Rund zehn Jahre nach der "Nelkenrevolution", die 1974 durch einen unblutigen Putsch der Streitkräfte die dreißigjährige Diktatur in Portugal beendete, treffen sich in einer Lissaboner Kneipe fünf Kriegsveteranen eines Bataillons, das im afrikanischen Kolonialkrieg gekämpft hatte: Ein einfacher Soldat, ein Funkoffizier, ein Leutnant und ein Kommandeur. Schweigender Adressat ihrer Reden ist ein Hauptmann. Von der Kneipe ziehen sie in ein Nachtlokal, wo sie von Champagner bis zu Schnapsfusel hinabsaufend, sich Prostituierte an den Tisch angeln; und dann wanken sie, mehr und mehr im gemeinsamen Erinnerungs- und Alkoholrausch versinkend, zusammen mit den willigen Frauen in die Wohnung eines von ihnen. Die nächtliche Orgie endet mit dem Tod des Funkoffiziers, an dem die drei Veteranen die aufgestaute Wut ihres machistischen Elends ausagieren. Er hatte unwissend ein Verhältnis mit der Frau des Kommandeurs, der von seiner Geliebten ausgenommen wird. Der schweigende Hauptmann hat sich nicht an dem Sündenbockmord beteiligt.
Fast zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen 1983 erreicht uns, in der wie immer bewundernswert stimmigen Übertragung von Maralde Meyer-Minnemann, nun das fünfte Buch des größten portugiesischen Epikers António Lobo Antunes. Sein "Fado Alexandrino" ist mit seinen knapp 800 Seiten das umfangreichste Epos in einem Oeuvre, das mittlerweile auf 15 Romane und drei Erzählungsbände angewachsen ist. Lobo Antunes´ vorletzter Roman "Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht" erschien erst kürzlich auf deutsch, und es fehlen nun nur noch zwei frühe Romane, damit diese monumentale Portugiesische Chronik uns vollständig vorliegt. Das ist ein in der gegenwärtigen deutschsprachigen Verlagsgeschichte einzigartiges editorisches Unternehmen des Luchterhand-Verlages und zudem eine gar nicht hoch genug zu rühmende, bravouröse übersetzerische Leistung Maralde Meyer-Minnemanns.
Der "Fado Alexandrino" gehört zusammen mit dem Debüt "Os Cus de Judas" (1979) in Portugal bis heute zu den populärsten Romanen des 1942 geborenen Schriftstellers, der erst mit 37 (!) Jahren und nach einem 27monatigen Aufenthalt als Militärarzt in Afrika 1979 zu publizieren begann. Der wachsende literarische Erfolg erlaubte ihm, seine zweite berufliche Karriere als Psychoanalytiker aufzugeben und sich ganz seinen literarischen Ausschweifungen zu widmen. Den "Fado Alexandrino", als Triptychon in jeweils 12 Kapiteln komponiert, hat Lobo Antunes dem gleichnamigen weltbekannten musikalischen portugiesischen Melancholikum nachgebildet. Schon in diesem frühen Werk dient dem Romancier die musikalische Form als Leitfaden für seine Erneuerung der epischen Prosa; sein Spätwerk möchte mehr und mehr ganz in Sprachmusik, in Modulation und Rhythmus aufgehen.
Der "Fado Alexandrino", der den einsamen Monolog des Kriegsheimkehrers im Debüt des "Judaskuß" nun vierstimmig und voll instrumentiert wieder aufnimmt, entfaltet erzählende Assoziativ-Prosa, die ebenso um die traumatischen, nachhallenden Schrecken des sinnlosen Kriegs kreist (und die psychischen Verwüstungen heraufbeschwört, die er bei allen hinterlassen hat), wie auch um die ihm nachfolgenden persönlichen und beruflichen Miseren der vier Männer. "Nachleben" muss man wohl nennen, worin diese seelischen Wracks jeweils individuell gestrandet sind - in einer Heimat, die ihnen keine mehr ist oder wird. Denn der Krieg, der sie gezeichnet und zu Verlierern gestempelt hatte, setzt sich in der Psyche der Heimkehrer fort: er zerstört Familien, Ehen, Lieben und Lebensentwürfe; er produziert Monstren, unreif verkümmerte Männer, entkernte Charaktere, pathologische Sexkrüppel, deren unerklärtes Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Liebe von ihren Frauen und Geliebten egoistisch instrumentalisiert und ausgebeutet wird.
Auch die "Nelkenrevolution" war weder Scheitel- noch Wendepunkt. Im Wechsel von der Diktatur zur Demokratie restaurierten sich nach kurzer Zeit in Armee und Gesellschaft die alten Herrschafts- und Besitzverhältnisse. "Portugal ist zum Kotzen", heißt es einmal - und in Lobo Antunes´ "Fado Alexandrino" wird dieser bittere Befund mit der überwältigenden Wucht einer zwischen lyrischer Emphase und satirischer, ja Grand-Guignolhafter Lachwütigkeit wechselnden surrealistischen Bilderfülle episch ausgebreitet. Wenn Alfred Döblin einmal selbstironisch von sich bemerkte, er "plantsche in Fakten", aus denen er dann seinen "Wallenstein" oder seine "Amazonas"-Trilogie hervorgehen ließ, so könnte man, eine Bemerkung Ernst Jüngers zu Jean Paul aufgreifend, von der lyrischen Prosa Lobo Antunes´ sagen, sie "laiche Metaphern", die fast jeden Satz überraschend öffen für das Einströmen bewusstseinserweiternder Phantasmen und subversiver Visionen. Nicht zuletzt darin liegt die immer wieder erregende Kraft des portugiesischen Epikers, welche die finstere Niedergeschlagenheit des "Fado Alexandrino" zu einem ästhetischen Lese-Genuss werden lässt, dem die 20 Jahre seit seinem ersten Erscheinen keine Altersflecken beigefügt haben.
Obwohl der Rahmen für diese Reise ans Ende einer langen Nacht durch die Titel der drei Bücher des Romans mit "Vor der Revolution", "Die Revolution" und "Nach der Revolution" gesetzt wird, orientiert sich das Erzählen nicht an der Chronologie. Selbstverständlich nicht, möchte man fast sagen; denn wie auch in allen seinen späteren Büchern kommt auch dieses frühe ohne die beruhigende Zentralperspektive eines Erzählers aus. Es entsteht aus der durchkomponierten, dramatischen Polyphonie von Stimmen - und nicht nur bloß im wechselnden, unterbrochenen und wieder aufgenommenen Zusammenklang der Stimmen der vier Kriegsveteranen, sondern auch aller anderen, die sie memorierend zu szenischen Wortgefechten und Gedankenverflechtungen verdichten: Es sprechen Väter und Mütter, onkel und Tanten, Ehefrauen und Geliebte. Natürlich fehlt deshalb auch die Bodenhaftung einer chronologischen Zeit: sie ist aus den Fugen, Vergangenheiten und Gegenwarten existieren gleichzeitig neben- & ineinander. Und wenn Lobo Antunes die frei flottierende Ästhetik von Fellinis "Otto è mezzo" und "Giuletta degli Spiriti" immer wieder als künstlerisches Initialerlebnis für sich rühmt, so hat der portugiesische Erzähler erst recht von der "fellinesken" Karnevalistik literarisch Gebrauch gemacht und sich souverän durch alle "hohen" und "niederen" literarischen Genres bewegt. Im "Fado Alexandrino" ist alles erlaubt; hier hat sich einer alles erlaubt, was er kann. Und er kann alles.
Wolfram Schütte
Antonio Lobo Antunes: "Fado Alexandrino".
Roman. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann.
Luchterhand Literaturverlag, München 2002
Gebunden. 797 Seiten. 29,50 Euro. ISBN: 3630871194.