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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:38

 

António Lobo Antunes: Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht.

23.02.2004

Seelenlandschaft mit Clarinha

Der portugiesische Schriftsteller, dem schon oft erst in der Agonie seiner Personen das Leben rückblickend aufblühte & verglühte – also ein Kenner, wo nicht sogar Liebhaber von Todeszonen und Lebensabschieden -, hat seinen Roman „Zé“ gewidmet, „die schon eine Möglichkeit finden wird, dieses Buch zu lesen“. Zé ist die erste Ehefrau des Autors, deren Sterben er vor zwei Jahren begleitet hat.

 

Das Poem des walisischen Dichters Dylan Thomas, auf das der Titel des jüngsten Romans des portugiesischen Epikers António Lobo Antunes anspielt, beschwört, mehrfach mit den gleichen Worten wiederholt, Sterbende, nicht so „sanft“ (gentle) in „diese gute Nacht zu gehen“. Im letzten Vers fordert der Dichter seinen Vater auf, gegen das „Sterben des Lichts“ zu „wüten“ („Rage, rage against the dying of the light“). Dylan Thomas, der das Gedicht über seinen sterbenden Vater schrieb, ist sichtlich empört über das zarte Einverständnis des Sterbenden mit dem Tod; Elias Canetti, dem Tod feind wie wenige Schriftsteller, hätte das Poem sicherlich sehr gefallen: als lautstarker Protest eines Geistesverwandten gegen den „größten Skandal“ des Lebens: den Tod. Der portugiesische Schriftsteller, dem schon oft erst in der Agonie seiner Personen das Leben rückblickend aufblühte & verglühte – also ein Kenner, wo nicht sogar Liebhaber von Todeszonen und Lebensabschieden -, hat seinen Roman „Zé“ gewidmet, „die schon eine Möglichkeit finden wird, dieses Buch zu lesen“. Zé ist die erste Ehefrau des Autors, deren Sterben er vor zwei Jahren begleitet hat. Das ihr nun gewidmete Buch ist aber weder ihr Bio- noch Lobo Antunes Autobiografikum; auch keine fiktive Agonie (wie in „Die Vögel kommen zurück“ oder dem „Reigen der Verdammten“, zwei früheren Romanen des heute knapp Sechzigjährigen) dient in diesem jüngsten seiner 15 (!) Romane dem Epiker des Verfalls zum Standpunkt, von dem er das Netz seiner fast 600seitigen Erzählung ins Meer des Lebens wirft.

Es ist Maria Clara, zärtlicher: Clarinha, das Aschenputtel einer einst großbürgerlichen Familie, die hier erzählt; zumindest hauptsächlich sie. Aber Lobo Antunes lässt offen, ob sie, was sie erzählt, dem sozialen Verfall ihrer Familie nachbuchstabiert – der Urgroßvater: Großgrundbesitzer im kolonialen Mosambik, der Großvater noch portugiesischer General, der Vater nur noch Waffenhändler; oder ob sie diese portugiesische Genealogie in absteigender bürgerlicher Linie „nur“ halluziniert, ja erfindet. Es könnte ja durchaus sein, dass Maria Clara - oft abfällig als „Mann im Haus“ apostrophiert -, die hässliche Tochter, die nicht nur für ihre attraktive Schwester Ana, sondern auch für ihre debile Großmutter, die bigotte Mutter und den maladen Vater „Verantwortung trägt“ (vor allem für ihn, der sie ver- & missachtete!), sich wenigstens in ihrer phantastischen Vorstellung eine „Buddenbrook“-Familie erschafft – und wir als Leser wohnen diesem Schöpfungsakt bei.

Zwar hatte Lobo Antunes früher schon nicht als auktorialer Erzähler in seine mono- & dialogisierenden Wort-Oratorien kommentierend „eingegriffen“; nie aber sich in der Montage der sich widersprechenden Beschwörungen familiärer Vergangenheiten & Gegenwarten und ihrer Zeitschichtungen & -überblendungen so unsichtbar gemacht wie jetzt in diesem Roman.

Wie er die Dylan Thomassche „good night“ zur „Noite Escura“, zur „dunklen Nacht“ einschwärzte, so hat Lobo Antunes in diesem jüngsten seiner erzählerischen „Aufbrüche ins Unversicherbare“( H.E. Nossack) die Fundamente der epischen Bodenhaftung im Fiktiv-Realen nun derart ge- & verschliffen, dass mit Hegels Wort „in dieser Nacht alle Katzen grau“ werden. Mithin sieht der Leser keinen festen Grund mehr, von dem aus er noch glauben könnte, zwischen Wahrheit und Phantasma Maria Claras (innerhalb der Grenzen dieser Roman-Fiktion) unterscheiden, also seinen distanzierten Weg und eine Orientierung finden zu können, die ihn zum Betrachter dieses weitläufigen Albtraums machte. Er wird vielmehr auf Gedeih und Verderb zu dessen Teilhaber – falls er ihm nicht kopfschüttelnd fernzubleiben vorzieht und das radikal-anspruchsvolle Buch aus den Händen legt. Inside or out: etwas Anderes lässt die Enigmatik des literarischen Gangs in diese dunkle Prosa-Nacht nicht zu.

Die deutsche Kritik hat schon bei Lobo Antunes´ letzten Romanen („Das Handbuch der Inquisitoren“, „Portugals strahlende Größe“ und „Anweisung an die Krokodile“) ihre Zuflucht beim Referat der Personenkonstellationen, Örtlichkeiten und interpersonalen Konfliktstoffe gesucht; dabei sind diese Familiensagas in Land- und Stadthäusern, diese ins Politisch-Kriminelle, ins Erotisch-Perverse absinkenden Stories von Vätern & Söhnen, Müttern & Töchtern, Ehemännern, Ehefrauen und Geliebten, Herrschaft und Bediensteten vor dem Hintergrund der portugiesischen Geschichte und Gegenwart keine wirklich „interessanten“, fesselnde oder zur Anteilnahme einladende Erzählstoffe – wie im psychologisch-realistischen Erzähl-Roman. Sondern sie wurden, je mehr sie der Autor serialisierte, zu wiederholten konstruktivistischen Anhaltspunkten, ja: zum allgorischen Gitterwerk, an dem sich das Neu- & Andersartige der Lobo Antunesschen Roman-Poetik auskristallisiert.

Die abfällig gemeinte Bemerkung portugiesischer Kritiker, António Lobo Antunes schreibe „seit Jahren immer das gleiche Buch“, ist deshalb jedoch auch der poetischen Eigenart dieses Autors näher, als unsere angestrengten Versuche, aus seinen Büchern immer noch einmal nachvollziehbar-relevante Storylines herauszupräparieren. Dabei hat er doch selbst längst dieses Terrain des klassischen Romans von Fielding bis Thomas Mann verlassen und erst recht die Linearität des erzählerischen Dreischritts von Exposition, Katastrophe und Lösung, wie er im klassischen realistischen Roman noch heute an der Tagesordnung ist.

Gerade „Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht“ wirkt wie ein einziger Hohn auf das Erkenntnisinteresse der Inhalts- & Erzählfetischisten. Denn António Lobo Antunes hat hier alle Stoffkreise, Themen und Konstellationen seiner vorangegangenen Bücher noch einmal versammelt: von der Dachkammer mit dem Erinnerungsnippes bis zum Krankenhaus und der Beerdigung eines Familienpatriarchen, von der Herrschaftlichkeit des kolonialen Imperiums bis zur Ranzigkeit der armseligen kleinbürgerlichen Unglücksehe und dem „Arme-Leute-Geruch“, von den Mechanismen der familiären Macht und deren Verfall bis zu den vergeblichen Sehnsüchten der immer Zurückgesetzten und lebenslang Gedemütigten, um ihrer selbst willen geliebt zu werden. Alles versammelt – und aus nur noch einem labilen, mobilen seelischen Zentrum heraus gesponnen: der Psyche Clarinhas.

Es ist also höchste Zeit, endlich zu erkennen, dass dieser Epiker der Erinnerung und der Phantasmen nicht mehr oder minder schlüssige oder spannende Lebensgeschichten erzählt, sondern eine seelische Landschaft evoziert, die ihre eigene Welt, jenseits der „Wirklichen“, sich erschafft. Deshalb zerstört Lobo Antunes radikal das ganze erzählerische Weltgefüge der modernen Prosa und setzt an dessen Stelle die Gleichzeitigkeit einer polyvalenten und polyphonen Vielstimmigkeit, weil er vom bislang episch Unmöglichen & Unerhörten somnambul schreibend träumt. Nämlich dem modernen Roman eine genuine innere Struktur zu geben, die der Poetik der gebundenen Rede des vorbürgerlichen, archaischen Epos vergleichbar ist, indem Sprache zu Sprechen, Erzählen zur Stimmführung wird und durch kadenzierte Wort- und Satz-Wiederholungen ein rhythmisiertes Spannungsverhältnis die Prosa gliedert, sie ineinander schichtend dramatisch aufstaut und immer wieder in Generalpausen ersterben lässt. Dadurch überführt Lobo Antunes den Roman in eine eher vielsätzige als vielstrophische Großform der lyrischen Beschwörung realistisch entgrenzter Imaginationen, bei der Subjekt und Welt, Zeit und Ort sich verflüssigen.

Niemand, der heute schreibt, wagt und keiner verlangt mehr von seinen Lesern als dieser Autor, der das Pathos der Elegie, die mit dem „Gilgamesch“-Epos begann, mit seinen großen Trauermusiken wie kein zweiter fortsetzt. Weiter, riskanter als jetzt mit „Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht“ hat sich António Lobo Antunes noch nicht hinausbewegt aus allen Sicherheiten und (Ein)Verständnissen der Roman-Leser – und allem Begleitschutz der Kritik. Es handelt sich hier um ein veritables Lektüre-Abenteuer, wie es im Buch steht: und zwar nur in diesem Requiem auf das Leben eines geliebten Menschen.

Dass wir das Lektüre-Abenteuer des Portugiesen jedoch antreten können, verdanken wir, wie nun schon seit längerem, der unübertrefflichen, bewundernswerten Übersetzerin Maralde Meyer-Minnemann; und der in der deutschsprachigen Verlagslandschaft solitären Insistenz des Luchterhand-Literatur-Verlages, der seinen portugiesischen Autor von Weltrang uns kontinuierlich zugänglich macht.

Wolfram Schütte



António Lobo Antunes: „Geh nicht so schnell in diese dunkle Nacht“. Roman. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Luchterhand Verlag, München. 2001. 590 Seiten, EUR 25,50
ISBN 3630870910

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