine Geschichte erzählte, und auch die Brüder García Segués - Joan und Lena - und Miquel Cardos und Gabi Baldrich und Pipo Canal und der Dicke Odena und Santi Brugada und Jordi Gudayol am Leben blieben, wenn ich sie erwähnte, selbst wenn sie seit vielen Jahren tot waren".

Der Schriftsteller als Statthalter der vergessenen, verdrängten Erinnerung; ein Totengräber, der die Gräber öffnet und den namenlosen Toten ihre Namen und Taten zurückgibt, damit sie wider den mitleidlosen Lauf der Welt in der Erzählung wenigstens am Leben bleiben. Es ist dieser ethische Impetus, die verlorenen Toten literarisch zu "retten", der von dem großen alten spanischen Zeitzeugen Jorge Semprun und seinen Exil- & Buchenwald-Erfahrungen immer wieder erzählt hat, nun auf den jungen, vierzigjährigen "Enkel" Javier Cercas übergesprungen ist. Glücklich eine Nationalliteratur, die solche Traditionen besitzt.


Wolfram Schütte


Javier Cercas: Soldaten von Salamis.
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen.
Berlin-Verlag 2002
Gebunden. 223 Seiten. 18 Euro.
ISBN: 3827004640

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