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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:37

 

Philip Roth: Der menschliche Makel

23.02.2004




Hinreißende Bilanz der 90er





 

Hätte Monica Lewinsky ihr blaues Kleid mit dem Samenfleck nur reinigen lassen, Bill Clinton wäre besser aus der Blow-Job-Affäre mit seine Praktikantin gekommen. Das Beweisstück seines „menschlichen Makels“ hätte gefehlt. Nichts hat den amerikanischen Schriftsteller Philip Roth, der sich mit 22 Romanen in 41 Jahren (ein wahrer Romanaholic) an den Literaturnobelpreis herangeschrieben hat, mehr empört, als dass „im Sommer 1998 der Brechreiz zurückkehrte“ und „Männer wie Frauen beim Aufwachen feststellten, daß sie im Schlaf... von Bill Clintons Unverfrorenheit geträumt hatten“.

Aber es war nicht der Präsident „und eine verknallte, draufgängerische einundzwanzigjährige Angestellte“, die sich im „Oval Office wie zwei Teenager auf einem Parkplatz“ verhalten hatten, was Philip Roth so sehr anekelte. Sondern es war die „Ekstase der Scheinheiligkeit im Kongreß, der Presse und im Fernsehen“, wo „selbstgerechte Heuchler auf den Hauptribühnenplätzen... besessen waren von dem `Geist der Brandmarkung´“, den Nathanael Hawthorne, der nicht weit von Philip Roths Haus in den Neuenglandstaaten Mitte des 19.Jahrhunderts gelebt hatte, in dem Roman „Der scharlachrote Buchstabe“, als Ausdruck einer puritanischen Hexenjagd zum erstenmal beschrieben hatte.

Wie Zola vom „Dreyfuß“-Skanadal sich zu seinem berühmten Artikel „J´accuse“ provozieren ließ, so der Autor von (zuletzt) „Eine amerikanische Pastorale“ und „Mein Mann, der Kommunist“ nun zum letzten Band seiner „Amerikanischen Trilogie“. Philip Roths „ Der menschliche Makel“, in jeder Hinsicht eine hinreißende, zornerfüllte und bewegende Bilanz der 90iger Jahre in den USA, schließt nun, nach seinen Exkursionen in die Fünfziger & Sechziger Jahre, mit seinem Sittenbild der späten Neunziger die fabulöse Trilogie ab. Dabei reicht „Der menschliche Makel“ weit in die Siebziger-, Achtziger Jahre zurück, als die US-Gesellschaft emanzipatorische Projekte, wie den Kampf gegen Rassismus und für die Anerkennung von Minderheiten, zügig vorantrieb.

Er habe geträumt, heißt es schon auf den ersten Seiten des Buchs, auf denen wir noch nicht wissen, dass sein später erst namentlich wieder einmal erwähntes Alter-ego Nathan Zuckerman hier spricht, in jenem Sommer 1998, als Clintons Impeachment lief, dass „von einem Ende des Weißen Hauses zum anderen ein gewaltiges Spruchband gespannt war, auf dem stand: HIER LEBT EIN MENSCHLICHES WESEN“. Natürlich ist der Autor von „Sabbaths Theater“ auf Seiten Clintons; aber vor allem ist er gegen Clintons Gegner: die moralistischen Pharisäer und die Schriftgelehrten der political correctness - der Linken wie der Rechten. Verfolgt sieht er von beiden den „amerikanischen Traum“ vom bedingungslosen Individuum, und dessen Wunsch, nur ganz allein sich selbst zu sein. Diese liberale Utopie vom selbstbestimmten Neuanfang jedes nach individuellem Glück verlangenden Menschen, wird für Philip Roth in diesem scheußlichen Sommer zu Strecke gebracht. Keine Zukunft für diese Illusion der Freiheit.

Aber der erfindungsreiche, leidenschaftliche Phantast zerrissener Charaktere schreibt sein „J ´accuse“ nicht als Essay, sondern als einen personenreichen, allegorischen Roman; als der große Erzähler, der er ist – und wenn er eine seiner handelnden Personen, die Romanistin Delphine Roux, bei Milan Kundera in die Schule gehen lässt (was für eine wunderbare kollegiale Hommage!), dann heißt das auch: Roths „Menschlicher Makel“ ist mit allen Wassern des modernen essayistischen Romans gewaschen. Er erlaubt sich alles, weil er sich, souverän wie er ist, alles erlauben kann: Polemik und Recherche, Kriminalhandlung und Reflexion, Tragödie und Pastorale.

Coleman Silk, der hochverdiente Professor für klassische Literatur und erste Jude, der in den USA über die griechischen Klassiker lesen durfte, hat nach einer glanzvollen Karriere mit Schimpf & Schande sein „Athena-College“ verlassen müssen. In seinem sechzehnjährigen Dekanat hatte er das verschlafen-verschlampte Neuengland-College durch seine hohen akademischen Ansprüche zu einer Ersten Adresse gemacht. Nun ist er über eine hingeworfene Bemerkung zum Paria geworden. Als er zwei zwar bei ihm eingeschriebene, aber nie in seinen Seminaren aufgetauchte Studenten durchaus naheliegend „spooks“ nennt – Spukgestalten, die ein Slawist mit Gogol „Tote Seelen“ genannt hätte -, gehen die Nichtsnutze zum Gegenangriff über; das Wort hatte im Slang der Fünfziger Jahre auch einen pejorativen Beiklang als abfällige Bezeichnung für Schwarze. Was Coleman nicht weiß: seine „spooks“ sind Schwarze.

Natürlich hatte der klassische Philologe dergleichen nicht im Sinn; im terroristischen Klima des formalisierten PC steht er aber unversehens als „Rassist“ da. Keiner seiner Kollegen tritt an seine Seite - weder die französische Romanistin Roux, die er an College geholt, noch der erste Schwarze, den er durchgesetzt hatte. Niemand tritt der offenkundig ehrabschneiderischen Unterstellung entgegen. Weil Coleman Silk eine Entschuldigung verweigert – sie hätte ja seine Schuldhaftigkeit vorausgesetzt -, muss er gehen. Der Altphilologe, geschlagen vom Schicksal, folgt seinen griechischen Tragikern nach, kurz darauf stirbt ihm aus Gram seine Frau.

Der empörte Witwer sucht den Schriftsteller auf, der über Unrecht & Leid, das Coleman Silk widerfahren ist, schreiben soll. Die zwei Alten werden zeitweilig Freunde; der nach einer Prostataoperation impotente Zuckerman hilft der schmählich isolierten Koryphäe über ihre erste Verzweiflung hinweg, sie verlieren sich dann aber wieder aus den Augen - bis Coleman bei dem bekannten Autor zwei Jahre später wieder auftaucht, um ihn erneut um Hilfe zu bitten. Der Einundsiebzigjährige offenbart Zuckerman sein leidenschaftliches Verhältnis mit der vierunddreißigjährigen College-Putzfrau Faunia Farley, von der es heißt, sie könne noch nicht einmal lesen. Anrüchig ist sie ohnehin: durch ihre Schuld waren ihre zwei kleinen Kinder bei einem Hausbrand ums Leben gekommen, und ihr geschiedener Mann, ein psychisch zerstörter, verbitterter und gefährlicher Vietnam-Veteran, stellt ihr immer noch nach. Erst recht, wenn er sich vorstellt, dass & wie sie mit dem „alten Juden“ verkehrt.

Coleman Silk – man tut recht daran, bei diesem Namen die Ohren zu spitzen. Denn er klingt wie Black & White – und mit einer Verve sondergleichen buchstabiert sich Zuckerman in die Biografie seines Freundes zurück. Der ist nämlich weder Jude noch ein Weißer; sondern ein hellhäutiger Schwarzer, der eine „Reise durch das Leben im Inkognito“ absolviert hat und als „Pionier des Ichs“, nach der Devise „Jeder ist seines Glückes Schmied“, die Wurzeln seiner Herkunft radikal gekappt und seiner Mutter verboten hatte, je wieder Kontakt mit ihm aufzunehmen. Allein diese wahnwitzige Biografie zwischen den Ansprüchen des „Wir“ und den Wünschen und dem Hakenschlagen des „Ichs“, das sich selbst erfinden will, ist von meisterhafter Hell- & Einsichtigkeit in einen unvergesslichen Charakter, der zum Inbild einer Generation wird. So hat Coleman seinen „Makel“ der Geburt getilgt, sich rein- und weißgewaschen und wurde, was er sein akademisches Leben über war: eine Respektsperson, die nun zuletzt auch noch, wegen ihrer Viagra-Eskapaden, den Respekt seiner Kinder verliert. Selbst seine Frau wusste nicht, mit wem sie es „ursprünglich“ zu tun hatte, geschweige denn seine weißhäutigen Söhne, die hoch auf der Stufenleiter des Erfolgs stehen und jetzt den „unwürdigen Greis“ verachten.

Dass der weiße Jude, der ein „abgedukter“ Schwarzer ist, wegen einer niemals so gemeinten abfälligen Bemerkung über zwei nichtsnutzige Schwarze buchstäblich wie eine respektable Eiche gefällt wird: das ist die abgründigste Groteske des politisch-korrekten Reinlichkeitswahns, die sich Philip Roth in seinem hellsichtigen Furor hat einfallen lassen: als Menetekel. Der „Makel des Menschlichen“ - also des Hinfälligen, Hässlichen, Schuldhaften –, der aber verdrängt & verschwiegen wird, zeichnet alle in diesem großen Reigen der bösartigen Kleinlichkeiten und der wiederholten „Ekstasen der Scheinheiligkeit“, privater so gut wie öffentlicher. Da Philip Roth seine „Szenen aus der Provinz“ (Balzac) als Recherche Zuckermans angelegt hat, kann er – wie in einem Kriminalroman – Schicht um Schicht der verborgenen Wahrheiten der Personen offen legen; und weil er dabei die Perspektiven wechselt, erscheinen seine Personen in wechselnder Beleuchtung und werden dadurch immer reicher & widersprüchlicher instrumentiert, so dass man als Leser seine Sympathie und Antipathie auch immer wieder wechseln muss. Was für eine wundervolle Zwangslage, in die uns Philip Roth versetzt, um über uns selbst im Spiegel seiner Personen und ihrer Handlungen und Unterlassungen nachzudenken!

So entsteht intimste Anteilnahme, die auch die neben Coleman abgründigste Figur umschließt: den psychotischen Les Farley. Mit ihm, dem Mörder Colemans & Faunias, hat Philip Roth dem „entkernten“ Vietnam-Veteranen ein beunruhigendes literarisches Denkmal gesetzt (wie Michael Cimino mit seinem Film „The Deer-Hunter“). Als Zuckerman im grandiosen Showdown des „Menschlichen Makels“ den einsamen Eisloch-Angler Les Farley auf dem zugefrorenen See verlässt, weiß der Mörder, dass einzig der Schriftsteller von seiner Tat Kenntnis hat. „Ihr Buch. Schicken Sie´s mir“, ruft ihm der bedrohlich ruhige Angler nach. „Sie kriegen es. Es ist schon so gut wie unterwegs“, antwortet der Schriftsteller doppeldeutig – und fährt dann fort: „Er war hinter mir und hielt den Bohrer in der Hand, als ich mich langsam in Bewegung setzte. Es war weit vom Ufer. Und wenn ich es auch bis dorthin schaffte, so wußte ich doch, daß die Zeiten, da ich ungestört allein in meinem Haus leben konnte, vorüber waren. Ich wußte, daß ich, sobald das Buch erschienen war, anderswo würde leben müssen“.

Vergessen wir auch hier zuletzt den Dank an den Übersetzer Dirk van Gunsteren nicht, der uns das außerordentlich bewegende, intelligente und spannende Vergnügen an diesem chef d´oeuvre Philip Roths ermöglicht hat.


Wolfram Schütte



Philip Roth: Der menschliche Makel. Roman. Aus dem Englischen von Dirk von Gunsteren. Hanser Verlag, München 2002, 400 Seiten, 24.90 Euro.

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