Nach dem mit Staunen bewunderten Groß-Roman „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ (1994) hat Peter Handke durch seine drei schmalen Reisebücher in das Serbien Milosevics (1996/99) viel von dem Kredit verspielt, den er sich mit dem mehr als tausendseitigen „Märchen aus den neuen Zeiten“ erworben hatte. Abgesehen von der offensichtlichen politischen Parteinahme für „das bekriegte Serbien“, war es vor allem der polemische Furor, den er gegen „den kapitalistischen Westen“ mobilisierte und seine Kriegserklärung an den Bild- & Wortjournalismus, dem er vorwarf, „falsche“, weil voreingenommene, und „lügnerische“ Bilder von der jugoslawischen Realität zu produzieren, die Handke bei Lesern, Kollegen und Rezensenten Sympathien kostete. Dagegen stellte der österreichische Autor, der sich seine „slawische Herkunft“ zugute hielt, seine poetischen Reise-Bilder von serbischem Land & Leuten, die er mit eigenem Auge & Ohr „vor Ort“ gesehen & gehört, also der Wirklichkeit abgenommen hatte.
Ebenso ethisch bedenklich wie poetologisch bedenkenswert wurde aber damit die Frage nach der erkenntnisfähigen Reichweite und der Wahrnehmungsdichte von Handkes „seherischer“ literarischer Bilder-Produktion, die er am lebenden Objekt eines ethnischen Vernichtungskriegs praktizierte. Mancher, wie der Rezensent, fühlte sich angesichts des Hohen Lieds, das Handke auf das (ihm) „gastfreundliche“, arme und „friedliche“ serbische Volk anstimmte - gegen das die gesamte „westliche Welt“ in Handkes Augen einen Krieg führte - an Dürrenmatts treffsichere Bemerkung zu Brecht erinnert, der „unerbittlich denkt, weil er unerbittlich an manches nicht denkt“. Handkes Unerbittlichkeit war sein „Sehen“.Was haben nun aber Handkes jugoslawische Don-Quichoterien mit dem „großen Sehnsuchtsbuch“, dem „Menschenbuch“ zu tun, als das uns der Verlag nun „Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos“ anpreist. Sehr viel; soviel, dass man schon blind sein müsste, um nicht zu sehen, dass für diese umfängliche Roman-Phantasie von einer „größeren Zeit“ ganz gewiss die „kleinere“ vom Zerfall und Untergang Jugoslawiens und der agrarisch-dörflichen Lebensweise Pate gestanden hat. Von der Korruption, dem Verbrauch und dem „Verlust der Bilder“ durch die „Medien“ bis zur Drohung sowohl mit der „internationalen Geldwirtschaft“ als auch mit „fürsorglich“ über letzte Enklaven Weltflüchtiger in weltabgewandten Gebirgsenklaven hinwegdonnernde Bombergeschwader ist im „Bildverlust“ alles höchst präsent, was in den „unter Tränen fragenden“, aufgeregt-wütenden Reisebüchern-im-Kriege schon angesprochen worden warNur wird das alles „verschoben“, „übertragen“ oder vermystifiziert in ein angestrengt poetisches, ja eher poetisiertes Fantasy-Spanien, das jedoch leider nicht die mythische Erfindungsdichte von Swifts „Gulliver“ oder gar die lapidare humoristische Durchschlagskraft Cervantesker Don Quichotereien besitzt.Erst recht beschäftigt Handke in seinem „Bildverlust“ die Kardinalfrage seiner Poetik, was sie nämlich wider das falsche Sehen und vor allem „Kritisieren“ und „Aufklären“ von zugereisten „Berichterstattern“ (also Journalisten) an welt(er)haltender Tiefensicht leistet. Schließlich tritt der Autor, der „in der Mancha“ seine einsame Schreibwerkstatt aufgeschlagen hat, auch noch mit Cervantes und seine namenlose Heldin mit dessen Ritter von der traurigen Gestalt in einen edlen literarischen Wettstreit. Der Österreicher ist jedoch großherzig genug, dem Spanier den Lorbeer zu lassen.„Der Bildverlust“ ist Handkes ehrgeizigster Versuch, sowohl seine Eigenart der epischen Prosa poetologisch zu begründen und zu rechtfertigen – als auch sie zu erretten. Denn in der allseits bedrohlichen „Zwischenzeit“, in der so Vieles auf Nimmerwiedersehn im Verschwinden begriffen ist, geht Handkes poetische Grundlage, die unwillkürlich im träumerischen Bewusstsein aufblitzenden (In)“Bilder“ von Orten, die ihm „den Fortbestand der Welt“ verbürgten, radikal zuende. Schon Cézanne hatte ja deshalb zur Eile gemahnt. Das dicke Buch, das mit seinen 759 Seiten, enger bedruckt als die „Niemandsbucht“, diese auch an Länge übertreffen dürfte, ist ohne Zweifel eine Bilanz des Schriftstellers Peter Handke – und zwar in jeder Hinsicht.Ästhetisch hat Handke seine Erzählstrategien verfeinert, ja sogar ironisch erweitert und den schwerblütigen Stoff bis zur Grenze des Humoristischen raffiniert. Indem der Roman als „Auftragsarbeit“ angelegt ist - der „Autor“ (unverkennbar Handke) soll die Reise seiner namenlosen Heldin zu ihm in eine Erzählung verwandeln, mit der sie verschmelzen, in der sie eingehen möchte – kann er fast durchgängig selbstreflexiv Schreiben und Leben thematisieren, im Dialog von Auftraggeberin und Autor über Wortwahl, Sachverhalte oder Verschwiegenheiten beim Poetisieren der Welt vor den Leseraugen (ver)handeln. (An einer Stelle des Buchs lacht die „Auftraggeberin“ derart heftig über ihre angebliche „Verpflichtung“ des Autors, dass Handke offenbar signalisieren möchte, dass sie doch nur seine allegorisch vorgeschobene Ich-Instanz ist, was dem mit literarischen Tricks vertrauten Leser jedoch ohnehin schon schwante).Eine andere methodische Auflockerung versucht der zwiefache Autor, indem er „feindliche“ Stimmen und Texte, wie die des journalistischen Berichterstatters“, in den Textkorpus integriert, freilich als endlos salbadernde Monologe. Zu einer wirklichen epischen Ironie, die dem radikalen Bezweifeln der eigenen Position unkommentiert Raum gäbe, ist Handke jedoch nicht fähig. Der „feindliche“ Kommentator der merkwürdig sektiererischen Lebensgemeinschaften in der Sierra, wird einerseits als kindlich traumatisiert denunziert, andererseits entpuppt er sich, im Gipfelgespräch mit der Heldin, als euphorischer Konvertit, der schließlich in der Gemeinschaft dieser Heiligen ihrer letzten Tage leben will. Und für „episch“ hält Handke, der eine Abscheu vor „bloß äußerlichen Abenteuern“ hat, sein zweifellos (aber auch monoton) von ihm durchgehaltener rhythmischer Sprachduktus erzählerischer Ruhe und Zeitweile. „Episch“ bemerkenswert & literaturfähig hält er nur, wenn für ihn und seine Figuren „Äußeres und Inneres so wirklich wie wörtlich Hand in Hand gehen“. Nichts da von Döblinschem „Plantschen in Fakten“ oder dessen „Bewegung großer Stoffmassen“ durch den Epiker! Und schon gar nicht wird der an Karl May erinnernde Untertitel mit Abenteuer-Versprechen „Durch die Sierra de Gredos“ eingelöst. Nur keine falschen Hoffnungen, liebe Leser! Wie schon in der „Niemandsbucht“, zu der es hier mancherlei Verbindungen gibt, wird auch im „Bildverlust“ ein künstliches mixtum compositum von Vergangenheit (Karl V.), Gegenwart und Zukunft imaginiert, das an den „über“- & „allzeitlichen“ Möblierungsmüll bloß avantgardistischer Theaterinszenierungen gemahnt, dem Autor aber historischen und seherischen Tiefen- & Höhensinn zu erlauben scheint, in dem sich gut munkeln lässt.Da Reisen – vor allem zu Fuß - der immer wiederkehrende Grundtopos Handkescher Welterfahrung und innerlicher Weltverwandlung ist, lässt er seine namenlose weltbekannte Bankerin & „Finanzweltmeisterin“ von einer deutschen „Flußhafenstadt“ zu einer erst Flug-, dann Bus- und zuletzt Fußmarschreise nach Valladolid und die südwestlich von Madrid liegende Sierra de Gredos aufbrechen und am Ende (per Bus) im Mancha-Haus des Autors endlich zur Ruhe kommen, wo der gleichwie Cervantes sitzende Erzähler seine „wendische“ (warum wohl ? „slawische“) Don Quichoteska erwartet, damit sie ihm von ihrer märchenhaften, gefährlichen Entfernung von ihrem falschen Leben im Geldstrom erzähle, was uns dann beide als „Der Bildverlust“ von Peter Handke auf 759 Seiten vorlegen.Es ist die exemplarische Heiligenlegende einer „Sünderin“, ihrer schrittweisen Abkehr von der Welt der (Geld-)Macht und des Egoismus und ihrer Einkehr in die Erwartung „einer größeren Zeit“ der mitmenschlichen Teilhabe, der „wahren Liebe“ und des mystischen Enthusiasmus´ für den Frieden in der künftigen Welt. Zwar geht ihr auf dem Tiefstpunkt ihrer existentiellen Verlassenheit in der Sierra de Gredos (zwei Tage liegt die Abgestürzte & fast Verdurstende reglos im Farnkraut unter schlafenden Soldaten) - zwar geht ihr da plötzlich Trost, Schutz und die Weltvertrauen stiftende Kraft der Bilder endgültig verloren; nicht aber der Mut, behauptet sie, „bis zuletzt um ihr Leben zu kämpfen“, was immer das im Ungefähren der Handkeschen Poeterei heißen oder im „wirklichen Leben“ bedeuten mag. Denn dass sie erwägt, eine „Weltbank der Bilder“ zu gründen – nachdem diese Seinsgewissheiten ja ihr wie allen andern längst vergangen sind, soll wohl ein Handkescher Witz aus literarischem Übermut sein – und eine der vielen erzählerischen Ungereimtheiten des die eigenen Regeln spottenden Buches.An drei Stationen ihrer Reise durch das Hochgebirge – dem „Nuevo Bazar“, der Zeltstadt Pedrada und der hoch-tief gelegenen zeitenhobenen Enklave Hondareda – läßt Handke, pardon: „der Autor“, seine Passionara der Selbstfindung Weltverhaltensformen zwischen urbaner Moderne und dörflichem Archaismus erleben – mit einer ausführlichen Penetranz und fruchtlosen Sophisterei, dass es zum Gähnen ist. In dieser umständlich camouflierten Zeit-, Gesellschafts- und Wirtschaftskritik (bei der sowohl Daniel Cohn-Bendit einen Arschtritt als auch Joschka Fischer einen kurzen Auftritt zum Pissen erhält: humoristische Einsprengsel zum Feixen) erhebt Handke jedoch nicht rückhaltlos seine Stimme für das „Gute Alte“, das er zwar mit Trauer, aber ebenso mit Notwendigkeit untergehen wie das von den epiphanischen „Bildern“ einstmals gestiftete Welt-Vertrauen schwinden sieht. Jedoch ist Handke Goethische Weltfrömmigkeit offenbar nicht fremd (wie ja auch des „Meisters Wanderjahre“ und des „Faust II“ als Paten der Handkeschen Welt-Bilanz-Buchführung diskret gedacht sein soll: sapienti sat); und wo einst Ernst Bloch noch eschatologisch das Zauberwort Utopie orgelte, da klingt bei Handke dünnstimmig eine „Sehnsucht“ nach Versöhnung den Menschen zu ihrem Wohlgefallen nach.Da die reuige Heldin ihrer „Schuld“ buchstäblich laufend (nämlich in der Sierra) entgeht – der „Schuld“, bei einer früheren Sierra-Kraxelei als Schwangere, das Kind im Leib verflucht und die Weltwirtschaftsbankerei angestrebt zu haben –, ist es dem harmoniesüchtigen Autor nur recht, wenn sie in seiner Obhut, ebenso die entlaufene Tochter, nach einem Telefonat, zuhause im Norden wieder eingetroffen weiß - wie auch ihr aus dem Irgendwo irgendwie herbeigeflogener Mann in der Mancha ihr in die Arme fällt.Dabei sind doch beide als erzählerische Kontrast- & Neben-Motive im Roman mehr als nur stiefmütterlich, nämlich interesselos behandelt worden. Ein wenig besser erging es dem allerdings auch nicht vom Autor (diesem wie jenem) erzählerisch integrierten Bruder & seiner Geschichte. Er hat sich, nach Verbüßung eine Gefängnisstrafe wegen „Gewalt gegen Sachen“, als wütender „Feind des Menschengeschlechts“ in ein Land durchgeschlagen, in dem er nun als Soldat seine Mordswut loswerden will. Als er jedoch sieht, wie eine Mördergruppe, die auf eigene Rechnung im Krieg marodiert, einen unschuldig Badenden hinmäht, ist er von seinem Hass urplötzlich geheilt. Es ist, als wolle uns der pauschale Serbensympathisant Peter Handke damit en passant & diskret mitteilen, dass auch ihm ein „Bildverlust“ zugestoßen ist und er mittlerweile von dem mörderischen Treiben der serbischen Arkan-Milizen gehört habe. So steckt das Buch voller Merkwürdigkeiten Jedoch sein wortreich und verschlungen konstatierter „Bildverlust“, von dem er zuletzt behauptet, er habe sich „problemlos, fraglos und umweglos von alleine erzählt“ (was angesichts der dickflüssig-stockenden Mäandrierung des Romans einer erpressten Versöhnung ziemlich nahe kommt), stellt Cervantes´ „Don Quichote“ von den Füßen wieder auf den Kopf. Wo Cervantes seinen Helden im Finale seines Weltromans aus dem Traum erwachen lässt, beginnt Handke erst so recht zu träumen: von Versöhnungen und wunderlichen Errettungen und Wiederfindungen. Schläfrig hat er seine Leser jedoch schon hinlänglich zuvor gemacht.
Wolfram Schütte
Peter Handke: Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos. Roman. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M., 2002. 759 Seiten, 29.90 Euro.
ISBN: 3-51841-310-4