Welche Wahl trifft wohl ein junger Mann, der zwischen zwei Frauen zu entscheiden hat? Da ist einerseits die gut aussehende und gut situierte Studentin Sonja: ehrgeizig, zielstrebig, intelligent und aufgeweckt. Die fade, graue Maus Iwona hingegen lebt als Polin illegal in Deutschland, hält sich mit Hilfsjobs über Wasser, ist fromm bis zur Bigotterie und zurückhaltend bis zur Unterwürfigkeit.
Der etwas entschluss- und antriebslose Architekturstudent Alexander, genannt Alex, nimmt jedenfalls beide. Den heißen Sommer vor seiner Diplomprüfung driftet er mit Freunden dahin im Biergarten, am Baggersee, in Schwabinger Lokalen. Alles ist offen, alles erscheint möglich. Da passt die unansehnliche, schäbig gekleidete Zufallsbekanntschaft Iwona nicht unbedingt ins Bild, doch ihre rührende Hingabe und ihr naiver Glauben haben etwas Faszinierendes.
Lichter und Schatten enthüllen die Formen
Kurz darauf reist Alex mit seiner Kommilitonin Sonja nach Marseille, um Le Corbusiers legendäre Cité Radieuse zu besuchen. Eben noch reden sich die jungen Studenten über Architekturkonzepte die Köpfe heiß, wenige Stunden später liegen sie einander schon in den Armen. Mit kurzem Erstaunen nimmt Alex auch diese Liebschaft hin, wie eine Fügung, wie ein vorherbestimmtes Geschick. Der Heiratsantrag ein halbes Jahr später scheint auch eher dem Zufall, als einem tiefen Wunsch geschuldet zu sein. Alex und Sonja werden ein Paar, gründen ein Architekturbüro, kooperieren, expandieren, reüssieren. Der beständige Weg nach oben scheint vorgezeichnet zu sein. Doch nicht alles lässt sich mit Ehrgeiz und Anstrengung erreichen. Bei Sonja will sich keine Schwangerschaft einstellen, obwohl ein Kind ihrem perfekten Leben den letzten Schliff gäbe.
Die fetten Jahre sind vorbei
Sieben Jahre nach der letzten Begegnung trifft ein Brief von Iwona ein, die nach einer ernsthaften Erkrankung um finanzielle Unterstützung bittet. Alex gibt ihr Geld – und setzt die alte Affäre fort. Als Iwona ungewollt schwanger wird, heckt Alex eine luzide Idee aus. Doch das wacklige Arrangement hält nur mühsam den kommenden Schwierigkeiten stand.
„Der Erfolg gehört den Findigen“, befand einst Le Corbusier. Doch der Autor Peter Stamm, ein Schweizer Landsmann, legt alles darauf an, diese Aussage in Frage zu stellen. Mit einigen Prosabänden und dem Debütroman Agnes hat er sich bereits einen Namen als stiller, lakonischer, minimalistischer Erzähler gemacht. Auch Sieben Jahre beeindruckt durch eine karge, reduzierte Sprache, die es jedoch schafft, starke Bilder heraufzubeschwören. Hier ist die Architektur ein stimmiger Platzhalter für Lebensgefühle und Lebensumstände. Lebt der Student Alex noch autonom, aber sozial vernetzt in einem der begehrten Bungalows des Olympischen Dorfes, erfährt er später in einer Wohngemeinschaft unerwünschte, beklemmende Nähe und in einer Dreizimmerwohnung die vage Ahnung vom falschen Dasein. Das Haus, das er als Familienvater bewohnt, verkörpert vollends seine Lebenslüge.
Kein leichter Stoff – und doch ein klares Buch, durchkomponiert, auf Statik und Fundament bedacht, wie am Reißbrett entworfen. Sein Grundriss verfügt über eine Vielzahl von Zimmern. Und jeder Leser kann eines finden, in dem er sich heimisch fühlt.