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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:37

 

Bill Broady: Schwimmerin

23.02.2004





Butterfly, Butterfly




 

Die belletristische Dependance des klassischen Sachbuchverlags C.H. Beck hat schon manche literarische Entdeckung zutage gefördert, an der die großen deutschsprachigen Belletristik-Verlage vorbeigegangen waren: z.B. Paula Fox („Was am Ende bleibt“ & „Kalifornische Jahre“) oder Charles Simmons („Salzwasser“ & „Lebensfalten“) – beide aus den USA; oder John Bayleys ergreifende persönliche Erinnerung an seine Frau, die Schriftstellerin Iris Murdoch („Elegie für Iris“) - ein Buch, das einem gelebten Liebesroman nachgeschrieben ist, als sei´s ein Werk der Fiktion.

Jetzt hat der Verlag deutsche Leser mit einem weiteren englischen Autor bekannt gemacht: Bill Broady, einem Newcomer, 1955 in York geboren, der 2000 in GB mit der nun von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann tadellos übersetzten „Schwimmerin“ debütierte. Das Buch sei in Großbritannien „heftig diskutiert“ worden, teilt uns der deutsche Verlag mit, jedoch nicht: wie warum weshalb.

Muss auch nicht sein, bilden wir uns unser eigenes Urteil. „Schwimmerin“ ist ein „Sportler“-Roman, wie Alan Silltoes einst berühmte und genial verfilmte Erzählung „ Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“. „Sportler-Roman“ ist natürlich kein Genre wie der „Künstlerroman“, der den literarischen Erzählern natürlicherweise näher steht als die Lebenswelt des physischen Hochleistungssports. Der Sport, als Fokus von Aufstieg und Verfall eines menschlichen Lebens, ist erst in den letzten Jahrzehnten den Karrieren in der Wirtschaft, Politik oder Medien (von Balzac bis Scott Fitzgerald) erzählerisch zu Seite gestellt worden, wenngleich man z.B. Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ eher mit Wittgenstein als mit Sepp Maier vor Augen lesen muss.

Bill Broady behauptet zwar, mit einer Leistungsschwimmerin liiert gewesen zu sein, aber wenig von ihr zu ihrem Sport erfahren zu haben. „Nichts von dem, was ich dir erzählt habe, hast du benutzt. Dafür steht all das in dem Buch, was ich nie ausgesprochen habe,“ habe sie ihm über „Schwimmerin“ gesagt. Das soll wohl heißen: durch seine Phantasie und Einfühlungsgabe bringt der britische Schriftsteller zu Sprache, was Sportler nicht ausdrücken können. Das klingt etwas zu penetrant nach Selbstlob, ist auch unerheblich, weil nur der erste Teil des schmalen Romans von der Einsamkeit der Schmetterlingsschwimmerin mit ihrer Obsession handelt. Die zwei anderen Teile des mit Tempo & Verve erzählten schmalen Romans spielen in der Model- & Medienwelt der Thatcher-Ära und in der Hochsicherheitspsychiatrie, wo die namenlose Heldin mit knapp 25 Jahren ihrem frühen Tod entgegendämmert.

Broady ist literarisch hoch ambitioniert: „Deine ersten und letzten Erinnerungen waren an Schmetterlinge“, lautet der erste Satz, und die symbolische Bedeutung des Schmetterlings, griechisch „Psyche“, samt dem torkelnden Schwebezustand in luftiger Existenz und als Allegorie der Verwandlung und des Todes ist ihm vertraut. Dass die Schwimmerin zwischen dem Wasser und der Luft schweben will, prädestiniert sie zum Schmetterlingsstil, der kraftraubendsten Schwimmsportart, mit der sich die Athleten immer wieder für kurze Augenblicke aus dem Wasser in die Luft schwingen. Broady spielt das physische und mythologische Bedeutungsfeld voll aus, schafft dadurch eine fast durchgängige doppelbödige erzählerische Dichte, die Leben & Tod der jungen Frau umfangen, welche vergeblich darauf hoffte, wie in Apuleius Märchen von „Amor und Psyche“, der großen Liebe entgegengeweht zu werden. Statt dessen senkte sich am Ende ein großer Schmetterling auf ihre Brust – „und seine schillernden Flügel (umfingen) dein brechendes Herz“.

Glück hat sie nur einmal wirklich erlebt, als sie unter unendlichen Schmerzen bei den Commonwealth-Meisterschaften allen anderen wie in Trance davonschwamm: „Du hattest das Gefühl, als würdest du schwimmen, um für alle wieder alles in Ordnung zu bringen: Du schwammst für Dad, damit du wieder auf seinem Schoß sitzen durftest, für Mum, damit sie ihren Gin wegschüttete, für Tom, damit er dich küßte, und für den Coach, damit er es nicht tat, für Karen, damit es ihr wieder gutging, für die Waterloo Station, damit sie die Polizisten und Diebe loswurde“.

Aber der einmalige Triumph ist nicht zu wiederholen, ihre Leistungen fallen ab, die noch jüngeren Konkurrentinnen ziehen an ihr vorbei, sie wird „ausgemustert“ und wechselt in die Hände eines Sportlervermarkters, der das hübsche Mädchen als Model für alle nur möglichen Promotions vermittelt und ihr eine optische Popularität verschafft, die ja auch bei uns – siehe Franziska von Almsick oder Katharina Witt – an der Medien-Tagesordnung ist. Aber erst als ihr Agent sie einem Pornofilm-Mogul zuführt, rebelliert sie gegen diese äußerste Erniedrigung zum „Luder“ ihrer (Selbst-) Vermarktung und besiegelt mit ihrer rabiaten Weigerung das Ende ihrer öffentlichen Karriere als Cover-Girl für Milch- & andere Konsumprodukte. Früh schon von den Eltern allein gelassen, immer ohne Freunde und Vertraute, wird aus der „Psyche“ ein Fall für die Psychiatrie, die sie so gnadenlos traktiert wie das Leben in der brutalen Raff- & Verzehr-Gesellschaft des britischen 80er Jahre.

Der erzählerische Clou von Bill Broadys „Schwimmerin“ ist der „Vokativ“. Der „Vokativ“? Der „Anredefall“, den es im Lateinischen gibt, nicht aber im Deutschen. Das Buch wird nämlich von A bis Z in der Du-Form erzählt, ein ungenanntes Etwas von Erzählerstimme ruft der namenlosen Schwimmerin ihr Leben auf – und genauer genommen & gesagt: nach. Es ist ein Nachruf, den Broady auf seine tragische Heldin spricht & schreibt. Dieser meines Wissens noch nie vollständig benutzte Fall einer durchgängigen Du-Anrede erlaubt es aber dem Autor, seine auktoriale Erzählweise, die ihm sowohl Innen- wie Außenperspektiven, sowohl satirische Beschreibungen wie glossierende Kommentare erlaubt, hinter dieser ungewöhnlichen, sowohl irritierenden wie auch manchmal besserwisserisch wirkenden Manier zu verstecken. Aus der Spannung von äußerster emphatischer Intimität im anredenden Du und abgehobenen, wenn nicht sogar hoch erhobener Distanz durch Viel- & Vorauswissen, entsteht eine ganz eigene Sprach - & Wahrnehmungsweise. Sie changiert zwischen mitleidlosem Lebensprotokoll und Passionsgeschichte. Ästhetisch „gelungen“ ist das nicht; aber doch aufregend zu lesen.


Wolfram Schütte



Bill Broady: Schwimmerin. Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Verlag C.H.Beck, München 2001. 128 Seiten, 14.90 Euro

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