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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:37

Joey Goebel: Heartland

17.08.2009

Nie mehr lügen - irgendwo mitten in Amerika

Joey Goebel hat in Heartland leider viel von seinem anarchischen Charme eingebüßt, der noch seinen Erstling Freaks ausgezeichnet hatte. Von ANSELM BRAKHAGE

 

Rotzfrech und voller anarchischem Geist hatte Joey Goebel 2003 im zarten Alter von 23 mit seinem schmalen Roman Freaks debiütiert. Nach Vincent ist Heartland nun der dritte Roman von Goebel, mit über 700 Seiten um ein Vielfaches umfangreicher als sein Erstlingswerk; und um es vorwegzunehmen: weniger wäre mehr gewesen.

Blue Gene Mapother verbringt seine Tage als Flohmarkthändler mit dem Verkauf von Spielzeug, oder sollte man besser sagen: mit dem potenziellen Verkauf? Denn da geht kaum etwas in dem (fiktiven) Städtchen Bashford, irgendwo inmitten von Amerika. Der lahmende Umsatz steht stellvertretend für die Ereignislosigkeit und Tristesse in Blue Genes Leben: „Solange er zurückdenken konnte, hatte sich Blue Gene Mapother nicht wohl gefühlt“, erfahren wir im ersten Satz. „Auf seinem schier endlosen Leidensweg musste er immer wieder an den Rat denken, den ihm das Familienoberhaupt erteilt hatte: ‚Warum tust Du nicht einfach so, als wärst Du glücklich?‘“

Goebel scheint es ernst zu meinen mit der authentischen Abbildung von Blue Genes trostlosem Alltag. So erschöpfen sich die ersten Seiten weitgehend mit der detaillierten und unprätentiösen Schilderung des immergleichen Trotts. Bewegung kommt erst auf, als seine Mutter an seinem Flohmarktstand aufkreuzt und nach mehrjähriger Funkstille mit ihm ein familiäres Treffen vereinbaren möchte. Widerwillig stimmt Blue Gene zu. Fortan dreht sich fast alles um die schrittweise Entblätterung des komplizierten Familiengeflechts zwischen Blue Gene, seinen Eltern und seinem Bruder John, der – mitten im Wahlkampf stehend – hohe Weihen in der Politik anstrebt. Neben dem schonungslosen Blick in den verlogenen innerfamiliären Mikrokosmos verwendet Goebel viel Energie auf die Demontage des Selbstbildnisses von Amerika. Eingebettet – mitunter etwas plump – wird dies in das Wahlkampfgeschehen, bei dem Bruder John und Vater Henry natürlich das erzkonservative Amerika mit seinen traditionellen Werten von Stärke, Freiheit und Glauben verkörpern – ein ebenso ergiebiges und von Goebel weidlich ausgeschlachtetes Feld für hemmungslose Verlogenheit.

Unerwartet traditionelle Muster

Das könnte sich alles auch durchaus gut zusammenfügen, wenn Goebel es einem nicht allzu oft in etwas penetranter Manier aufs Butterbrot schmieren würde. Er muss die Handlungsweisen seiner Protagonisten nicht ständig mit überlangen Dialogen erklären. Warum traut er nicht seiner Gabe, Geisteshaltungen in kurzen Äußerungen oder kleinen Gesten zum Ausdruck zu bringen, so wie ihm dies in Freaks so wunderbar gelungen ist. Auch beim Plot verfällt er in unerwartet traditionelle Muster. Eine ergiebige Grundkonstellation und ein roter Faden, dem man (weitgehend) folgen kann, sind durchaus vorhanden. Um den zu erkennen, muss er aus dem Faden kein Seil mit Geländer machen; wir wären auch so nicht vom Weg abgekommen. Den zunächst gelungenen Effekt einer Reihe origineller und schöner Wendungen schwächt er leider mehrfach wieder ab, wenn er an anderer Stelle über das Ziel hinausschießt und einen mit wenig glaubwürdigen Entwicklungslinien aus der Geschichte reißt.

Da Goebel trotz aller dieser offenkundigen Mängel grundsätzlich über genügend Substanz und einen großen Ideenreichtum verfügt, bleibt das Buch lesenswert. Man wünscht sich nur, dass er in seinem nächsten Werk wieder viel mehr aus den Zeilen in den Raum dazwischen verlagert und nicht versucht, seinen anarchischen Charme und rebellischen Elan in ein konventionelles Gewand zu pressen: Dieser Versuch muss von Anfang an zum Scheitern verurteilt sein.

 

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