Selbst unter Kennern der usamerikanischen Literatur gehört es nicht zu den "Sünden", Herman Melvilles unmittelbar nach dem "Moby-Dick" geschriebenen und publizierten Roman "Pierre or The Ambiguities" von 1852 nicht gelesen zu haben. Auch in der eben auf deutsch erschienenen biografisch-literarischen Melville-Studie der von Susan Sontag hochgeschätzten amerikanischen Essayistin Elizabeth Hardwick wird Pierre" nur am Rande erwähnt und ist der Rede nicht wert. Wie nur noch "Mardi" (1849) - der dritte monumentale epische Auswurf Melvilles, allerdings vor "Moby-Dick" - ist der ganz und gar auf dem Lande (und in der Metropole New York) spielende "Pierre", der Melvilles desaströsen Abstieg zur literarischen Unperson in der zeitgenössischen amerikanischen Literatur herbeiführte, bis heute ein Buch mit sieben Siegeln geblieben, oder um bei seinem semantisch vieldeutigen Titel zu bleiben: ein granitener Findlingsblock in der Literatur des 19.Jahrhunderts.
Für die Mehrzahl der zeitgenössischen Kritiker war das Buch ein Skandal und seinem Autor wurde "Wahnsinn" attestiert. Was "uns Melville damit sagen wollte" - und ob ihm überhaupt gelungen ist, "uns" & sich etwas "zu sagen" oder ob ihm das literarische Unternehmen nicht vielmehr gründlich misslungen ist -, scheint immer noch zweifelhaft, wenngleich der 1960 geborene deutsche Amerikanist Daniel Göske jetzt den Mut hat, "Pierre" neben "Moby-Dick" als eine "radikales Romanexperiment" auszurufen, "das in der Erzählliteratur der damaligen Zeit seinesgleichen sucht".
Göske gibt die "Ausgewählten Werke" Melvilles bei C. Hanser heraus, und nach dem spektakulären Beginn mit "Moby Dick" im vergangenen Jahr folgt nun in der Neuübersetzung Christa Schuenkes "Pierre". Es ist ein literarisches Ereignis ersten Ranges, das die längst vergriffene Erstübersetzung Walter Webers von 1965 glanzvoll übertrumpft.
Zwar rechtfertigt sich die periodische Neuübersetzung klassischer Autoren primär durch die historischen Veränderungen in den Gastsprachen (wenngleich damit keineswegs die Vulgarisierung des Originals durch wechselnde Alltags-Jargons gemeint ist); aber im besonderen Falle Herman Melvilles geht es noch vielmehr darum, die sprachlich-stilistischen Eigenheiten & -arten des amerikanischen Solitärs, welche schon seine Zeitgenossen irritierten, derart getreulich zu übertragen, dass möglichst viele Nuancen der verschiedenen Stilebenen des komplexen Romans, der zwischen Parodie und Pathos, zwischen Bildungs- & Schauerroman, Melodrama, philosophischem Essay und Literatursatire changiert, auch auf deutsch transparent hervortreten zu lassen.
Es könnten damit "Patina und Eigenheiten des Originals nachempfunden werden", wobei jedoch "Anachronismen vermieden werden sollten", wenngleich für die Übersetzung sowohl englisch- wie deutschsprachige Lexika des 19.Jahrhunderts herangezogen wurden. Darüber hinaus, fügt der Herausgeber Daniel Göske noch hinzu, sei die übersetzerische und editorische Strategie Christa Schuenkes durch elektronische Textrecherchen und andere Werkkonkordanzen ermöglicht worden, so dass "verbale Leitmotive des Romans" ebenso wie Bezüge innerhalb des Melvilleschen Oeuvres und versteckte Anspielungen auf andere Texte der Weltliteratur sichtbar werden -, was vor allem auch durch die Anmerkungen geleistet wird.
Nicht genug damit, ist dem Hanserschen "Pierre" sowohl eine Zeittafel zur Biografie Melvilles, als auch ein großer und ebenso kundiger wie launig-ironischer Essay des 1921 geborenen Emeritus Hans-Joachim Lang beigegeben, den der Verlag als "besten Kenner des `Pierre´" bezeichnet, wobei man noch hinzufügen möchte, dass der achtzigjährige (!) Lang auch noch wie ein junger Mann kurzweilig zu schreiben versteht: zum reinen Vergnügen der Leser.
Warum & wozu der Aufwand? So mag sich manch ein heutiger Leser fragen und davon ab- oder verschreckt sich vornehmen, von diesem ohnehin mit seinen 618 Dünndruck-Seiten schon umfänglichen Roman und den ihm angefügten philologisch-literaturkritischen Fortifikationen lieber gänzlich die Finger zu lassen. Denn: offenbaren nicht gerade diese "umständlichen" G(e)leitmittel, dass wir es hier mit einem hoffnungslos seiner Zeit und/oder des Autors literarischer "Beschränktheit" verhafteten Roman zu tun haben, der so flüssig nicht lesend "hineinziehbar" ist wie, sagen wir einmal, die mit vergleichbarem philologischen Aufwand von Arno Schmidt übersetzten Fenimore-Cooper-Romane?
Nun ja, könnte man einem solchen Skeptiker antworten, man kann ohne Zweifel Melvilles Roman "Pierre" mit großem Vergnügen und stetig wachsender Spannung auch ohne das ihm vom Herausgeber Göske vorauseilend applizierte Beiwerk lesen. Es ist die höchst seltsame Geschichte des schönen, hochbegabten neunzehnjährigen Pierre Glendinning, der - einzigartig im Oeuvre Melvilles - im Spannungsfeld gleich dreier erotisch attraktiven Frauen auf eine Katastrophe zusteuert, der am Ende alle vier zum Opfer fallen. Der idyllische Sommermorgen, an dem Pierre auf dem Weg zu seiner Mutter am Häuschen seiner Verlobten, der engelhaften Lucy, vorbeischaut, ist zu schön, als dass er halten könnte, was er zu versprechen scheint: (Liebes-)Glück. Pierre liebt die Gleichaltrige und will sie bald heiraten; aber liebt er nicht ebenso seine verwitwete, hochmütige, immer noch und sogar von seinesgleichen jungen Männern umschwärmte Mutter? Mutter und Sohn reden skandalöserweise miteinander nicht nur wie sondern auch als Bruder und Schwester, und Pierre hatte ja schon mehr als einmal "mit gespieltem Haß geschworen, wenn je ein Mann - ob Graubart oder Milchgesicht - es wagen sollte, seiner Mutter die Ehe anzutragen, so werde dieser Mann durch eine unausweichliche, geheimnisvolle Kraft im selben Augenblick vom Erdboden verschwinden". Ödipus- Schnödipus? Andererseits blickt die Mutter mit gleicher Eifersucht auf Pierres Erwählte Lucy, die der vermögenden Witwe den geliebten Sohn (& "Bruder"!) entführen würde.
Aber es ist nicht diese psychologisch schon befremdliche Situation im Hause der hochangesehenen Glendinnings, die sich bis zum Gründungsadel (mit europäischen Wurzeln) in Neuengland zurückdatieren, aus der sich die ganze folgende Tragödie entwickelt; sondern das zerstörerische Unglück kommt von außen: durch das unvermutete, unverhoffte Auftauchen der geheimnisvollen Isabel, die Pierre, der sich von jeher nach einer Schwester gesehnt hatte, sich als illegitimes Kind seines schon lange verstorbenen Vaters zu erkennen gibt. Isabel, eine dunkelhaarige Schönheit, ist für Pierre ein Makel im geheimen Leben des überaus vergötterten Vaters - und Pierre , der das Geheimnis Isabels vor Mutter und Geliebten verschweigt, will radikal an der armen Waisen wiedergutmachen, was ihr vorenthalten wurde.
Er lässt die Verlobte und die herrische Mutter sitzen, bricht aus der sorgenfreien ländlichen Idylle abrupt auf und flieht mit der nur ihm bekannten Halbschwester (seinem ersehnten, endlich gefundenen anderem Teil) nach New York. Dort wählt er den kümmerlichen Brotberuf eines (Freien) Schriftstellers, der Gott und die Welt (auch seine reiche dortige Verwandtschaft) titanisch herausfordert. Seine Mutter stirbt vor Gram über den ungeratenen Sohn und die schmählich verlassene, gedemütigte Lucy wäre wohl auch dahingesiecht, hätte sie nicht die wahrhaft dostojewskihafte Liebes-Idee gehabt, dem Ungetreuen und seiner Liebhaberin in der New Yorker Armut sich anzuschließen und geradezu aufzudrängen. Die seltsame, von keinem (auch nicht einem Franzosen) bis dato literarisch konzipierte Ménage à trois endet, auf den Gipfeln der Verzweiflung, in einem Tripelselbstmord.
Das ist erzählerisch starker Tobak - wenn man den Melvilleschen "Pierre" reich-ranickihaft liest, also empört über die "psychologische Unglaubwürdigkeit" des "verschrobenen & mysteriösen Buches - erst recht dadurch irritiert, daß der allwissende-ironische Erzähler "die Story" durch unterschiedlichste stilistische Aggregatzustände jagt und man lesend nie so recht weiß, wie (& woran) man sich bei diesem ebenso pathetischen wie sentimentalen, metaphysischen wie trivialen Hin-und Her halten soll. Denn die "Zweideutigkeiten", welche der Titel als Alternative andeutet, führen einen in ein Labyrinth von Andeutungen und Allegoresen, die dem erzählerischen Vordergrund der Story mehr als bloß ein-, nämlich zigmal eine Nase drehen.
Was tun? Ins Abenteuer einer tolldreisten Lektüre eintauchen und mit Pierre und seinen Anverwandlungen der Welt über Stock & Stein bis ans Ende gelangen. Zugleich aber den akkompagnierenden Begleitmusiken von Essay und Anmerkungen lauschen, weil sie erst so recht die kriminalistische Innenspannung des Buches aufschließen und "das Lied, das in allen Dingen schläft" (Eichendorff ), zum Singen bringen: nämlich die Über- & Anschreibungen, die Melville in "Pierre" z.B. auf Hamlet, Romeo & Julia oder Macbeth, Ödipus, Dante, Christus oder Platon anklingen lässt.
Denn was der deutsche Melville-Editor Göske ein beispielloses Romanexperiment nennt, ist in den "Ambiguities", den mehr als bloß "Doppeldeutigkeiten", dem durchgängigen "doublebind" des Romans verschlüsselt. Melville hat - vielleicht, weil er kein "gelehrter" Schriftsteller, sondern Autodidakt war: ein Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus der sumpfigen Trivialität der Story-Dominanz ins Komplexe der ästhetischen Strategien für ein neues Erzählen ziehen musste - schon in "Moby Dicks" enzyklopädischem Universalismus und nun erst recht in "Pierre" den modernen mulitperspektivischen Roman angesteuert, der erst z.B. mit Joyce´s "Ulysses", Gaddas "Via Merulana", Thomas Manns " Dr.Faustus", Cortázars "Rayuela" oder Arno Schmidts "Orpheus" Erzählung und seinen mehrkolumnistischen Typoskripten voll aufgeblüht ist. Dabei hat Melville (wie Mann & Schmidt) sowohl autobiographisches Material herangezogen, als auch einen selbstreflexiven Roman (wie Cortázar & Gadda) geschrieben, der - behauptet etwas zu weitgehend Hans-Joachim Lang - "wie bei Sternes (Tristram Shandy) zugleich den Roman des Romans mitschreibt". Wenn Melvilles Erzähler auch nicht die gleichbleibende Haltung des Serenus Zeitbloom seinem Leverkühn gegenüber einnimmt, sondern seinen "Pierre" mal näher, mal ferner, mal kritischer, mal sympathetischer betrachtet, so fehlt ihm aber natürlich die einzigartig humoristische Souveränität des Sterneschen Selbstlebensbeschreibers Tristram Shandy.
Die wütenden zeitgenössischen Kritiker des Buchs hatten jenseits des offensichtlichen Inzest-Skandals und Melvilles wenig schmeichelhafte Porträts der bürgerlichen Welt und der christlichen Religion, wohl das Unheimliche an "Pierre" geahnt; aber weil sie keinen Begriff hatten, sich dem Novum des Buchs zu nähern, haben sie seinen Autor für verrückt erklärt - ohne zu wissen, dass auch Melvilles Frau (sie schrieb seine Manuskripte ab) am Verstand ihres seltsamen, eigenbrötlerischen Gatten zweifelte. (Alice Schmidt war da mit ihrem Arno langmütiger).
Vom Autor selbst sind so gut wie keine, geschweige denn schlüssige Hinweise überliefert, die - wie problematisch solche Selbstauskünfte von Autoren auch immer sind - Lesern und Interpreten den Königsweg zu einer Eindeutigkeit (zumindest der Intention des Autors) ebnen würden - zu einem Roman, von dem sogar dessen bester Kenner sagt, er sei "leichter zu lesen als `Moby-Dick´, nur verstehen und beurteilen läßt sich dieses Werk schwerer". Was da alles, bis ins Persönlichste hinein von amerikanischen Interpreten während des "Melville-Revivals" der Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit Hilfe von Freud, C.G. Jung und eigenen erotischen Dreiecksverhältnissen unternommen wurde, um das "krumme Holz" (Kant) des "Pierre" interpretatorisch "gerade zu biegen", stellt Hans-Joachim Lang aufs Amüsanteste und Treffendste dar. Es ist eine jokose Erzählung für sich über das "habent sua fata libelli". Aber das Buch hat diese Nachgeschichte auch deshalb, weil es soviel Vorgeschichte der Moderne zu präludieren scheint, also gewiss nicht ganz zu Unrecht. Der Kenner Lang meint zwar, Melville sei es nicht gelungen, "(dem verflixten siebten Roman seines Oeuvres) eine eigene Sprache zu geben, (...) obwohl er diesen Versuch unternommen zu haben scheint" und "Pierre" sei, "bei allen Vorzügen, von des Gedankens Blässe angekränkelt". Aber Melville, so schließt er seinerseits vorsichtig, habe in "Pierre" sowohl "Familienskandale aufgegriffen, einen skandalösen Roman produziert, seine Rezensenten düpiert, die Forscher auseinanderdividiert", als auch "seine Leserinnen und Leser bis heute vor die Frage gestellt, was es mit `Pierre oder Die Doppeldeutigkeiten´ auf sich hat".
Mir jedenfalls ging es als Leser so, dass ich während der "Pierre"-Lektüre des öfteren an die akustische "Lektüre" der zerklüfteten, ironischen, satirischen und todtraurigen Symphonien Gustav Mahlers denken musste, denen ja die gleichen Verstöße gegen den musikalischen Common-sense vorgeworfen wurde, die ähnliche ästhetische Stil-Brüche und "Ambiguities" sich erlauben und denen doch zurecht nachgesagt wird, es seien große musikalische Romane, die eine schwer deutbare, aber unzweifelhaft vorhandene Geschichte erzählen - ganz so wie Herman Melvilles "Pierre", sagte ich mir dann, dieses wunderbare und wunderliche Buch, das die sterbende Isabel mit dem "keuchenden" Satz über den geliebten Pierre beschließt: "Es ist vorbei, und ihr kennt ihn nicht" - bevor sie auf den Toten herabsinkt "und ihr langes Haar sich über ihn (ergoss) und ihn mit ebenholzschwarzen Ranken (umwucherte)". Doch, "Pierre" aber "kennen" wir, selbst wenn uns Pierre ein Rätsel geblieben sein sollte.
Wolfram Schütte
Herman Melville: Pierre oder Die Doppeldeutigkeiten.
Roman. Deutsch von Christa Schuenke. Mit einer editorischen Notiz von Daniel Göske, einer Zeittafel zur Biografie Melvilles, Anmerkungen und einem Nachwort von Hans-Joachim Lang.
Carl Hanser Verlag 2002.
Gebunden. 741 Seiten. 34,90 ¤
ISBN: 3446171215