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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:35

 

Hans-Ulrich Treichel: Der irdische Amor

23.02.2004

 

Sympathischer "Cretino", liebenswerter "Poveretto"

Im schönsten literarischen Sinne bietet der fabelhafte (historische) Roman den Kennern ein weitgefächertes, polyphon ausgelegtes intelligentes und den Liebhabern von Liebesgeschichten ein herzbewegendes Vergnügen.


 

Von Martin Walser ist mittlerweile bekannt, dass er seine Romane - sofern er in ihnen nicht eigene Obsessionen verschlüsselt - gelebten Fremdbiographien nachschreibt, in die er sich chamäleonhaft einnistet und aus dem dort Angeeigneten kraft eigener Erlebnis- und Sprachphantasie sie sich anverwandelt. Im Gegensatz dazu lebt der Erzähler Hans-Ulrich Treichel literarisch aus "erster Hand", nämlich autobiographisch. Um Missverständnissen, die solche Konstatierungen leichthin nach sich ziehen, gleich vorzubeugen: das eine ist literarisch so legitim wie das andere und beides ebenso selbstverständlich wie die sogenannte "reine Erfindung" eines literarischen Plots oder Stoffs, dem autobiographische Spurenelemente nur in höchst verminderter Essenz beigemischt sind.

Es wird ohnehin nur der Kenner des literarischen Werks des 1952 in Westfalen geborenen Flüchtlingskindes Treichel die autobiographische Unterfütterung seiner Erzählungen & Romane wahrnehmen; und nur wer weiß, dass der Schriftsteller, der auch Dozent am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig ist, eine Zeitlang Sekretär des in Italien lebenden deutschen Komponisten Hans-Werner Henze war, wird sich über den etwas exzentrischen plot seines zweiten Romans "Tristanakkord" nicht gewundert haben. Er ist offenbar solchen autobiographischen Lebenserfahrungen nachgeschrieben, bei denen ein "tumber Tor" ins absonderliche Milieu der kulturellen High Society verschlagen wurde, ohne dass der plot, weil er "nur" dem eigenen Leben folgt, sehr überzeugend gewesen wäre. Ihm fehlte innere Stringenz.
Das war in Treichels erstem Roman "Der Verlorene" ganz anders, weil er da von einer unheimlichen Demütigung als Zweitgeborener erzählt, der nicht nur im Schatten seines auf dem Flüchtlingstreck aus Ostpreußen verlorenen Bruders lebt, sondern auch Zeuge der verzweifelten und hanebüchenen Suche der Eltern nach dem Verschwundenen im Nachkriegsdeutschland wird. Den elterlichen Liebesentzug als Junge hat der erwachsene Schriftsteller in eine ebenso komische wie bewegende Groteske verwandelt, die kein Nachruf in Bitternis auf die Eltern ist - wie z.B. die glühenden Hasstiraden Josef Winklers auf sein bäuerliches Herkommen -, sondern eher sympathetisch und milde die elterliche Suche nach dem Erstgeborenen in einer eigenartigen Tragikomik aufhebt.
Das Buch, das stilistisch (wie nicht nur Treichels Anfänge, sondern auch die Prosa anderer deutscher Autoren) sich an der bis zur unfreiwilligen Komik gesteigerten rhetorischen Darstellungsgrammatik Thomas Bernhards orientierte - die hier jedoch gewissermaßen "humanisiert" wurde: weil ihr der Bernhardsche Vernichtungsfuror fehlte - hat das Zeug zu einer mythischen Metapher für ein deutsches Nachkriegs-Schicksal, ohne dass Treichel das akzentuiert hätte. Mittlerweile in 21 (!) Sprachen übersetzt, wird dieser kleine Roman, den ich eher für eine große Erzählung halten würde, sogar jetzt verfilmt, wie der Verlag mitteilt.

Fast ist man nun versucht zu prognostizieren, dass Treichels neuem Roman auch eine kinematographische Zukunft einbeschrieben ist, die jedoch nur gelingen könnte, wenn es bei uns einen Regisseur von Francois Truffautscher Delikatesse gäbe, der die bitter-süße Melancholie dieser eher romantischen, den neuen zynischen Liebeshändeln so ferne Geschichte filmisch zu erzählen vermöchte: in einem historischen Film aus den 70iger Jahren des 20.Jahrhunderts.
Denn was der aus der prüden, kleinbürgerlichen westfälischen Provinz kommende, nun in Berlin Kunstgeschichte studierende Albert erlebt, ist eine "éducation sexuelle", die einer heutigen Generation womöglich steinzeitlich fern liegen mag. Erst recht, weil dieser junge Mann (wie man damals, wenn man avantgardistisch war, gesagt hätte) "verklemmt" war, seine Pubertät noch nicht einmal ersatzweise o­nanistisch bewältigen konnte und schon in der Schule, wenn andere mit "Abenteuern" prahlten, bei den Mädchen erfolglos geblieben war. Gleichzeitig war Wilhelm Reichs "Funktion des Orgasmus" greifbar - zur Empörung der Eltern, die mit Scham und Ekel ahnten, dass es sich dabei um "Schund" handeln musste, wiewohl ihnen das Wort "Orgasmus" nicht geläufig gewesen sein dürfte.
Zwar hatte Albert auf einem Internat schon einmal ein Techtelmechtel mit einem Mädchen, und als es aufflog, wurde er relegiert. Aber traumatisch blieb ihm, der dann während seines Studiums erst in Perugia im Schnellkurs Italienisch lernte und dann bei einem Romabstecher unschuldig in Polizeigewahrsam kam, von einer wunderschönen Polizistin "Cretino" genannt zu werden, weil sie die Erektion bemerkte, mit der er in seinem Schlafanzug auf ihre "bella figura" reagiert hatte. Wer das Schöne angeschaut hat mit Augen, ist der Lächerlichkeit preisgegeben, zumindest im "Irdischen Amor".

Treichels Provinzler Albert, dem sein Autor, der Germanistik studiert hat, ein Kunststudium andichtet, weil Treichel damit der eigenerlebten Banalität einen mehrfachen literarischen Spiegelreflex hinzugewinnt, der Kunst & Leben aufs Schönste ironisch auf einander verweist, war "das Blut in den Kopf geschossen" und er hatte einen Schweißausbruch "nicht etwa aus Scham oder Verlegenheit, sondern aus Entdeckerfreude", als er bei der Vorbereitung zu einem Referat über Carravaggios unverschämt vorwitzigen "Amore vincitore" bemerkt, dass der Penis des "siegreichen" Amors auf ein gefaltetes Tuch verwies, dem der bekanntlich skandalöse Maler die Form einer weiblichen Vulva gegeben hatte. "Hatte Caravaggio den nackten Jüngling nur gemalt, um weibliche Nacktheit an ihrer intimsten Stelle zu zeigen", fragte er sich erregt.
Als er aber im Seminar sein Referat hielt und mit Begriffen wie "unerheblicher Penis" oder der "Anus-Vulva-Achse" brillieren wollte, musste er erleben, dass er nicht nun in die "ungerührten Mienen" seiner mitnichten "beeindruckten oder irritierten Kommilitonen" blickte, sondern auch, dass der Professor Alberts vermeintlich sensationelle Entdeckung in "unerwartet scharfem Ton" als einen Gemeinplatz der Carravoggio-Interpretation rügte. Peinlich, peinlich - umso mehr als der Professor in der Sprechstunde Alberts Verwechslung von "Kunstgeschichte und Gynäkologie" zielsicher als Ersatzhandlung des jungen Toren erkannte, der keine Freundin hatte.
Das zumindest sollte sich ändern. Der des Italienischen mächtige Berliner Kunststudent sitzt bald häufiger in einem italienischen Eissalon als in den Vorlesungen. Die wunderschöne, schweigsame und rätselhafte Bedienung Elena hat es ihm angetan, und als er nach langem Zögern und Anhimmeln den Mut fasst, sie zu einem Spaziergang einzuladen, stimmt Elena dem "Poveretto" zu, im Tiergarten dann auf einer Bank wird sie ihm sogar handgreiflich Erleichterung verschaffen und der glückselige Albert hat auf einmal eine Geliebte - eine Sardin, die beherzt den ihr zugelaufenen jungen Mann erotisch unter ihre Fittiche nimmt. Er folgt ihr sogar in ein abgelegenes sardisches Bergarbeiterstädtchen, wo sie einen Schönheitssalon aufmacht - und der ewige Kunststudent mit Caravaggio-Zielen im Hinterzimmer trist den Tag verbringt und als Voyeur zusieht, wie Elena ihren Kundinnen die Brustwarzenhaare entfernt. Der deutsche Liebhaber, den Elenas Familie und Verwandte eher als beiläufiges Mitbringsel wahrnehmen, verliert zunehmend seine Leidenschaft, die offenbar nicht gerade hitzig von Elena erwidert wird. Sie hatte ihm ja schon in Berlin gestanden, dass sie ihren sexuellen Furor in mehrtägigen & -nächtlichen Sessions mit einem immer mal wieder eingeflogenen verheirateten persischen Geschäftsmann austobe. Albert ist offenbar nur zweite erotische Wahl für sie.
Als der vereinsamte Albert bei einem familiären sardischen Picknick am Meer zufällig eine Kieler Geologiestudentin trifft, mit der er sich endlich auch unterhalten kann, ist der Zeitpunkt der endgültigen Trennung vom fadenscheinig gewordenen Traum Elena gekommen. Ohne es auszusprechen wissen Elena und Albert, dass er von seinem kurzen Berlin-Aufenthalt nicht mehr zurückkommen wird. Sie gibt ihm einen Kuss, streicht ihm übers Haar und ruft ihm ihr mitleidiges "Poveretto" nach - "und Albert wollte auch diesmal nicht wissen, was genau sie damit gemeint hatte. Doch als er im Bus saß und sein Spiegelbild in der Fensterscheibe sah, musste er sich zwangsläufig für eine der ungünstigen Varianten entscheiden. Er sah, das war nicht zu leugnen, ziemlich armselig aus. Bleich, mit wässrigen Augen und teigig um das Kinn und die Wangen herum. Er hatte auch nicht den Hauch eines Persers an sich. Er sah noch nicht einmal auf gute Weise norddeutsch aus".

Es sind solche sarkastischen Ein-und Ansichten von Ulrich Treichels Alter ego, die den einen oder anderen Rezensenten verstört hat. So wurde dem allwissenden Autor vorgehalten, dass - wie Jörg Magenau in der FAZ schrieb - Treichels "Humor sich gelegentlich etwas zu versöhnlich über die Abgründe der Psyche legt, sodass Alberts erotische Missgeschicke irgendwann bloß noch lustig sind", und der Schmerz der Leidenserfahrungen des unglücklich-täppisch Liebenden ins Komische abgemildert werden.
In der Tat spart Alberts "éducation érotique et sexuelle" die Sentimentale aus; und Treichels Komik, die sich gelegentlich mit der gefühlvoller instrumentierten Wilhelm Genazinos beim Umgang mit seinen Stadt-Melancholikern berührt, setzt dabei eher auf die pikareske "Kälte" des Slapsticks (der ja aber auch schmerzhaft lustig sein kann), als auch die Nostalgie der gemütvoll unter Tränen lächelnden Erinnerung. Dabei lernen wir seinen peinlichen Albert doch gewiss auch ebenso lieben wie das gebeutelte Stoneface Buster Keatons.
Denn so lustig ist das pubertäre "Frühlings Erwachen" Alberts ja nun auch nicht gewesen, wenn man es vor den von Treichel sehr genau evozierten psychischen und gesellschaftlichen Hemmschwellen betrachtet, die sein in jeder Hinsicht unscheinbarer Held überwinden muss, um seinen hochgesteckten erotischen Zielen nahe zu kommen. Und dass der "irdische Amor", erst recht für physisch Unattraktive, die fast mit Notwendigkeit in Peinlichkeiten geraten, nicht doch sehr grausam sein kann, ist diesem Roman erst recht abzulesen. Und zwar auch deshalb, weil Treichel gar nicht lässig anekdotisch oder brav linear erzählt, sondern mit einer fast essayistischen Leichtigkeit eine kleine Enzyklopädie des erotischen und sexuellen Begehrens gewissermaßen gleichzeitig aus vielen Details heraufruft, sodass sich frühkindliche Erfahrungen neben pubertäre, alltägliche Spezifika der 60iger und 70iger Jahre neben kunst- & kulturgeschichtliche Phänomene und Reflexe gestellt sehen: zu wechselseitigen Erhellung und Zuspitzung. So entsteht, im hin- und herspringenden Zeitwechsel von Treichels "Italienischer Reise", eine immer dichtere Textur changierender erotischer Hitzegrade und komischer Farbigkeiten, weil der souveräne Autor sie mit dem Weberschiffchen seines Albert zum Leuchten bringt. Im schönsten literarischen Sinne bietet der fabelhafte (historische) Roman den Kennern ein weitgefächertes, polyphon ausgelegtes intelligentes und den Liebhabern von Liebesgeschichten ein herzbewegendes Vergnügen.


Wolfram Schütte

 


Hans-Ulrich Treichel: Der irdische Amor.
Roman. Suhrkamp-Verlag 2002
Gebunden. 256 Seiten, 19.90 Euro
ISBN: 351841352X

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