" - Wir haben den passenden Toten! schreit Kaminsky.
Er kommt mit großen Schritten herbei, wartet nicht, bis er mich erreicht hat, um die gute Nachricht auszuposaunen.
Ein Dezembermorgen: Wintersonne.
Die Bäume ringsum waren mit Reif bedeckt. Überall Schnee, anscheinend seit jeher. Jedenfalls hatte er den bläulichen Schimmer des Ewigen. Aber der Wind hatte sich gelegt. Seine üblichen Böen auf der Höhe des Ettersbergs, stürmisch, rauh, eisig, gelangten nur noch bis zu der Bodensenke, wo sich das Latrinengebäude des Kleinen Lagers erhob".
Mit acht großen Satz-Schritten seines jüngsten Buchs "Der Tote mit meinem Namen" hat Jorge Semprun Buchenwald wieder erreicht; und mit dem Eingangssatz ein Rätsel entworfen, dessen Auflösung er sich auf den 203 folgenden Seiten schrittweise nähert. Es ist - nach "Die große Reise", "Die Ohnmacht", "Was für ein schöner Sonntag" und "Schreiben oder Leben" - Sempruns fünfte literarische Annäherung und seine wahrscheinlich letzte imaginative Rückkehr zu dem Ort, der seiner war - wie für Goethe das Buchenwald so nahegelegene Weimar. Dieser hat den Ort Weimar bis heute geprägt, jenen hat das Terrorgelände auf dem Ettersberg seither gezeichnet.
Der Frankfurter Dichter hatte die Residenzstadt im 18. Jahrhundert aus freien Stücken gewählt und sie allein durch seine Existenz zu einem der leuchtendsten Weltmittelpunkte gemacht, den je nicht nur die deutsche, sondern die Weltliteratur besaß. Der Madrilene Jorge Semprun war im 20. Jahrhundert, mehr als 200 Jahre später, zwangsweise im KZ Buchenwald: ein aus Frankreich deportierter Resistance-Kämpfer auf dem Ettersberg, wo der alte Goethe sich zuletzt mit Eckermann aufhielt und in freier Natur tafelnd den Blick weit ins Thüringische genoss. Der gleiche Blick war für den 20 jährigen Exilspanier die eine Möglichkeit, den "Verheerungen, welche die unvermeidliche, bedrückende Enge anrichtete", zu entgehen und der "heimtückischen Verletzung der Integrität der Person" zu widerstehen. Denn er war ja zusammen mit Tausenden anderen Männern in dem ersten großen, ursprünglich zur "Umerziehung" der politischen und kriminellen Häftlinge errichteten Konzentrationslager Buchenwald kaserniert. Die andere Möglichkeit, "die klebrige Angst vor der ständigen Enge zu überlisten", bestand darin, "Gedichte zu rezitieren, mit leiser oder mit lauter Stimme". Eine triumphale & lebenserhaltende Widersetzlichkeit durch große Poesie, die einem heutigen Zeitgenossen gewiss schon "märchenhaft" erscheinen muss, kennt er ja kaum (noch), was sich Semprun und seine Mitgefangenen aus dem literarisch gebildeten Gedächtnis kollektiv rekonstruierten, zusammenreimten & -leimten: Gedichte von Rimbaud oder Lorca, Alberti oder Valéry und Romanpassagen von Malraux. Unsereins fände womöglich in ähnlich isolierter Gefangenschaft Trost & Lebenswillen allenfalls noch in memorierten Schlagertexten, Film- & Fernsehsequenzen.
Wer das literarische Quartett der "Buchenwald-Bücher" Sempruns kennt - gewiss das literarisch intensivste Dokument einer politisch avancierten Intellektuellen-Existenz im 20.Jahrhundert - wird, nach diesen großen Epen im "Toten mit meinem Namen" eine eher novellistische Coda sehen: Eine Kammermusik des 79jährigen Autors, das seinen früheren symphonischen Dichtungen folgt, die er seit dem Debüt der "Großen Reise" 1963 über die folgenden Jahrzehnte hinweg realisiert hat. "Kammermusik" deshalb, weil die "grundlegende Erfahrung meines Lebens", nämlich die 1 ½ Jahre, die der im französischen Maquis 1943 verhaftete, gefolterte und nach Buchenwald deportierte Exil- & "Rot-Spanier" im KZ verbrachte, in diesem "Nachspiel" nur auf den Autor, den Toten mit seinem Namen und zwei, drei andere Mithäftlinge während eines Winterwochenendes reduziert ist. Kleine Besetzung, also egozentriert; aber auch paradigmatisch für diesen einzigartigen Zeugen des 20.Jahrhunderts.
Warum ist Semprun in diesem unverkennbaren literarischen Spätwerk noch einmal zu seinem vielfach, wie ein Palimpsest überschriebenen traumatischen Urerlebnis zurückgekehrt - nachdem er ja schon in "Schreiben oder Leben" sein Überleben im KZ und sein späteres Nachschreiben dieser Erfahrung bilanziert hatte? Es scheint nicht nur die von ihm verdrängte Episode zu sein, die im erzählerischen Zentrum des Buches steht, welche ihn zu diesem höchst subjektiven Buchenwald-Epilog gedrängt hat; sondern offenbar auch "das Glück, das ich hatte" - nicht allein im KZ Buchenwald, vielmehr auch während seines ganzen abenteuerlichen, politisch-literarischen Lebens. Das Glück, viel- & mehrfach dem Tod entgangen zu sein; und das Glück, nicht zu vergessen - und er hat es nie vergessen! -, trotz aller Einsamkeit immer wieder brüderliche Solidarität, menschliche Wärme, Freundschaft, Liebe erfahren und zurückgegeben zu haben. Seine Bücher, über alle politischen Wandlungen hinweg, sind ein einziger, Großer Gesang und Hymnus auf die dritte der Französischen Revolutionslosungen: auf die "Fraternité!"
"Insbesondere das Glück des Überlebens" im KZ sei ihm aber häufig "in Tönen der Gereiztheit, des Argwohns und des Misstrauens" entgegengehalten worden. "Mir scheint nämlich, und das hat mich immer wieder überrascht, als müsste man eine gewisse Scham, zumindest ein schlechtes Gewissen an den Tag legen, wenn man ein vorzeigbarer, glaubwürdiger Zeuge sein will". Für "Spezialisten" sei "der beste, der einzig wahre Zeuge (...) derjenige, der nicht überlebt hat", weil "er bis ans Ende der Erfahrung gegangen ist und daran gestorben ist". Da man ihn aber nicht befragen könne, blieben ersatzweise nur die Überlebenden: "störende Zeugen mit lästigem Gedächtnis"; aber bald werde es sie nicht mehr geben.
Sempruns Gereiztheit verteidigt die eigene erlebte, konkrete Erfahrung und Erinnerung (aber auch deren literarische Gestaltung!) gegen die vermeintlich besserwisserische, davon abstrahierte historische Wissenschaft. Insbesondere im Hinblick auf die Rolle, welche die illegale, subversive Macht der in Buchenwald höchst einflussreichen KPD bei der Verteilung der Arbeit spielte, ist gefragt worden, ob dabei nicht linientreue Genossen bevorzugt, Dissidenten und Nicht-Genossen benachteiligt wurden, ja: auch in den sicheren Tod durch mörderische Arbeit geschickt wurden. Buchenwald war zwar kein nazistisches Vernichtungslager wie Auschwitz oder Treblinka; aber die "Vernichtung durch Arbeit" war auch in Buchenwald und seinen Außenlagern, vor allem Dora, wo V2-Raketen hergestellt wurden, an der Tagesordnung.
Die nie von ihm verschwiegene Tatsache, dass der junge rotspanische Genosse, der zudem deutsch sprach, bald nach seiner Ankunft unter die Obhut der deutschen Genossen kam und - in der Bürostubenluft der "Arbeitsstatistik" - dem Außendienst entzogen wurde, sodass er in der Lagerbibliothek Hegel und Schelling oder William Faulkner lesen, also seine philosophischen und literarischen Studien fortsetzen konnte, hat ihn bei manchen in den Verdacht einer "privilegierten" KZ-Lebensweise gebracht. Es will mir scheinen, dass Semprun mit seiner jetzigen ultimativen imaginären Rückkehr nach Buchwald eben solchem Misstrauen durch eine präzise Positionsbeschreibung seiner Existenz entgegentreten will.
Die mehrmaligen Hinweise auf seine zwar im Vergleich zu der Mehrzahl der anderen Häftlinge, herausgehobene und "geschützte" soziale Position, aber seine dennoch, was die minimale Verpflegung angeht, "plebejische" Gemeinschaft mit allen anderen, deuten auf diese Intention hin. Er hatte "Glück" und stand doch "dazwischen". Erst recht aber weisen die vielfachen Anmerkungen zur soziologischen Struktur und die Machtpyramide innerhalb des Lagers auf diese (selbst-)aufklärerische Absicht hin. Das Machtgefälle, innerhalb dessen über Tod und Leben entschieden wurde, reichte von der SS-Spitze über die KPD-Organisation zu den jeweils nationalen Gruppierungen bis zum Bodensatz der "Muselmanen" - also jenen Häftlingen, die sich physisch und psychisch aufgegeben und fatalistisch ihrem Ende entgegenstarben, wie Sempruns verehrter akademischer Lehrer Maurice Halbwachs, über dessen Ende er schon in "Was für ein schöner Sonntag" und in "Schreiben oder Leben" erzählt hatte.
Die "alten" deutschen Genossen - manche von ihnen hatten Buchenwald 1938 errichtet und seither dort überlebt -, nannten das Lager 1944/45 in einer Mischung aus Stolz und Zynismus ein "Sanatorium", im Vergleich zu dem, was sie zuvor dort erlebt hatten. Es ist dieser interne Konflikt und Aspekt - nämlich das Oszillieren von Widerstandsstolz, subversiver politischer Organisation und bürokratischer Zynismus - , den Semprun in "Der Tote mit meinem Namen" erzählerisch und reflektierend besonders in den Blick nimmt. Philosophisch gesprochen: wo das Gute vom Bösen affiziert, und moralisch: wo spontane menschliche Güte vom versteinerten Kalkül eingeschränkter Solidarität ausgeschlossen wird - wo also der "Wärmestrom" der brüderlichen Barmherzigkeit mit dem "Kältestrom" totalitärer Verhärtung zusammenstößt.
Parabolisch verdichtet wird dieser Grundkonflikt über die Frage menschlicher Würde und moralischer Integrität im Augenblick tödlicher Bedrohung in der zentralen erzählerischen Metapher eines inszenierten Identitätstauschs. Beunruhigt von einer Anfrage der Berliner Gestapo nach dem Verbleib Sempruns in Buchenwald, beschließt der deutsche kommunistischen Untergrund, der davon Kenntnis bekam, den bedrohten spanischen Genossen zu retten: er soll, neben einen sterbenden gleichaltrigen französischen "Muselmann" platziert, nach dessen Tod unter falschem Namen im Lager weiterleben.
Der Namens- & Identitätstausch wird aber nicht notwendig, weil - wie sich am Ende herausstellt - es Francos Botschafter in Paris war, der sich besorgt nach dem "Rotspanier" Semprun erkundigt hatte. Das aber bringt ihn in Schwierigkeiten mit seinen misstrauischen deutschen Genossen, die ihn einem stalinistischen Verhör unterziehen. Sempruns republikanischer Vater muss wohl den ihm aus Vorbürgerkriegszeiten bekannten Diplomaten Francos um menschliche Hilfe gebeten haben. Diese Vermutung (und dass man den jungen Genossen für die väterliche Intervention nicht verantwortlich machen könnte) "rettet" ihn. Er hat "wieder einmal Glück" gehabt.
Aber diese Irritation des kommunistischen Apparates in Buchenwald ist schon ein Vorschein jener stalinistischen Paranoia des fingierten Verrats in den "Säuberungsprozessen" der 50iger Jahren, denen zahlreiche kommunistische Überlebende der KZs zum Opfer fielen. Als "Überlebende der Lager galten sie als schuldig (...) Das eigentliche Verbrechen all dieser Männer war jedoch", resümiert Semprun, "dass sie nach dem Spanischen Bürgerkrieg in den europäischen Widerstandsbewegungen, weitab von der Vormundschaft Moskaus, eigenmächtig gelebt, gekämpft, Gefahren auf sie genommen und Initiativen ergriffen hatten".
Am Beispiel des tschechischen Buchenwald-Genossen Josef Frank, der zu absurden Selbstanschuldigungen gepresst und als "Gestapo-Kollaborateur" hingerichtet oder des deutschen Ernst Busse, der im Gulag umkam, erinnert Semprun an die Tragik der Überlebenden.
Aber im erzählerischen Zentrum des wie immer bei Semprun sprunghaft, assoziativ die Zeiten wechselnden Buchs steht die Freundschaft zu dem "Muselmann" Francois L., dem gleichaltrigen Pariser, der das "Glück" Sempruns nicht hatte und erschöpft, erschlagen dem Tod entgegendämmert. Schon einige Zeit bevor er nichts ahndend sich zu ihm auf die Pritsche legt, um in seinen Namen weiterleben zu sollen, war ihm Francois schon aufgefallen. Er hatte ihn in der Latrinenbaracke aufgesucht, sie waren ins Gespräch gekommen, hatten sich sogar über ihre Leben ausgetauscht, diese zwei jungen Intellektuellen - und dabei über Blanchot, Camus und Merleau-Ponty gesprochen. Nur über Giraudoux und Faulkner konnten sie sich nicht einigen. Im Streit über Faulkner kam "etwas Persönliches ins Spiel" - Sempruns Eifersucht nämlich, weil er den Eindruck gewinnt, Francois sei im besetzten Paris von der gleichen jungen Frau wie er auf den amerikanischen Schriftsteller hingewiesen worden. Und der Eifersuchtsstich wiederholt sich, als der Überlebende im Nachkriegs-Paris wieder mit der jungen Frau zusammentrifft und ihm zu peinigenden Gewissheit zu werden scheint, dass sie womöglich Francois´ Geliebte war - nicht aber seine wurde. Denn das Geheimnis, von dem die schöne junge Frau nichts ahnt, wird von Semprun nur mit literarischer Diskretion angedeutet.
Das ist der radikal intimste Moment des ganzen Buches, das womöglich als letztes Wort über Buchenwald sich in den literarischen Kokon einer "Privaten Mythologie" einspinnt - wenn der große Schriftsteller Semprun den Beginn seiner schreibenden Existenz als Imitatio einer der letzten Wunschgedanken des sterbenden Francois L. behauptet. In der "Großen Reise" hatte sich der Erzähler Gérard als Reisegefährten im dem Viehwaggon nach Buchenwald "den Jungen aus Semur" erfunden, der auf der Reise stirbt. In "Schreiben oder Leben" hatte Semprun die suggestiv gegenwärtige Figur des "Jungen aus Semur" als narrative Projektion seines Debütromans erklärt. Nun, im "Toten mit meinem Namen", geht er noch einen Schritt weiter, um seine menschliche Verbundenheit mit den "Untergegangenen" mythologisch zu besiegeln.
"Wenn ich davon komme, werde ich bestimmt etwas darüber schreiben", habe ihm der todkranke Francois L. gesagt: " Aber wenn ich einmal schreiben sollte, werde ich in meinem Bericht nicht allein sein, ich werde mir einen Reisegefährten erfinden (...), dann werde ich dich in meinem Bericht aufnehmen. Darf ich das?", fragt er Semprun. "Aber du weißt doch nichts von mir", habe ihm dieser entgegengehalten. Und Francois habe geantwortet, er wisse genug, um eine fiktive Figur aus ihm zu machen: " Denn du wirst eine fiktive Figur werden, auch wenn ich nichts erfinde!" Fünfzehn Jahre später habe der Überlebende die "Große Reise" in der Begleitung des fiktiven "Jungen aujs Semur" angetreten: "In der Fiktion haben wir diese Reise gemeinsam gemacht, in der Wirklichkeit habe ich auf diese Weise meine Einsamkeit ausgelöscht. Wozu Bücher schreiben, wenn man die Wahrheit nicht erfindet? Oder, noch besser, die Wahrscheinlichkeit?" (Semprun).
Von Wolfram Schütte
Jorge Semprun: "Der Tote mit meinem Namen".
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2002,
Gebunden. 203 Seiten. 18.90 Euro
ISBN 3518413252