Kennen Sie Bartleby, den Newyorker Anwaltsschreiber, dem Hermann Melville in seiner gleichnamigen Erzählung mit dem wiederkehrenden Verweigerungsatz „ I would prefer not to“ eine mythenstiftende literarische Gegenwärtigkeit verschafft hat - wie Cervantes seinem Don Quichote, Kafka seinem „Sorgen“-Kind „des Hausvaters“, dem raschelnden Etwas Odradek, oder bleiben wir bei Melville: seinem finsteren Gespann von Moby Dick und Käptn Ahab?
Sie kennen „Bartleby“ nicht? Dann wird´s höchste Zeit; denn Sie werden ihn nie wieder vergessen - wie das „Nevermore“ von E.A.Poes „Raben“. Denn Bartleby ist eine der rätselhaftesten und bewegendsten Erfindungen der Literatur – ein völlig unbedeutender, aber immer präsenter Kanzleischreiber, der seinen Arbeitgeber durch seine stille Weigerung mit dem in sich unvollständigen Satz „Ich möchte lieber nicht...“ zur Verzweiflung und zu Kapitulation treibt, bis das Faktotum (nein, dessen Gegenteil: dieses Faknullum) tot ist – und Melville (dieser Große Untote, nämlich Vergessene zu seinen Lebzeiten) ihm sein herzerreißendes Abschiedswort nachruft: „ Ah, Bartleby! Ah humanity!“.Also: unbedingt Herman Melvilles kleine Erzählung „Bartleby“ lesen, die es in mehreren Eindeutschungen gibt, wenngleich wohl keine bislang dem Original das Wasser reichen kann. Macht nichts, do yourself a favour: lesen Sie, bitte.Denn wie für Karl Marx “der vornehmste Heilige im philosophischen Kalender“ Prometheus war, so ist Bartleby der vornehmste Heilige (oder besser: Häretiker) im Kalender der modernen Literatur. Nämlich Melvilles unbewusste Vorahnung von Kafka, Broch, Beckett oder Bernhard; die radikalste Bezweiflung des Wortes, das Schwarze Loch im Universum des Schreibens und Geschriebenen. Was Thomas Manns teufelsbündiger Komponist Adrian Leverkühn als „Rücknahme der Neunten Symphonie“ Beethovens beabsichtigte, nämlich die Liquidation von deren weltumfassenden humanistischen Pathos ( „Alle Menschen werden Brüder“), verkörpert Melvilles Schreiber, der nicht abschreiben will, zwar gewiss nicht, denn sein Ziel ist nicht die eiskalte Barbarei des deutschen Tonsetzers; aber der Weg zum radikalen Schweigen, die Liquidation des Geschriebenen, die Rücknahme des Lebens, ja die Verweigerung, weiterhin einfach noch „mitzumachen“, ist ein ebenso stiller wie unzerstör- oder korrumpierbarer Protest gegen den fortgesetzten banalen Lauf des Lebens. Weitreichend und vieldeutig ist Melvilles Erzählung „Bartleby“, aber ihr Titelheld verlebendigt ein unglaublich bestürzendes: NEIN.Der 1995 gestorbene französische Philosoph Gilles Deleuze hat „Bartleby“ (in dem edition suhrkamp-Band Nr 1919 mit dem Titel „Kritik und Klinik“, der Deleuzes verstreute Arbeiten auf 204 Seiten zu 19.90 DM sammelt) einer großartig-intensiven Lektüre unterzogen, die Bartleby (& Melvilles Sprache) mit anderen Werken sowohl des Amerikaners als auch Kafkas oder Musils vernetzt. Wer vom Rätsel der Melvilleschen Erzählung einmal ergriffen wurde, wird hier eine Zuflucht suchen, die ihm die Transparenz der Erzählung abgründiger macht. „Bartleby“ habe eine „neue Logik erfunden, die zur Aushöhlung der Voraussetzungen der Sprache geführt hat“. Hofmannsthal, der seinen Lord Chandos in seinem berühmten Brief das „Pelzigwerden der Worte im Munde“ beklagen ließ, konnte von dem amerikanischen Vorläufer noch nichts wissen Dagegen ist das eben auf deutsch erschienene Buch des Katalanen Enrique Vila-Matas vordergründiger, wenn auch weitreichender. Der in Barcelona lebende Autor sei in Spanien und Lateinamerika „einer der bekanntesten und meistgelesenen Autoren“, behauptet sein deutsch-schweizer Verlag; jedoch wohl kaum mit seinem „Roman“ namens „Bartleby & Co.“ Denn erstens ist es keiner, selbst bei großherzigster Auslegung des weißgott mittlerweile buntscheckigst ausgelegten Begriffs vom Roman; und zweitens ist „Bartleby & Co.“ glücklicherweiser keiner – sondern ein 86 (!)teiliger Groß-Essay. Zwar erfindet der Katalane eine heutige, schrullige Figur, die sich Bartleby nennt und sich als underdog zunehmend aus der Arbeitswelt zurückzieht, um ihrer Sammlertätigkeit und ihren Studien zum „Prinzip Bartleby“ in der Literatur nachzugehen. Aber dieser Rahmen wird, kaum dass er skizziert ist, auch schon wieder gesprengt durch den Autor selbst, der nur einen erfundenen Vorwand gesucht hat, um uns alle seine Fundstücke zur Theorie & Praxis literarischen Verschwindens im Schweigen, oder noch radikaler: der Verweigerung, literarische Produktion überhaupt zu beginnen, zwischen Giorgio Agamben und Stefan Zweig, ins Gedächtnis oder ins Bewusstsein zu holen.Es ist ein literarisches, literaturhistorisches Abenteuer ganz eigener Art, dem ungemein gebildeten Vilas-Matas auf seiner Spurensuche nach den Bezweiflern, Verweigerern, Aussteigern, Abtreibern, Selbstmördern der Literatur als Existenznachweis des Literaten quer durch die Zeiten und Sprach-Kulturen zu folgen und an 86 Fundstellen zwischen närrischster Idiotie und abgründigster Sophisterei (darunter wohl auch der eine oder andere Fake) ins Grübeln zu geraten. „Bartleby & Co.“ ist ein ebenso wunderliches wie wundervolles, kurzweilig und nachdenklich zu durchforstendes Findebuch des hochherzigen, -gemuten und depressiven Scheiterns und Bezweifelns der Sinnhaftigkeit von Literatur. Und eben deshalb es aber auch ex negativo ein Hohes Lied auf Glanz & Gloria der Literatur gerade dort, wo sie zu erbleichen und zu verenden scheint.Jedoch muss man, um diesen eleganten und eloquenten literaturhistorischen Spitzentanz der Selbstbezweifelung verstehen und genießen zu können, nicht nur zu den „Freien Geistern“ gehören, die Nietzsche gerne als seine Leser wünschte, sondern auch zu den Kennern & Liebhabern, die mehr in ihren Scheuern an Kenntnissen eingefahren haben, als das schnell verderbliche Stroh des letzten Bücher-Augenblicks. So müsste man z.B. schon einmal das eine oder andere Gedicht von John Keats gelesen haben, um bei diesem – womöglich reinsten - englischen Lyriker begreifen zu können, was es angesichts seines Oeuvres bedeutet, dass gerade er behauptet, der Dichter sei „ohne Zweifel das unpoetischste unter allen Geschöpfen Gottes“, weil er „keinen Charakter“ haben darf, um als „Chamäleon“ an allem Gefallen zu finden, was z.B. „den klugen Philosophen schockiert“. Keine Spur also von Identität. Also ist Enrique Vila-Matas´ „Bartleby & Co“ ein Buch für „die happy few“ (Stendhal)? Gewiss. Aber es kann auch, durch seine weitgestreuten Funde und Verknüpfungen auf der Landkarte des Literarischen, erst recht Lust machen, sich zur Happiness der gar nicht so kleinen Schar der „few“ hinzubewegen. Nicht selten ist einer durch Kochbücher erst auf den Geschmack gekommen, sich selbst zu verköstigen.
Wolfram Schütte
Enrique Vila-Matas: „Bartleby & Co“. Roman.(?).Aus dem Spanischen von Petra Strien. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2001, 237 Seiten, 35 DM
Gilles Deleuze: Kritik und Klinik. Aus dem Französischen von Joseph Vogel, edition suhrkamp Nr. 919, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M., 2000, 205 Seiten, 19.90 DM