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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:35

 

Clarín: Die Präsidentin

23.02.2004




Die Entdeckung eines Universums des Sarkasmus

Claríns grandioser Gesellschaftsroman "Die Präsidentin"



 

Je weniger es einen "Kanon" gibt - also eine anerkannte Verbindlichkeit der Lektüre -, desto mehr ist doch jeder angewiesen auf literarische "Scouts" und Vorschmecker, die ihm ebenso kundige wie enthusiastische Hinweise geben auf das weltweite historische Vorgelände des Aktuellen - wie z.B. auf Clarín, der für Mario Vargas Llosa mit der "Präsidentin" den "besten spanischen Roman des 19.Jahrhunderts" geschrieben hat. Es ist ja weder bevormundend noch ehrenrührig, sich von diesem großen Peruaner auf einen spanischen Autor hingewiesen zu sehen, der einem bislang ein "Nobody" gewesen war; und wer Vargas-Llosas Bücher kennt - z.B. auch seinen Großessay über Flauberts "Madame Bovary -, wird zu seinem literarischen Urteil umso mehr Vertrauen haben.

Also Claríns Die Präsidentin lesen. Jetzt ist es wieder möglich. Denn lange Zeit war die erste deutsche Übersetzung von 1971 vergriffen. Ursprünglich im DDR-Verlag "Der Morgen" erschienen, war sie 1985 bei Insel in der BRD nachgedruckt worden. Fritz Rudolf Fries hatte ein Nachwort geschrieben. Der Ruhm, den der Roman in der spanisch-sprachigen Welt besitzt - eine der besten lateinamerikanischen literarischen Zeitschriften heißt lapidar "Clarín" -, hat der unter diesem Pseudonym 1884/5 erstmals erschienenen "Wälzer" des Juraprofessors Leopoldo Alas bei uns immer noch nicht. Völlig zu Unrecht. Das Buch ist ein literarisches Meisterwerk wie Choderlos de Laclos´ "Gefährliche Liebschaften" oder Stendhals "Rot und Schwarz", mit dem es den Sarkasmus gegenüber der vom Katholizismus geprägten Gesellschaft teilt, wie mit de Laclos´ Briefroman die subtile Analyse der Erotik und bei Clarin vor allem: ihrer Verdrängungen.
Wenn nun für die 864 (!) engbedruckten Seiten der Suhrkamp-Taschenbuch-Ausgabe (Nr. 1390, zu 15 Euro) damit geworben wird, Die Präsidentin gehöre zu einem Genre, das man "Ehebruchsromane" nennen könne, von Flauberts "Madame Bovary" begründet und von Tolstoi mit "Anna Karenina" und von Fontane mit "Effie Briest" fortgesetzt wurde, so wird mit dieser Genredefinition dieser spanischen Variante nur eine Seite des erstaunlichen Romans angesprochen. Die "Präsidentin" wird am Ende von dem stadtbekannten Don Juan verführt und ihr Ehemann beim anschließenden Duell, durch einen Schuss in die volle Blase (!) tödlich verletzt. Der Verführer flieht aus der ewig regnerischen Stadt des Nordens nach Madrid, die verlassene Witwe schließt sich in ihrem Haus ein. Als sie, aus einer Ohnmacht in der Kathedrale erwacht, wo die Leblose ein lüsterner Ministrant geküsst hatte, "glaubte sie, auf ihrem Mund den schleimigen, kalten Bauch einer Kröte zu spüren". Mit diesem Satz entlässt Clarín die Präsidentin in eine unbeschriebene Zukunft, die "schlimmer ist" als der Tod, wie Fr.R. Fries schreibt.

Aber der Ehebruch mit dem unwürdigen Liebhaber ist ja nur das Movens der "Präsidentin". Ernst Bloch hat die christliche Nächstenliebe als retardierendes erzählerisches Moment in Karl Mays Romanen bezeichnet. Weil die Gefangenen immer wieder befreit und die Bösewichter nicht getötet werden, kann die Spannung immer neu in Kraft gesetzt werden. In Claríns Roman ist es die wiederkehrende Frage, wann die unschuldige Schönheit an der Seite ihres fast väterlich älteren Mannes, der sie in jeder, speziell körperlichen Hinsicht unbefriedigt lässt - ohne dass die junge Frau ihre sinnlichen Bedürfnisse kennt - der Verführung erliegt: nach 751 Seiten. Der Weg dorthin ist wichtiger, erstaunlicher, bewegender als das Ziel. Das ist umso spannender, als es zwei Männer sind, die sich um die Erweckung der brachliegenden Leidenschaft der schönsten und tugendhaftesten Frau der Stadt bemühen.
"Bemühen" ist gar nicht das richtige Wort: es geht um die Belagerung einer uneinnehmbar scheinenden Festung, und was Clarín beschreibt, ist ein veritabler Krieg, der in der städtischen Gesellschaft um die "Präsidentin" geführt wird. Daran nehmen nicht nur die zwei Condottieri, sondern auch alle anderen gehobenen gesellschaftlichen Kreise teil: Adel, Kirche, gehobenes Bürgertum, die tonangebende Klasse also spielt den Chor in diesem "dramma giocoso", wie Mozart/da Ponte ihren "Don Giovanni" nannten. Ein "heiteres Drama" ist auch Claríns Gesellschafts-Roman. Es wird am Ende eine raffinierte, hasserfüllte Geschlechtsgenossin & Ex-Geliebte des erotischen Rués Don Alvaro Mésias sein, die ihm buchstäblich das Tor zum Einfall in die Festung öffnet - freilich um den Preis, dass der "Sieger" seine sexuellen Kräfte nicht nur dem "verdrängten Liebeshunger" der Nachholerin widmen, sondern auch gleichzeitig die Verräterin noch "bedienen" muss - eine physische Anstrengung, der er sich ohnehin entziehen wollte, wäre die von der doppelten Verräterin eingefädelte Entdeckung des nächtlichen Gastes durch den Gehörnten, der in Mésias bislang seinen besten Hausfreund sah, nicht dazwischen gekommen.
Jedoch der stadtbekannte Don Juan und Freizeitpolitiker Don Alvaro ist bloß ein "guter Soldat der Liebe, ein Held des Genusses", den nicht die "Tugend" sondern das sexuelle Brachland reizt, das er zu gerne beackern würde. Wieviel komplexer, abgründiger, im Grunde auch bösartiger ist sein direkter Gegenspieler, der in seiner elegant geschnittenen Soutane männlich höchst ansehnliche & gepflegte wie machtvolle, von seiner gierigen Mutter zur kirchlichen Karriere getriebene Domvikar Don Fermín!
Ihn erleben wir gleich zu Beginn des Romans auf der Aussichtsplattform des Domturms, wo er mit einem Fernrohr die Stadt Vetusta, "seine Leidenschaft und Beute" inspiziert und uns das geografische Szenario des Romans vor Augen stellt: "Er kannte diese Stadt Stück für Stück, von innen und von außen, ihre Seele und ihren Körper, er hatte die Gewissen und die Häuser bis in den letzten Winkel erforscht. Was er aber beim Anblick der heldenhaften Stadt empfand, war ein wilder Heißhunger. Der zergliederte sie nicht wie ein Philosoph, der bloß Studien treibt, sondern wie ein Feinschmecker, der den besten Bissen sucht. Er legte nicht das Skalpell, sondern das Trachiermesser an".
Diesem bloß 35jährigen "Herrn der Herren", dessen "Willensstärke in der ganzen Diözese nichts imstande war zu widerstehen" und der den Bischof "als freiwilligen Gefangen in der Hand hatte", ohne dass der es bemerkt hätte, fällt die 23jährige "Präsidentin" als Beichtkind zu. Deren bedrohte Tugend gegen die sinnliche Versuchung in Gestalt Don Alvaros zu verteidigen scheint sein eifersüchtiges Ziel, dem er seine ganze ausgepichte Energie widmet. Don Fermíns "Machtgier" hatte den armen Hütjungen aus der tiefsten Provinz in die Spitzen der Vetustanischen Gesellschaft eindringen lassen, und seine vielen Neider und Feinde hält er klug und raffiniert in Schach. Die "Präsidentin", die so genannt wird, weil sie die Ehefrau des pensionierten Gerichtspräsidenten ist, wuchs nicht nur als Waise auf, weil ihre Mutter im Kindbett starb und ihr freigeistiger Vater, der sie fern von sich lieblos aufziehen ließ, ihr wenig mehr als sein Stadthaus hinterließ. Sondern sie wurde auch scheel angesehen, weil ihre Mutter "eine italienische Putzmacherin von niederer Herkunft" war und weil sie als Zwölfjährige in aller Unschuld eine Nacht mit einem gleichaltrigen Jungen verbracht hatte - was von ihrer Erzieherin als Ankündigung eines lotterhaften Lebenswandels gedeutet wurde. Ihr Vormund hatte sie dann in die Hände seines Jagdfreundes, des schon angegrauten Gerichtspräsidenten, gegeben - was sie dann wiederum akzeptabel für die "bessere Gesellschaft" machte, der sie sich jedoch weitgehend fernhielt, wenngleich sie für die schönste Frau Vetustas gilt.
Ihre Schönheit samt ihrer unangreifbaren Tugend ist ihre Macht über die korrupte & scheinheilige Gesellschaft, während Don Fermíns Macht sein Wissen von der Scheinheiligkeit getragen wird, aus deren Zentrum heraus er agiert: der Kirche und ihrem Spionagewissen durch die Beichte. Die Beichte, die "Die Präsidentin" ihm ablegt, erlaubt ihm Innenansichten und Einflussmöglichkeiten, wie sie kein zweiter besitzt. Das ist das Erregende von Claríns Roman, über den der gleichzeitig lebende Nietzsche gejubelt hätte, wenn ihm der Spanier bekannt gewesen wäre (und nicht nur Dostojewski): - nämlich als Sezierer "asketischer Ideale" und Kritiker der "Leibfeindlichkeit" des Christentums.

Don Fermín kann die junge, unbefriedigte, mit allen Symptomen einer Hysterie geschlagene Frau von innen heraus erst einmal gegen die sinnliche Versuchung stabilisieren - indem er sie auf den Weg einer Ersatzbefriedigung lenkt und diese in schwindelnde Höhen mystischer Träumereien treibt, sodass sie öffentlich als Büßerin in der Karfreitagsprozession auftritt. Dabei hat sie gar nichts zu büßen, sündloser im Geist und Fleisch ist keine als sie, die die religiöse Perversion an den Rand ihrer physischen Existenz führt.
Aber nicht nur sie verdrängt, was in der doppelbödigen Moral der sie umgebenden Gesellschaft von Adel, Klerus und Bürgertum insgeheim und auch offen ausgelebt wird; auch Don Fermín sucht mit Eifer vor sich zu verleugnen, dass er sein Schäfchen nicht nur um Gotteslohn auf die katholische Weide führt, sondern mehr und mehr seine religiöse ausgefütterte Leidenschaft der sinnlichen Schönheit der jungen Frau gilt, deren Genuss er seinem Nebenbuhler neidet. Erst als "die Präsidentin", am Ende einer irrwitzigen Passion unbefriedigter Sehnsüchte und fruchtloser Entrückungen, sich dem schlechthin für sie Undenkbaren konfrontiert sieht - dass nämlich ihr geistlicher Schutzengel der Teufel möglicherweise selbst ist -, löst sich dessen psychische Macht über sie auf. Erst jetzt, da die inwendige Verpanzerung zerbricht, kann der so lange erfolglose, zeitweilig anderweitig erotisch tätige Belagerer Mesias an eine gelingende Eroberung der von geistlichem Beistand entblößten, innerlich maroden weiblichen Festung denken. Sie fällt ihm kampflos - in den Schoß, wie eine reife Frucht.
Die Spannung, die Clarín dank einer ebenso brillanten sprachlichen Präzision wie geistigen Hellsichtigkeit ohne je nachzulassen über diese mehr als 800 Seiten hält, verdankt sich seiner ebenso kühlen wie leidenschaftlichen sarkastischen Ironie, der niemand & Nichts "heilig" ist. Nicht selten sieht man sich an Heinrich Manns analytisch-satirisches Gesellschaftsmodell des "Untertan" erinnert. Der Spanier richtet sein ganzes Augenmerk auf die Verlogenheit und Unaufrichtigkeit der tonangebenden Stadtgesellschaft und ihrer innerlich vergifteten Kollaboration mit der alles durchdringenden Scheinheiligkeit der Kirchenmacht. Thron & Altar spielen sich wechselseitig in die Hände, um die restituierte Monarchie zu stützen. (Ein ausführlicher Anmerkungsteil, gute alte DDR-Tradition, klärt viele zeitgenössische Hintergründe und die Herkunft einer Vielzahl der Zitate auf!.)
Clarín stattet seine handelnden Personen mit widersprüchlichen Viten aus, so dass selbst Randfiguren selten eindimensional erscheinen. Es entsteht im Verlauf der Erzählzeit, die sich über ein Jahr hinzieht, nicht nur das Panorama dieser städtischen Gesellschaft und ihrer öffentlichen und privaten Orte, ihren Vergnügungen und Selbstinszenierungen, sondern zugleich eine Fülle von scharf profilierten Personen in allen Gesellschaftsschichten - von der adligen Herrschaft, heruntergekommen Bürgern, neureichen Aufsteigern, über Intriganten und buchstäblich Verrückte bis hin zu den Dienstboten und Lakaien. Ein Universum von Charakteren, das höchst sinnlich-präsent und mit oft aphoristischem Sprachwitz einem vor Augen gestellt wird.
Wie weit Clarín seiner Zeit voraus war, zeigen seine zahlreichen, fast schon "postmodern" anmutenden Hinweise auf das "Leben aus zweiter Hand", das seine Personen führen, indem sie sich in ihrem Verhalten nach literarischen Vorbildern, zeitgenössischen wie Zola oder historischen wie Calderon oder Lope de Vega, ausrichten. Die Duell-Regeln werden z.B. nach einem zeitgenössischen Roman gestaltet!

In Summa: wo man auch hinblickt, wie man hier "einsteigt": Claríns "Präsidentin" ist ein gargantueskes Lesevergnügen. - Nur erwähnt soll werden, dass der Insel-Verlag eben jetzt Claríns zweiten Roman Sein einziger Sohn in der Übersetzung Elke Wehrs erstmals auf deutsch vorlegt (309 Seiten, 24,90 Euro). Ich habe das Buch, das erste Rezensionen an die Seite "Der Präsidentin" stellen, noch nicht gelesen.


Wolfram Schütte

 


Clarín: Die Präsidentin.
Roman. Aus dem Spanischen von Egon Hartmann. Mit einem Nachwort von Fritz Rudolf Fries.
Suhrkamp 2002.
Taschenbuch Nr. 1390, 864 Seiten, 15 Euro
ISBN: 3518378902

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