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Freitag, 25. Mai 2012 | 16:38

 

Marcel Möring: Modellfliegen

23.02.2004



Verpupptes Gedankenspiel


Luftige Phantasmen, musikalisch verwobene Themen, die Marcel Möring zum Modell seiner niederländischen Lebens-Flieger novellistisch verdichtet hat.



 

Als vor drei Jahren Marcel Mörings großer Roman „In Babylon“ erschien, feierte die deutsche Kritik die Ankunft eines weiteren niederländischen Autors, der sich mit seinem ebenso „aberwitzigen wie poetisch-traurigen Streifzug durch drei Jahrhunderte jüdisch-niederländischer Geschichte... unter die bedeutendsten europäischen Erzähler seiner Generation geschrieben“ habe (V. Knapik). In einem Gespräch hat der 1957 in Eschede geborene Möring auf die Frage, was denn das Neue an seinem Roman sei, lakonisch geantwortet: „Die Struktur. Ich fand es immer sehr unnatürlich, daß die Geschichten perfekt aufgehen. Das Leben ist nicht so eindeutig und wohlgeordnet. Ich wollte einen Roman schreiben, der wie das Leben ist... Wir sind an Geschichten mit offenem Ende gewöhnt, aber diese hat gar keins. Jemand zieht einfach den Stecker raus. Aber genauso ist es doch auch im Leben“.

Es ist gut, von Mörings Versuch zu wissen, in solche „Lebensnähe“ mit seiner Literatur zu kommen. So landet man nicht in einer Sackgasse, wie jetzt der FAZ-Rezensent von Mörings Novelle „Modellfliegen“, der dem Autor autobiografische Beliebigkeit und mangelnde Schlüssigkeit vorwirft, weil er selbst den Fehler beging, das subtile poetische Gespinst einer Kindheits- & Familienbeschwörung für kruden autobiographischen Realismus zu halten. Auf den ersten Blick kann man sich gewiss täuschen (& von Möring täuschen lassen) durch diese Ich-Erzählung und alles für bare persönliche Erinnerungs-Münze nehmen. Aber schon der Titel hätte einen hellhörig machen müssen. „Modellfliegen“ – heißt das nicht, sich vom Boden (der Tatsachen) zu erheben, jedoch nicht in einem wirklichen Flugzeug, sondern nur in dessen (literarischem?) Modell? Ist das nicht schon der erste verschmitzte Hinweis darauf, dass Möring hier ein Vexier-Spiel beginnt, zu dem er uns einlädt, es mitzumachen?

Von Flugzeugmodellen – Jagd- & Bomberflugzeugen des 2. Weltkriegs – ist gleich zu Beginn zwar die Rede, wenn der Ich-Erzähler David als Zwölfjähriger dem gerade arbeitslos gewordenen Vater „einbrockt“, für eineinhalb Gulden pro Stück jene Flugzeugmodelle zusammenzubauen, die der ihm befreundete Puppendoktor nicht verkauft, weil die Jungen, die sich dafür interessieren, zu faul zu dieser Arbeit sind. Aber schon der erste Satz der Erzählung - „Als er in einer Anwandlung von plötzlichem Stolz seinen alten Job gekündigt und noch keinen neuen gefunden hatte, beschloß mein Vater, Modellflugzeuge zu bauen“ – ist nicht ganz wahr, weil er es nicht „beschloß“, sondern, wie wir erst danach erfahren, durch seinen Sohn zu dieser merkwürdigen Arbeit kam, die „uns retten sollte“, wie es noch im letzten Satz der Novelle heißt: zumindest eine zeitlang. Denn am gleichen Tag ist die Mutter „wegen Eigensinnigkeit“ entlassen worden – so dass die ganze Familie, Zeit und hinreichende Gründe hat, „Modellflugzeuge“ zusammenzubauen. Könnte das nicht so etwas wie eine jugendliche Wunschphantasie sein – für „eine Luftblase, in der alles ruhig, geschützt und freundlich war“, also ein Familienidyll, das beim Modellbauen „gerettet“ war – und dann, wie wir aus winzigsten Andeutungen im Fortgang der Geschichte uns „zusammenreimen“ müssen, zerfällt?

Das ironische Raffinement von Mörings Schreibweise besteht in der Tat darin, dass wir als Leser in jedem Augenblick „gefordert“ sind, alles, was er uns erzählt, mit allem anderen in Beziehung zu setzen, um erst allmählich über Umwege, Irrgänge und Einkreisungen hinter das verschwiegene Geheimnis dieser Familie von eigensinnigen „Luftikussen“ zu kommen. Denn dass der Vater als Fünfzehnjähriger (!) mit einem Segelflugzeug vor den heranrückenden deutschen Truppen über die Nordsee nach England gefloh(g)en ist, dort als Jagdflieger (!) gegen die Deutschen kämpfte, später in den Niederlanden ein Sprühflugzeug flog und als er abstürzend nieder aufs Land ging, mit zahllosen Knochenbrüchen im Krankenhaus lag, jene Krankenschwester sich in ihn verliebte und ihn heiratete, die ihren Beruf gewählt hatte, nachdem sie im Krieg einen verletzten britischen Piloten gerettet hatte und sie sich auch noch zuletzt um eine Stelle als Stewardess bewerben wird: - diese Häufung von Flug-Bewegungen im Leben der merkwürdigen Kleinfamilie trumpft derart „unrealistisch“ auf, dass die Metaphorik von Phantasie, Flucht und Verlangen ins Humoristische transzendiert.

Aber es ist eine literarische Humoristik auf dunklem Grund. Davids Vater ist der drohenden Vernichtung durch die Deutschen entkommen, seine jüdische Familie deportiert und ermordet worden. Diskret deutet Möhring an, dass seines Vaters Land ihn nach dem Krieg als „displaced person“ führte und er als Heimkehrer seinen Platz im Leben nicht mehr fand. David, der seine „kleinen Fluchten“ als Zwölfjähriger mit der Lektüre von Kochbüchern beginnt – ein ironisches Quid pro Quo literarischer Berufung -, wird nicht Koch, obwohl er bei einem höchst amüsanten Restaurant-Besuch mit dem englischen Feinschmecker-Freund seines Vaters, die Nobelgastronomie durch seine Kochkünste sprachlos macht. Wir treffen ihn – nachdem wir in einem „holländischen See-Stück“ ahnen konnten, dass die Mutter mit dem väterlichen Freund ein Verhältnis begonnen hatte – als vierzigjährigen „jüdischen Puppendoktor“ wieder, der Drachen und Modellflugzeuge mit einer multiethnischen Kinderschar baut, seit zwei Jahren mit einer „türkischen Juristin“ zusammenlebt – und seine Kindheitsgeschichte, die wir nun kennen, als Märchen verklausuliert, seinen kleinen Zuhörern und seiner Geliebten erzählt. So schließt sich der Kreis luftiger Phantasmen, musikalisch verwobener Themen, die Marcel Möring zum Modell seiner niederländischen Lebens-Flieger novellistisch verdichtet hat.


Wolfram Schütte



Marcel Möring: Modellfliegen. Novelle. Aus dem Niederländischen von Helga von Beuningen. Luchterhand Verlag, München 2001, 125 Seiten, 29.80 DM

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